Von Bert Rebhandl
09. Mai 2008 Im virtuellen Raum gibt es kaum Familiennamen. Man stellt sich mit einem Eigennamen vor, dahinter kommt entweder nichts oder ein Pseudonym oder eine Nummer, die nicht selten von der Software zugewiesen wird. Deswegen unterhält sich im Chat schon einmal ein Dressman17 mit Puschelchen12 und findet nichts dabei.
Der junge Ben, der in Nic Balthazars Teenagerdrama Ben X im Mittelpunkt steht, ist stolz darauf, keine Nummer zu haben. Das X, das er seinem Eigennamen hintangestellt hat, ist vielmehr eine Art Signatur. Zwei gekreuzte Schwerter, eine Kampfansage. Ben ist ein starker Krieger in der Welt von Archlord, einem jener Fantasyspiele, die online von weltweit verbundenen Communities gespielt werden. Ben ist Ben X, wenn er sich in diese Welt einklickt. Wenn er morgens zur Schule geht, ist er wieder der Außenseiter, der sich gegen die Gewaltakte seiner Mitschüler nicht zur Wehr setzen kann. Denn Ben leidet an einer Krankheit, dem Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus, die ihm alles abverlangt, um sich im Alltag halbwegs störungsfrei zu bewegen.
Durchlässige Grenzen
Nic Balthazar erzählt diese Geschichte gewissermaßen von innen heraus, aus der Perspektive von Ben (Greg Timmermans), dem die Grenzen zwischen der virtuellen und der richtigen Welt durchlässig werden. Er weiß sich anders nicht zu helfen, kann sich nicht verständlich machen, erscheint den Gleichaltrigen als unerreichbarer Sonderling, während er doch im Innersten die gleichen Freuden und Leiden der Pubertät durchlebt. Der Film übernimmt die Aufgabe, diesen scheinbar unerreichbaren Menschen zu erschließen, und gibt sich aus diesem Grund eine deutlich kathartische Struktur: Denn mit bloßer Einfühlung ist hier nicht viel getan, es braucht schon eine drastische Erfahrung, um die Sensibilität für Außenseiter zu schärfen. Vor den Augen der ganzen Klasse wird Ben von einigen brutalen Jungen gedemütigt. Sie stellen ihn auf ein Pult, ziehen ihm die Hose herunter, der größere Teil der Klasse johlt mit, und der Handyfilm mit dem wehrlosen und entblößten Ben steht bald darauf auch im Netz.
Der gebürtige Belgier Nic Balthazar, der diese Geschichte zuvor auch schon als Roman niedergeschrieben hatte, versucht in Ben X, die therapeutischen Potentiale der Computerspiele für das Kino nutzbar zu machen. Die Games haben dem Film gegenüber den Vorsprung, dass sie subjektiver erfahren werden können - nur deswegen ist Ben in der Welt von Archlord so deutlich ein anderer Junge als im Klassenzimmer. Das Kino wiederum hat den Vorteil, dass die Fallhöhe zwischen dem Filmerlebnis und der Alltagswelt nicht so dramatisch ist - selten einmal fühlt sich jemand auch nach Die Hard IV noch, als wäre er selbst Bruce Willis.
Zu dick aufgetragen
Ben X arbeitet mit allen filmischen Mitteln (innerer Monolog, Verzerrung der Realität, gleitende Übergänge ins Virtuelle) an einer verstärkten Subjektivierung des Geschehens, bleibt aber zugleich ein ganz normaler Film: Ben lässt sich nicht wegklicken, man kann auch ihm gegenüber die Identität nicht wechseln. Man bleibt entweder bis zum Ende dabei oder geht früher hinaus, wenn man sich von diesem Fall nicht betreffen lassen will. Er ist aber zu nahe an den Erfahrungen fast aller junger Menschen, um nicht betroffen zu machen.
Unglücklicherweise trägt Nic Balthazar dann aber doch noch viel dicker auf, als es eigentlich notwendig wäre. Er erfindet für Ben und seine Familie ein soziales Experiment, das dazu helfen soll, allen Hooligans die Konsequenzen ihres Tuns klarzumachen. Die Symbole, die er dazu heraufbeschwört, sind arg pathetisch und verraten nebenbei, dass Ben X hinter den starken Bildwelten des virtuellen (und des religiösen) Raums um keinen Preis zurückstehen will.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kinowelt/Cinetext
