Von Sascha Lehnartz
02. April 2007 Hilary Swank sieht umwerfend gut aus in ihrem schulterlosen schwarzen Fendi-Kleid und den High Heels. Der Reporter freut sich gerade sehr über diesen Interview-Termin, da sagt der Star mit einem Lächeln: Sorry, ich muss mich nochmal kurz umziehen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, kurz zu warten?
Das Warten nicht, aber das Umziehen. Muss das sein?
Leider ja, denn das Hotel Adlon hat die Klimaanlage so eingestellt, dass schulterlose Fendi-Kleider untragbar sind. Sehr schade. Hilary Swank braucht keine zehn Minuten, um die Garderobe zu wechseln. Man darf ja von einer zweifachen Oscar-Gewinnerin auch erwarten, dass sie sich schnell umkleiden kann. Sie bleibt in Schwarz, trägt jetzt Jeans, ein schlicht edel aussehendes Top und eine andere High-Heel-Konstruktion als zuvor. Sie sieht immer noch toll aus, aber nicht mehr ganz so flamboyant wie eben noch im Kleid. So wirkt sie beinahe schon bodenständig, strahlt aber immer noch jenen Glamour aus, den man in Deutschland mitunter verzweifelt sucht. Und weil man ihn nirgends findet, fotografiert man dann Regionalpolitikerinnen in Latexhandschuhen.
Wie ekelhaft ist das denn?
Händeschütteln geht leider nicht - Hilary Swank zeigt ihre Handflächen vor: Guck mal, lauter Melonenkerne, wie ekelhaft ist das denn? fragt sie und lacht laut und mädchenhaft. Pferdestehlen ist schon länger aus der Mode, aber mit Hilary Swank würde es bestimmt prima klappen. Leider müssen wir nur vorher noch über einen ernst gemeinten und etwas missglückten Film sprechen. Freedom Writers heißt der Streifen, in dem Hilary Swank die junge, idealistische Lehrerin Erin Gruwell spielt.
Diese Lehrerin gibt es tatsächlich. Mitte der neunziger Jahre begann Erin Gruwell an der Wilson High School in Long Beach zu unterrichten. Dort traf sie auf eine multikulturell zusammengewürfelte Klasse, in der die unterschiedlichen ethnischen Gruppen sich gegenseitig das Leben schwermachten. Das einzige, was die verschiedenen Fraktionen teilen, ist die Unlust zu lernen. Sie sind überzeugt, in dieser Welt ohnehin keine Chance zu haben - es sei denn als Drogendealer.
Freedom Writers ertrinkt in Idealismus
Als in der Klasse die rassistische Karikatur eines schwarzen Schülers kursiert, versucht die Lehrerin Gruwell den Schülern nahezubringen, dass sie allesamt ähnliche Erlebnisse mit Rassismus und Ausgrenzung teilen und gleichermaßen unter der alltäglichen Gewalt leiden. Sie lässt die Schüler das Tagebuch der Anne Frank lesen. Erstmals hören die Teenager vom Holocaust. Sie besuchen ein Holocaust-Museum und lernen Überlebende kennen. Aus deren Erzählungen stellen sie eine Verbindung zu ihren eigenen Ausgrenzungserfahrungen her, und Erin Gruwell spornt sie an, darüber zu schreiben. Danach wird alles besser.
Der Film droht leider gelegentlich in seinem Idealismus zu ertrinken. Und die Gleichsetzung von Nazi-Verfolgung und zeitgenössischer amerikanischer Ghetto-Erfahrung mag didaktisch wirksam sein, ist aber für historisch sensible Gemüter schwer verdaulich. Hilary Swank schlägt sich wacker als idealistische Lehrerin, aber die Rolle birgt bei weitem nicht das Potential wie jene, die der Zweiunddreißigjährigen ihre beiden Oscars einbrachten.
Man erwartet stets das Außergewöhnliche
Vielleicht ist das der Fluch des Erfolges einer Darstellerin, die durch Rollen berühmt wurde, die wie Rasierklingenritte sind. Sie spielte eine Transsexuelle in Boys Don't Cry und eine gelähmte Boxerin ohne Lebensmut in Million Dollar Baby. Man hat sich daran gewöhnt, von Hilary Swank das Radikale, Außergewöhnliche zu erwarten - und ist enttäuscht, wenn sie einmal einen passablen, nicht besonders guten Film macht.
Im Gespräch gewinnt man den Eindruck, dass sie selbst am besten weiß, dass sie mit Freedom Writers nicht erneut Kino-Geschichte schreiben wird. Ihre Antworten klingen ein wenig wie auswendig gelernt, wenn es um den Film geht. Es sei toll, den Streifen jetzt in Deutschland vorzustellen. Er transportiere einen universellen Gedanken, der überall auf der Welt verstanden werde: dass jeder eine Chance verdiene. Wenn man aufgegeben wird und gesagt bekommt, dass man keine Chance hat, dann glaubt man das auch irgendwann.
