Von Peter Körte
27. Februar 2005 Die Weltgeschichte mag ja das Weltgericht sein, aber daß es dabei gerecht zuginge, hat noch niemand behauptet. Manche halten deshalb auch die Oscars für überschätzt, weil es an Gerechtigkeit fehle, was man ebensogut auch vom Literaturnobelpreis sagen könnte oder von den Wahlen zur Miß Thüringen.
Und weil der Glamour noch immer heller strahlt als das Licht der Wahrheit, kann man sich ruhig in die 5.800 stimmberechtigten Akademiemitglieder hineinversetzen und ihnen zugleich zuflüstern, wer gewinnen müßte.
Kein Hoyzer in der Academy
Historisch betrachtet, gewinnt immer der Film mit den meisten Nominierungen, in diesem Jahr also Martin Scorseses The Aviator. Aber weil Oscar-Prognosen sich irgendwo zwischen Wahrscheinlichkeitsrechnung, Tiefenpsychologie, historischer Herleitung und Kaffeesatzlektüre bewegen, kann man auf fast gar nichts vertrauen.
Die gute Nachricht ist dabei, daß ein kleiner Robert Hoyzer in den Reihen der Academy nicht ausreichte, um die Ergebnisse zu manipulieren, obwohl das natürlich ein toller Plot wäre: Zwei kroatische Brüder hecken in einem Berliner Hinterzimmer aus, wie man die Angestellten der Firma PricewaterhouseCoopers bestechen kann, damit sie den Inhalt der Umschläge vertauschen, in denen die Namen der Preisträger stecken.
Flieger oder Boxer
Doch in der Wirklichkeit gibt es nur die Alternative: Flieger oder Boxer? Gewinnen sollte Clint Eastwood mit dem Boxerfilm Million Dollar Baby, obwohl er schon mal und Scorsese noch nie gewonnen hat. Gewinnen wird Scorsese, mit seinem Howard-Hughes-Film, in den Kategorien Regie und bester Film, weil er nach all den Jahren einfach dran ist und man nicht warten kann, bis er reif ist für einen Oscar für sein Lebenswerk. Leonardo DiCaprio dagegen wird nicht gewinnen und sollte es auch nicht - Jamie Foxx als Ray hat es einfach verdient. Aber deshalb wird er nicht auch noch bester Nebendarsteller werden. Hier siegt Morgan Freeman, und das ist auch gut so.
Schwieriger ist es bei den Hauptdarstellerinnen. Hilary Swank (Million Dollar Baby) hat vor fünf Jahren schon einmal gegen Annette Bening (Being Julia) gewonnen - daher muß sie verlieren. Keine Gerechtigkeit auch hier. Und weil Hollywood auch ein Gewissen hat, wird Sophie Okonedo (Hotel Ruanda) den Preis als beste Nebendarstellerin bekommen, auch wenn mir Virginia Madsen in Sideways lieber wäre. Sideways, der Überraschungserfolg des Vorjahres, erhält dafür den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. Verdient hätte ihn Before Sunset, welcher seltsamerweise in dieser Kategorie auftaucht, obwohl es sich um ein Originaldrehbuch handelt. Beim Original wird sich The Aviator durchsetzen, obwohl das schönste Script von Charlie Kaufman stammt (Vergiß mein nicht!).
Worauf man sonst noch wetten könnte
Wenn man auf das Flieger-Muster setzt, dann muß man davon ausgehen, daß The Aviator auch in den technischen Kategorien der große Überflieger sein wird. Er ist kommerziell nicht erfolgreich genug, um den Herrn der Ringe oder Titanic zu beerben, aber mit sechs bis sieben Oscars bei elf Nominierungen darf man schon rechnen. Bleibt die Frage, ob unser Untergang es schafft. Er muß wirklich nicht, und er wird auch nicht gewinnen. Statt dessen wird der spanische Bewerber Das Meer in mir triumphieren, ganz einfach, weil er den größten Bekanntheitsgrad in Amerika hat.
Worauf man sonst noch wetten könnte? Zum Beispiel darauf, ob der Moderator der Show, der gefürchtete schwarze Komiker Chris Rock, sich zu ein paar Sottisen hinreißen läßt und ob dann die fünf Sekunden Zeitverzögerung noch ausreichen, mit denen der Sender ABC die Show ausstrahlt. Aber auch hier gibt es leider keinerlei Gewähr.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.02.2005, Nr. 8 / Seite 25
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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