Filmfestspiele Venedig

Im Reich der erloschenen Blicke

Von Michael Althen, Venedig

04. September 2007 Das Merkwürdige an Festivals ist, dass man ständig das Gefühl hat, sich in einem Paralleluniversum zu bewegen. Aber nicht so sehr, weil man vor lauter Filmen zunehmend der Realität enthoben wäre, sondern weil es auf der einen Seite die Filme gibt und auf der anderen die Stars - und erst zusammen ergeben sie das, was man Kino nennt.

Wenn man also zwischen zwei Vorführungen auf den Stufen des Casinos einen Kaffee trinkt, hört man vom nahen roten Teppich hektisches Geschrei durch die Nacht branden, wenn sich vor den Wettbewerbsvorführungen die Stars auf dem roten Teppich dem Publikum zeigen. Da stehen die Fans hinter den Absperrungen und schreien um Aufmerksamkeit, als könne der Blick, der sie möglicherweise streift, ihre Sehnsüchte beglaubigen. Und die Zeitungen sind immer wieder voll davon, welcher Star hier und welcher dort sich blicken ließ, als sei das Festival erst durch ihre Anwesenheit legitimiert. Und womöglich ist es ja auch so. Die Filme allein sind eben nur die eine Seite des Kinos.

Pitt als Westernlegende

Besonders spitze Schreie rief natürlich die Leibhaftigkeit von Brad Pitt hervor, der seinen Ruhm mittlerweile schauspielerisch in eine Müdigkeit ummünzt, an der er schwerer trägt, als seine Jahre es ahnen lassen. In „The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford“ spielt er natürlich nicht den Feigling, sondern die Westernlegende, die auf Schritt und Tritt vom eigenen Ruhm verfolgt wird und darüber sehr, sehr melancholisch geworden ist.

Das Gefühl, verfolgt zu sein, kennt er gut Trägt schwer an seiner Müdigkeit: Brad Pitt als Jesse James Charlize Theron in “In the Valley of Elah“ “The Darjeeling Limited“: Adrien Brody, Jason Schwartzman und Owen Wilson

Brad Pitt musste für diese Rolle wahrscheinlich keine lange Seelenforschung betreiben, um zu verstehen, was Jesse James fühlte, weswegen er den Film des Australiers Andrew Dominik auch selbst produzierte. Dieser setzt allerdings auch die Sehnsucht seines Stars nach größtmöglicher Gliederschwere und Lebensmüdigkeit geschickt ein und entringt dieser kinematographisch in- und auswendig erschlossenen Geschichte einen faszinierenden Spätwestern, eine Art Kammerspiel unter freiem Himmel, in dem man den Menschen beim schwerfälligen Denken zusehen kann. Es gibt grandiose Bilder von karger Landschaft, die immer schon so wirken, als seien sie einem alten Fotoalbum entnommen, und Menschen, in die sich die Anstrengungen, diese Weiten zu durchqueren, eingeschrieben zu haben scheinen - vor allem aber gibt es den grandiosen Casey Affleck, der den Robert Ford zwischen Begriffsstutzigkeit und Bauernschläue spielt und es schafft, dass man die Beziehung zu Jesse James als verzweifelt naive Liebesgeschichte begreift, die ihm am Ende einen zweifelhaften und genauso tödlichen Ruhm bringt.

Es ist was faul in Amerika

In einem Reich ähnlich erloschener Blicke spielt auch „In the Valley of Elah“ von Paul Haggis, die zweite Abrechnung mit dem Irak-Krieg auf diesem Festival, eine Art Fortsetzung von Brian De Palmas „Redacted“ an der Heimatfront (siehe auch: Lust, Schuld und melancholische Männer im Spiegel der Blicke). Wenn der eine Film roh war, ist dieser gekocht und schon deswegen viel verdaulicher, weil der Regisseur von „L. A. Crash“ und Autor von „Million Dollar Baby“ weiß, wie man so ein Thema verpackt, dass es alle zu Tränen rührt. Tommy Lee Jones spielt einen pensionierten und umso überzeugteren Soldaten, der bereits einen Sohn beim Militär verloren hat und nun dem Verlust des zweiten nachgeht, der nur Tage nach seiner Rückkehr aus dem Irak spurlos verschwunden ist. Bei der Suche hilft ihm eine Polizistin (Charlize Theron), die sich in der Männerwelt die Zähne auszubeißen und am wortkargen Vater zu verzweifeln scheint, aber am Ende eben doch der traurigen Wahrheit auf die Spur kommt. Der Krieg kommt nur in Bildfetzen und Erinnerungen vor, aber er ist allgegenwärtig, und der Befund ist wie bei De Palma: Es ist etwas faul an diesem Krieg - und im Land, das ihn führt.

Auch bei Wes Anderson geht es um Männer, die ihre Gefühle nicht ausdrücken können, aber der Tonfall ist natürlich ein ganz anderer, weil das Markenzeichen des Regisseurs von „The Royal Tenenbaums“ und „Die Tiefseetaucher“ sein verschrobener Humor ist, der die banalsten Dinge mit größtmöglichem Ernst verhandelt und der ernstesten Lage stets einen Witz entringt. Wenn in „The Darjeeling Limited“ also drei Brüder (Owen Wilson, Adrien Brody und Jason Schwartzman) im Zug durch Indien reisen, um ihre Mutter (Anjelica Huston) zu suchen, dann trägt diese Suche genau so lange, wie man den Film nicht ernster nimmt als nötig. Aber wenn es irgendwann darum ginge, wirklich Ernst zu machen, zerfällt der Film in Posen. Der bloße Umstand, dass Anderson seine drei Stars tatsächlich zum Drehen nach Indien geschleppt hat, statt mit ihnen nur durch Studiokulissen zu turnen, reicht eben doch nicht aus, um der Sache jene Schwerkraft zu verleihen, die man anderswo Wirklichkeit nennt.

Andererseits ist die Realität im Kino ja nicht immer das Maß aller Dinge, denn manchmal geht es einfach nur um Momente wie in Andersons Vorfilm zu „Darjeeling“, wo in einem Pariser Hotel die Tür aufgeht und Natalie Portman dasteht, mit Mantel, Stiefeln und kurzem Haar, eine durch und durch irreale Präsenz, die einem schier den Atem raubt. Das ist zwar nur eine Fußnote zum Hauptfilm, aber in ihr steckt eine Schönheit, um die danach vergeblich gerungen wird.



Text: F.A.Z., 04.09.2007, Nr. 205 / Seite 35
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, Festival, Lorey Sebastian, reuters

 
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