Wirkliche weibliche Hauptrollen sind selten
Hilary Swank wirkt inspirierter und ist sehr witzig, wenn sie über das Problem mit den Wassermelonenkernen redet. Oder über die zu engen Schnallen ihrer High Heels. Oder darüber, dass Hillary Clinton ihren eigenen Namen falsch schreibt - mit zwei L. Aber leider soll sie hier für ihren neuen Film werben. Und unter diesen Umständen ist ihre Antwort auf die Frage, ob sie sich eigentlich in den fünf Jahren, die zwischen Boys Don't Cry und Million Dollar Baby lagen, immer die richtigen Rollen ausgesucht habe, schon fast sensationell offenherzig: Es ist einfach wirklich schwer, gute Drehbücher zu finden. Dass ich ,Million Dollar Baby' nur fünf Jahre nach ,Boys Don't Cry' machen konnte, ist schon erstaunlich genug.
Man müsse sich doch nur die Filme ansehen, die jedes Jahr für den Oscar nominiert seien. Es gibt ganz selten mal wirkliche weibliche Hauptrollen. Nehmen Sie das Jahr, in dem ,Million Dollar Baby' als bester Film ausgezeichnet wurde, das ist ein gutes Beispiel. 2004 waren außerdem Aviator, Finding Neverland, Ray und Sideways nominiert - alles Werke, in denen Frauen kaum eine Rolle spielen. Natürlich möchte man keine Kompromisse machen, aber man möchte eben auch weiter arbeiten. Es ist wirklich hart.
Der ganze Schrott ist mühsam
Von zwanzig Drehbüchern, die man ihr anbiete, sei vielleicht eines gut und höchstens eines unter fünfzig vom Kaliber Boys Don't Cry oder Million Dollar Baby. Sie liest auch längst nicht mehr so viele wir früher, denn es ist wirklich mühsam, sich durch den ganzen Schrott zu quälen. Hilary Swank lässt lesen, sie beschäftigt einen Manager und zwei Agenten.
Mit einem dieser Agenten, John Campisi, ist sie außerdem seit einigen Monaten auch privat verbandelt. Anfang des vergangenen Jahres hatte sie sich nach 13 Jahren Beziehung (davon acht Jahre Ehe) von dem Schauspieler Chad Lowe getrennt. Danach verbrachte sie erst einmal einige Wochen in Indien, allerdings nicht zur Selbstfindung. Sie arbeitete im nordindischen Palampur im Dienste einer Non-Profit-Organisation als Lehrerin für Kinder zwischen vier und 13 Jahren. Hilary Swank bildet sich nicht ein, durch ihr Engagement die Welt retten zu können. Sie hilft einfach gern - und verspürt immer wieder Lust, ihren Horizont zu erweitern. Zwischen Dreharbeiten belegt sie Italienisch-Kurse an der Uni.
Zeitweise in einem Auto gelebt
Hilary Swank wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Staat Washington auf, zeitweise lebte sie in einem Trailer-Park. Die Ehe ihrer Eltern scheiterte. Als sie 16 war, entschied sich ihre Mutter dafür, die schauspielerischen Ambitionen der Tochter zu unterstützen, und zog mit ihr nach Los Angeles. Anfangs lebten die beiden gemeinsam in einem Auto, einem Oldsmobile Delta Cutlass, wie die Oscar-Gewinnerin sich erinnert. Das sei aber nicht besonders schlimm gewesen, sondern eher wie ein Camping-Abenteuer. Nach einigen Wochen fanden sie Unterschlupf bei einem Bekannten.
Ihre Mutter bekam schließlich einen Job, und Hilary Swank ergatterte die ersten kleineren Rollen. Eine Art Durchbruch schien geglückt, als sie 1997 in der Teenager-Kultserie Beverly Hills 90210 die alleinerziehende Mutter Carly Reynolds spielen durfte. Besonders viel Spaß machte ihr das allerdings nicht. Wir drehten in einem grauenhaften, heruntergekommenen Studio, das alles andere als inspirierend war. Alles fiel auseinander, es war dunkel. Und die Drehbücher waren auch nicht gerade besonders mitreißend. Aber ich habe versucht, das Beste draus zu machen.
Ende der Serienfigur führte letztlich zum Oscar
Als das Beste für Hilary Swank sollte sich herausstellen, dass die Autoren ihre Figur nach 16 Folgen wieder aus der Serie hinausschrieben, obwohl ihr Vertrag ursprünglich auf zwei Jahre angesetzt war. Denn erst durch das überraschende Ableben dieser Serienfigur konnte sie die Rolle in Boys Don't Cry annehmen - wodurch ihre Karriere in eine neue Umlaufbahn geriet. Ich habe ziemlich viel Glück gehabt, sagt sie, und preist ihre Mutter Judy als Schlüssel zum Erfolg: Die habe sie stets in ihrem Traum bestärkt und ihr das Gefühl gegeben, es schaffen zu können. Jeder Mensch braucht eine Person, die ihm den Glauben an sich selbst gibt und ihm sagt: Aus dir kann etwas werden.
Als das Interview zu Ende ist, bestellt Hilary Swank beim Zimmerservice einen Caesar's Salad, Tomaten mit Mozzarella und Spaghetti Puttanesca. Ich sterbe vor Hunger, sagt sie und strahlt vor Freude aufs Essen. Das ist ein ziemlich sympathisches Bild: eine Star-Schauspielerin, die nicht Diät hält und ordentlich Kohldampf hat.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.04.2007, Nr. 13 / Seite 61
Bildmaterial: AP, dpa, Jaimie Trueblood, REUTERS
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