Leander Haußmanns Film „NVA“

Soweit die Pointen tragen

Von Peter Körte

Stilllgestanden: Szene aus Haußmanns “NVA!“

Stilllgestanden: Szene aus Haußmanns "NVA!"

26. September 2005 Wenn man in der letzten Woche gesehen hat, wie im TV-History-Format mal wieder die DDR verabschiedet wurde, dann bleibt nach wie vor ein Rätsel: Um welche Form von Nostalgie handelt es sich da eigentlich, welche Menschen zur Wahl der ehemaligen SED treibt? Es wäre beinahe schon komisch, wenn es nicht so trostlos wäre, und deshalb ist es sechzehn Jahre nach dem Mauerfall auch nicht ganz falsch, wenn sich Spielfilme und Romane beim Blick zurück gleich in die Komödie flüchten.

Es ist aber auch nicht die allerbeste Idee, weil sich schon mehr als acht Millionen Zuschauer in „Good bye, Lenin!“ und „Sonnenallee“ amüsiert haben, und wenn man da noch etwas Neues erzählen und nicht nur den Schauplatz wechseln will, dann landet man mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in der Klamotte.

Späte Renaissance von Opas Kino

Leander Haußmann, selbst NVA-geschädigt, will sich für die gestohlene Zeit schadlos halten: Rache durch Lachen. Doch die Pointen, die er abfeuert, leiden an derselben Materialermüdung wie die Truppe - im Kino und im Roman. Natürlich war die NVA alles andere als lustig - was ja ein guter Grund wäre, sich über sie lustig zu machen.

Aber was Haußmann dazu eingefallen ist, sieht eher aus wie eine späte Renaissance von Opas Kino. Mühsam gedämpftes Chargieren quer durch alle Dienstränge und schale Gags, unter denen die sogenannte Musikbox noch der spektakulärste ist: Weil die DDR bekanntlich nicht gerade ein Paradies für Unterhaltungselektronik war, sperrte man einen Soldaten in einen Spind, warf ein paar Groschen deutscher Notenbank ein, und der Soldat mußte singen. Sang er nicht, wurde er durchgerüttelt oder der Spind auf den Kopf gestellt. Viel mehr gibt das Militär hier nicht her.

Willkommen in Trabbiworld!

Anstatt das starre Exerzierreglement des Militärfilms als Chance zu nutzen, bleibt der Film in Habachtstellung: Einzug in die Fidel-Castro-Kaserne, Episoden aus dem militärischen Alltag, wie er in jeder Armee der Welt herrscht. Aufmucken und wegducken, schlechtes Essen, Heimweh nach der Freundin, Triebstau und das genreübliche Personal vom Schleimer bis zum Rebellen. So robbt der Film durchs Gelände, und irgendwann merkt man: Noch schlimmer als eine Militärklamotte ist eine Militärklamotte, die sich immer wieder dafür schämt, eine zu sein.

Haußmann erzählt seine Geschichte so farblos und unspezifisch, daß noch der Mauerfall wie eine Verlegenheitslösung wirkt, die dem Ganzen zu einem Schluß verhilft. Und kaum hat er ein passendes Bild für den Aufbruch in Freiheit und Erwachsensein gefunden, muß er wieder die Löffel der Offiziere bedeutungsvoll in den Tassen klappern und anschließend den Stützpunkt in die Luft gehen lassen.

Aberwitz ist genug vorhanden, um böse Pointen zu zünden, doch der Hang zum Brachialhumor verhindert, daß die schwarze Grundierung, die zu jeder guten Komödie gehört und die in Robert Altmans „M.A.S.H.“ auch das Militär einfärbte, je zu sehen ist. Mag sein, daß der Film dennoch sein Publikum findet, weil er konsequent die Umwandlung der DDR in einen kuriosen Themenpark betreibt: Willkommen in Trabbiworld! Er ist so harmlos, daß man am Ende fast schon vergessen hat, worum es eigentlich ging - lau wie Kantinensuppe, grau wie die Uniformen der NVA.

Ab Donnerstag im Kino.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.09.2005, Nr. 38 / Seite 30
Bildmaterial: Delphi

 
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