Interview mit Cate Blanchett

Die Göttin von nebenan

Die australische Schauspielerin Cate Blanchett : Mit zwei Filmen auf der Berlinale

Die australische Schauspielerin Cate Blanchett : Mit zwei Filmen auf der Berlinale

17. Februar 2007 Im „Ritz Carlton“ am Potsdamer Platz geht es zu wie im Taubenschlag. Oben, in der Journalistenlounge, stürmt eine junge Frau herein, die, mit Tonband und Handtasche bewaffnet, ganz außer sich von der Toilette kommt, weil neben ihr am Waschbecken Cate Blanchett gestanden und sie, die Journalistin, tatsächlich nach ihrem Puder gefragt hat: „Cate Blanchett hat meinen Puder benutzt!“

Blanchett war in diesem Jahr die Königin der Berlinale. Mit zwei Filmen war sie da, Steven Soderberghs „The Good German“ und Richard Eyres „Tagebuch eines Skandals“, der diese Woche in die deutschen Kinos kommt. Es ist die Geschichte einer jungen Lehrerin aus London, die eine Affäre mit einem ihrer Schüler beginnt, was niemand bemerken würde - wäre da nicht ihre, von Judi Dench gespielte Kollegin und Freundin Barbara, die ihr heimliches Wissen nutzt für ein niederträchtiges Spiel der Macht. So wird der Fehler einer Frau zur Gelegenheit für eine andere. Für ihre Rolle der jungen Lehrerin ist Cate Blanchett als beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert.

Sie sitzt am Fenster des Hotelzimmers, spricht mit tiefer, australisch eingefärbter Stimme. Und sie ist von einer Schönheit, die einen, für einen kurzen Augenblick, mit der allergrößten Gewissheit an Gott glauben lässt.

Mrs. Blanchett, als vor kurzem der Film „Babel“ zu sehen war, hat der Regisseur Alejandro González Iñárritu gesagt, er habe Sie und Brad Pitt in Nebenrollen besetzt, weil er die Stars „Cate Blanchett“ und „Brad Pitt“ hinter den Charakteren verblassen lassen wollte. Der Zuschauer sollte vergessen, wen er da vor sich hat.

Wenn ich ehrlich bin, wollte ich die Rolle überhaupt nicht haben. Ich wollte in einem Film von Alejandro spielen, das schon. Aber ich wollte nicht arbeiten. Und dann sah ich das Drehbuch und fand, dass es da für mich nicht viel zu tun gab und eine andere Schauspielerin das sicher genauso brillant hinkriegen würde. Alejandro hat dann aber so sehr auf mich eingeredet, er ließ wirklich nicht locker, bis er mich von der inneren Spannung der Figur überzeugt hatte.

Wie jedes Mal, wenn Sie spielen, dachte man dann tatsächlich nur an die Figur und nicht an Cate Blanchett. Und das ist doch ein Phänomen! Man weiß nicht viel über Sie und Ihr Privatleben. Wenn man Menschen über Sie sprechen hört, geht es, abgesehen von Ihrer Schönheit, eigentlich immer um Ihre Rollen: um Elisabeth, um Katharine Hepburn in „The Aviator“ oder jetzt um eine Lehrerin in London. Ist das das Resultat langjähriger, sehr bewusster Zurückhaltung?

Das höre ich natürlich gern. Es ist gut, wenn die Medien glauben, mein Privatleben sei langweilig.

Das wollte ich nicht behaupten!

Ich weiß. Im Ernst, es ist nichts, was ich geplant oder mir fest vorgenommen habe. Eher ist es ein Ausdruck dessen, wie ich bin. Ich spreche einfach grundsätzlich nicht gerne öffentlich über mein Privatleben. Und ich bin auch eher davon angetrieben, etwas zu tun, als dann nachträglich endlos darüber zu reden. Dieser ganze Personenkult ist wirklich bizarr. Ich hasse es, wenn ich ins Kino gehe und erst mal gegen all diese Nebelschwaden ankämpfen muss, weil ich zu viel über einen Schauspieler oder eine Schauspielerin weiß. Da können sie noch so gut spielen, ein klarer Blick ist nicht mehr möglich. Alles ist von vermeintlichen Skandalen verschleiert und der Film nur noch ein Film mit dem oder dem. Das will ich nicht. Im Grunde hatte ich ja nie besonders große Ambitionen, so etwas zu werden wie, ich weiß nicht ...

