Filmfestspiele Venedig

„Mama, mir is' fad“

Von Dirk Schümer, Venedig

Nach der Beerdigung können sich die Frauen in “Fallen“ nur kurz frei fühlen

Nach der Beerdigung können sich die Frauen in "Fallen" nur kurz frei fühlen

05. September 2006 Jeder Tod ist der Anfang einer Geschichte, die von den Überlebenden erzählt wird. Oder der Beginn eines Films, wie bei der Österreicherin Barbara Albert. In ihrem Festivalbeitrag „Fallen“ treffen sich fünf ehemalige Schülerinnen zur Beerdigung ihres Lehrers. Es hätte eine Geschichte werden können von einem faszinierenden, aber verlogenen Pädagogen, der seine Elevinnen nicht nur mit verquasten antikapitalistischen Utopien impfte, sondern auch mit der einen oder anderen ins Bett ging. Die Kleinstadtgemeinde irgendwo zwischen Sankt Pölten und Graz schickt ihm die Gospelgrüße des Schulchors, die kämpferischen Worte der verhärmten Witwe und allerhand Marillenschnäpse hinterher. Nach der eher unschönen Leich' müßte eigentlich die Geschichte beginnen.

Aber Barbara Albert zeigt nur oberflächliches Interesse an ihren gut dreißigjährigen Mädchen, die da lustlos durchs alte Klassenzimmer schlurfen und irgendwann bei einer Dorfhochzeit mit abschließendem Diskobesuch schwer abstürzen. Welcher propere Backfisch da welchen einst beim begehrtesten Jungen ausgestochen hat, wer wen nie zu Wort kommen ließ, wer immer dumm dazwischenredete und wer zu politischem Kampf agitierte, tut das praeter propter heute noch nicht viel anders. Nichts ist geschehen. Die auseinanderlaufenden Biographien, die den Film hätten interessant machen können, sind bei dieser Regisseurin schon lange vor dem Abitur zu Ende gegangen.

Was soll das?

Die Frauen langweilen sich im Film gegenseitig

Die Frauen langweilen sich im Film gegenseitig

Statt - wie angekündigt - ein Kammerspiel für Schauspielerinnen abzuliefern, suhlt sich Albert in den vorhersehbar dumpfen Häßlichkeiten der Provinz: Die Polonaise dicker Feuerwehrleute, der Dorfrock mit überflüssigem Striptease, der volltrunkene Sex auf dem Klo, die Prügelei mit der Handtasche: die Würdelosigkeit dieses infelix Austria hat Manfred Deix unterhaltsamer gekonterfeit, zumal bei der Langeweile der Protagonistinnen irgendwann echte Neugier für die Biersäufer, Schlägertypen und Polizisten aufkommt, die der Regie nur als optisches Kanonenfutter dienen. Und so geht alles handlungsfrei und dialogarm zu Ende, wie es gar nicht begonnen hat. „Mama, mir is' fad“, lautet in lichten Momenten ein Standardsatz dieses Films, dessen zweideutiger Titel wohl weniger vom Stürzen handelt als von den Klischees, denen die Regisseurin in alle Fallen gegangen ist.

Auch bei Darren Aronofsky gibt es eine Beerdigung, auch bei ihm könnte mit dem Tod eine Geschichte beginnen. Doch der New Yorker Phantasy-Experte bläst das individuelle Sterben zu einem einschläfernden Weltenmärchen auf. Sein uramerikanisches Liebespaar Tommy und Izzi wird nämlich außer in der tristen Jetztzeit - sie stirbt an einem Hirntumor - noch zweimal inkarniert: als spanische Märchenkönigin und Conquistador im sechzehnten Jahrhundert sowie als futuristisches Raum- und Geistfliegerpärchen auf dem Weg zur sterbenden Galaxis Ixibalba. Das Publikum fragt sich besser nicht, was ein folternder Großinquisitor, ein hirnoperierter Laboraffe, ein geheimnisumwölkter Maya-Tempel, der Lebensbaum der biblischen Genesis, der weise Franziskanerpater Avila und ein tintengeschriebenes Manuskript, das wie der Film „The Fountain“ heißt, mit alldem zu schaffen haben. Aber weil man sich im Lauf der zähen Zeit genau das ausweglos zu fragen beginnt, muß man Skript und Regie wohl außerirdische Inspirationen zugute halten. Oder waren da bewußtseinserweiternde Pillen und Pilze im Spiel?

Ein Mix aus Raumfahrt und Genetik

Während sein Cybermärchen, das sich mit Ringen und Bäumen und Schwertern eben doch nicht einzig bei „Raumschiff Enterprise“ und „Krieg der Sterne“, sondern auch beim „Herrn der Ringe“ bedient hat, munter vor sich hin wabert, läßt Aronofsky zu minimalistischen Sphärenklängen Milchstraßen zerfließen, Seifenblasen durchs Universum huschen und Bewußtseinsströme durch Baumrinden jagen. Wo Kubricks „2001“ und Tarkowskis „Solaris“ gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Alltagsvernunft und kosmischer Metaphysik balancierten, ist Aronofsky offenbar alles wurscht. Der Anfang ist zugleich das Ende, die Mayas kennen das Rätsel der Unsterblichkeit (nur sind sie leider ausgestorben), und Bäume, die meist aus Gräbern wachsen, sind eh die klügeren Menschen.

Dieser Filmer, der sich nicht in die esoterischen Tarockkarten gucken läßt, verrät statt dessen en passant das Rezept für seinen bunten Bildschirmschoner: Man bediene sich bei sämtlichen Populärmythen, mixe etwas Raumfahrt und Genetik dazu, rühre tüchtig um und - brabbelbrabbel - heraus kommt: nein, keine Geschichte, doch ein veritabler Spielfilm. Man kann nur hoffen, daß es am Lido in den nächsten Tagen noch ein paar Geschichten gibt, die nicht bereits im Embryonalstadium abgewürgt wurden.

Text: F.A.Z., 05.09.2006, Nr. 206 / Seite 35
Bildmaterial: AFP, Kinowelt/Cinetext

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