Omar Sharif

Konvertiten leben gefährlich

Omar Sharif, hier in “Die zehn Gebote“

Omar Sharif, hier in "Die zehn Gebote"

03. November 2005 Vor ein paar Jahren hätte man den Fall noch nicht so ernst genommen. Aber vor ein paar Jahren war der niederländische Regisseur Theo van Gogh noch am Leben, bevor er nach Todesdrohungen von einem religiösen Fanatiker rituell abgeschlachtet wurde.

Nun ist es der Schauspieler Omar Sharif, der auf einer islamistischen Website im Dunstkreis von Al Qaida mit dem Tod bedroht wird, weil er in den Augen jener Leute eine falsche Rolle angenommen hat. Sharif spielte nämlich den Petrus in einer monumentalen Verfilmung der italienischen Rai. Letzte Woche wurde die zweiteilige Apostelgeschichte mit großem Erfolg in Italien ausgestrahlt.

Der Papst war zufrieden

Der Papst als Amtsnachfolger Petri und die derzeit tagende Generalsynode äußerten sich - was natürlich wenig über die cineastische, aber viel über die religionspädagogische Qualität des Petrusfilms aussagt - bei einer Privatvorstellung bewegt und zufrieden. Und fanden nichts daran auszusetzen, daß der Hauptdarsteller Muslim ist. Sharif, als ägyptischer Christ geboren, trat bei seiner Heirat vor Jahrzehnten zum Islam über und äußerte sich in einem Interview äußerst unorthodox, man könnte auch sagen: ketzerisch über Religionen im speziellen und eine vermeintlich göttliche Ordnung der Welt im allgemeinen.

Bei gewissen Zuschauern wird das religiöse Privatleben des ägyptischen Weltstars nun leider sehr viel ideologischer betrachtet. Er habe im Gewand von Petrus die Partei der „Kreuzfahrer“ ergriffen und folgerichtig den Tod verdient, hetzen die anonymen Islamisten. Für Sharif sind solche Drohungen nicht ganz neu. Als er Anfang der siebziger Jahre in einem Film die amerikanische Schauspielerin Barbra Streisand zu küssen hatte, löste die Szene in Sharifs Heimat Ägypten Tumulte aus, weil Streisand zufällig jüdischer Abstammung ist.

Ob das ein Verbrechen ist?

Offenbar verletzte transreligiöse Liebe für viele arabische Zuschauer ein elementares Reinheitsgebot, ebenso wie die etwas kitschige Verfilmung des etwas kitschigen Romans „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, die einzig durch den weltweisen und milden Blick Omar Sharifs erträglich wurde. In diesem Film nahm sich Sharif als arabischer Krämer in Paris eines herrenlosen jüdischen Jungen an und lehrte ihn Toleranz. Ob das ein Verbrechen ist? Oder ob schon die professionelle Darstellung einer vielleicht historischen, in jedem Fall aber theologisch relevanten Figur wie Petrus den Schauspieler automatisch zum Tod verurteilt?

Bei solchen zivilisatorischen Grundfragen, und das ist traurig genug, gehen die Meinungen in der vernetzten Welt inzwischen tatsächlich weit auseinander. Der echte Petrus, wenn es ihn denn gab, hatte mit Omar Sharif wohl nicht das phantastische Aussehen und den milden Blick gemein, aber beide eint immerhin das Schicksal als Konvertit. Petrus büßte sein Übertreten vom Juden- zum Christentum kopfüber am Kreuz. Es ist sicher, daß ihm sein jüngster Akteur zumindest darin nicht nachfolgen möchte. Vor ein paar Jahren wären solche banalen Überlegungen über die strikte Trennung zwischen Darsteller und Dargestelltem nicht einmal ein Problem der schulmäßigen Ästhetik gewesen; heute ist es eines für die Polizei. Aber vor ein paar Jahren war Theo van Gogh noch am Leben.

Text: F.A.Z., 03.11.2005, Nr. 256 / Seite 43
Bildmaterial: AP

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