... wie ein Filmstar?

Was auch immer das bedeutet. Ich komme vom Theater. Ich war auf einer Schauspielschule, und als ich meinen Abschluss machte, war das eine Zeit, in der das Filmgeschäft in Australien nicht gerade ein Ort war, wo man unbedingt hinwollte. Das war einige Jahre später dann anders. Wissen Sie, was allerdings ein bisschen dumm ist?

Nein.

Ich interessiere mich für Mode, sehr sogar. Und das ist sehr fatal, weil in dem Moment, wo man einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, daraus eine Riesensache gemacht wird. Ganze Karrieren werden darauf gegründet.

Darüber nachdenken zu dürfen, was man bei der Oscar-Verleihung anzieht, ist aber nicht gerade das Schlechteste, oder?

Sicher nicht. Es ist, wie wenn man darüber nachdenkt, was man bei seiner Hochzeit tragen will. Die Schauspielerinnen sind die Bräute des Kinos! Eine Frau, die sich den Objektiven so vieler Kameras aussetzt und nicht darüber nachdächte, was sie anzieht, wäre natürlich dumm. Man muss sich sicher fühlen, weil man wirklich bombardiert wird. Gleichzeitig ist es aber notwendig, sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, warum man dort eigentlich steht. Der Grund dafür ist eine schauspielerische Leistung, nicht in erster Linie das Kleid.

Würden Sie sagen, dass Schauspielen für Sie lebensnotwendig ist?

Unbedingt. Allerdings könnte ich Ihnen nicht sagen, wieso, und versuche auch gar nicht, es herauszufinden. Ich muss es einfach tun. Nach jedem Job sage ich mir: „Das war's, das reicht, nie wieder! Es gibt so viele andere Dinge, die du mit deinem Leben machen kannst!“ Und dann mache ich doch weiter. Es ist ein Bedürfnis, eine Sucht, eine Berufung. Jetzt zum Beispiel freue ich mich schon sehr darauf, zusammen mit meinem Mann in Sydney an der Theatre Company an einem Stück zu arbeiten. Wir inszenieren „Black Bird“ von David Harrower, ein brillantes Drama, wirklich kompromisslos.

In der Rolle der Katharine Hepburn in „Aviator“ sprachen Sie mit Ostküsten-Dialekt, sehr vibrierend, sehr bestimmt. In „The Good German“ dagegen ist Ihre Stimme dunkel. Wie wichtig sind Ihnen die Stimmen Ihrer Figuren?

Die Art und Weise, wie jemand spricht oder atmet, sagt sehr viel über den Charakter aus, über das, was man denkt oder wer man ist. Syntax und Rhythmus transportieren Bedeutung und sind wie Gesten Teil der ungesprochenen Sprache. Ich versuche, nicht allzu krankhaft darauf zu achten, und hoffe sehr, dass es natürlich wirkt. Sie dürfen ja nicht vergessen, dass ich aus Australien komme und international mit meiner Art zu sprechen gar nicht spielen kann. Eine der größten Herausforderungen in dieser Hinsicht war sicher, als wir mit der Sydney Theatre Company Ibsens „Hedda Gabler“ gespielt haben und mit dieser Produktion dann letztes Jahr in New York zu Gast waren, am Harvey Theater der Brooklyn Academy of Music. Ich wollte den australischen Akzent auch dort gerne beibehalten, zugleich wollte ich aber nicht als Klischee-Australierin wahrgenommen werden. Das war ein sehr schmaler Grat. Die Schwierigkeit bei der Katharine-Hepburn-Rolle war eher eine andere. Es wäre sicher leichter gewesen, sie auf der Theaterbühne zu spielen, da hätte es eine Distanz gegeben. Jeder kennt Katharine Hepburn auf Zelluloid, so existiert sie in unseren Köpfen. Und sie dann auch auf Zelluloid spielen zu müssen war ein Problem, mit dem ich zu kämpfen hatte. Ich musste sie in ihrem Medium spielen, nämlich dem Kino!

Fühlen Sie sich dem Theater denn mehr verbunden als dem Film?

Dass ich am Theater gelernt habe, wie ich Körper und Stimme trainiere, und weiß, wie ich einen Text analysiere, bedeutet Sicherheit. Im Filmgeschäft gibt es wenig Kontinuität. Man ist für einen gewissen Zeitraum hier, für den nächsten dort, macht sehr intensive Erfahrungen, weiß aber nie genau, was kommt. Im Theater dagegen hat man, zumindest wenn man ein Engagement hat, immer das Gefühl, einer bestimmten Tradition anzugehören oder Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das gibt es beim Film nicht - oder nicht mehr. Im alten Studiosystem in den vierziger und fünfziger Jahren war das natürlich so, dass Schauspieler unter den Fittichen eines Studios standen. Heute nimmt dich niemand unter seine Fittiche, weshalb man sich beim Film sehr einsam und isoliert fühlen kann. Und da ist es dann gut, auf eine technische Reserve zurückgreifen zu können. Das ist wie ein Schutzmantel.

Bei Steven Soderbergh müssen Sie sich dann aber doch gerade sehr gut gefühlt haben. Immerhin ist „The Good German“ eine Art Ausflug ins alte Studiosystem!

Ja, das war toll! Wir waren da in Los Angeles und haben so getan, als wenn wir unter den Bedingungen von damals drehten. Steven hat die alten Kameratechniken, später die Montagetechniken benutzt, wir trugen die alten Kleider. Da hatte ich wirklich den Eindruck, mit der Filmgeschichte in Verbindung zu stehen und ein Erbe anzutreten.

Haben Sie das Gefühl, von Film zu Film routinierter zu werden, oder springen Sie jedes Mal von neuem ins kalte Wasser?

Es wird immer schlimmer! Am Anfang hatte ich ja nichts zu verlieren. Je bekannter man ist, desto größer ist auch das Risiko. Das ist wie im Casino. Ich muss immer alles auf eine Karte setzen.

Ich hätte gedacht, dass man das beim Drehen vergisst.

Was ich immer vergesse, ist, dass ein Film irgendwann ja auch wirklich herauskommt - wenn er denn herauskommt, manche Filme kommen ja nie raus! Dass es Menschen gibt, die ihn dann sehen, muss ich immer verdrängen, das macht mich fertig. Im Grunde besteht das eigentliche Experiment für mich darin, mich von den Erwartungen der anderen frei zu machen. Manchmal klappt das, dann auch wieder nicht. Und natürlich brauche ich gute Rollen für diese Experimente.

Die hätten Sie sich im Studiosystem möglicherweise nicht unbedingt aussuchen können. Wer weiß, wen Sie da alles hätten spielen müssen, weil das Studio es gewollt hätte.

Das stimmt natürlich. Interessanterweise sind es ja gar nicht immer nur die großen Rollen, die mich sehr interessieren. In „Schiffsmeldungen“ zum Beispiel war ich auf Seite neun des Drehbuchs tot. Trotzdem wollte ich das unbedingt spielen. So wie ich unbedingt in Jim Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ spielen wollte, weil ich da eine Doppelrolle hatte und Doppelrollen liebe, auch auf der Bühne.

In „The Good German“ mussten Sie jetzt Deutsch sprechen.

Oh ja, und ich dachte, das deutsche Publikum würde mich auslachen deswegen. Ich war wirklich nervös. Die Reaktionen waren aber sehr bewegend. Ich habe während des Films viel über das Nachkriegsdeutschland gelernt, habe mich mit Hildegard-Knef-Filmen vorbereitet und Bücher wie „Eine Frau in Berlin“ gelesen. Und natürlich ist es schön, den Film jetzt hier in Berlin zu präsentieren. Am allerbesten gefällt es hier allerdings meinen zwei kleinen Söhnen, mit denen ich da bin. Die wollen, glaube ich, gar nicht mehr weg.

Das Interview führte Julia Encke.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS

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“Dieser ganze Personenkult ist wirklich bizarr““Eine Frau, die sich den Objektiven so vieler Kameras aussetzt und nicht darüber nachdächte, was sie anzieht, wäre natürlich dumm““Die Schauspielerinnen sind die Bräute des Kinos““Je bekannter man ist, desto größer ist auch das Risiko““Es sind ja gar nicht immer nur die großen Rollen, die mich sehr interessieren“ In “The Good German“ musste Blanchett (hier mit Clooney) deutsch sprechenCate Blanchett und Judi Dench in dem Drama “Tagebuch eines Skandals“Blanchett mit Regisseur Steven Soderbergh (l.) und Schauspieler Christian OliverVor kurzem war Blanchett mit Brad Pitt in dem Film “Babel“ zu sehen