Von Michael Borgstede, Tel Aviv
30. Oktober 2005 Ramadan ist Fernsehzeit. Wenn die arabische Familie sich nach einem entbehrungsreichen Fastentag abends zum Iftar versammelt, um das Fasten zu brechen, gilt der erste Handgriff meist der Fernbedienung. Zu keiner anderen Zeit des Jahres erfreuen die Sender sich so hoher Einschaltquoten, nicht wenige Firmen konzentrieren deshalb die Hälfte ihres Werbebudgets auf den neunten Monat des islamischen Kalenders. Das Geld ist aber auch schnell ausgegeben: Die Preise für eine Werbeminute im Ramadan liegen mehr als doppelt so hoch wie sonst.
Auch die Produktionsfirmen haben Hochkonjunktur: Zwei Drittel aller arabischen Eigenproduktionen werden im Ramadan ausgestrahlt. Meist handelt es sich dabei um sogenannte musalsalat, Seifenopern mit dreißig Folgen für die dreißig Abende des Monats. Etwa hundert musalsalat wurden in diesem Jahr produziert.
Es sind meist die immer gleichen faden Familiengeschichten, in denen einige Stars vor billigen Kulissen weitgehend inhaltslose Dialoge rezitieren dürfen. So war das bisher immer. Quantität hatte eindeutig Vorrang vor Qualität, und Themen von sozialer oder politischer Sprengkraft waren von vornherein tabu. Das ist in diesem Jahr anders. Ein Blick in das Fernsehprogramm des Ramadan zeigt, was die arabische Seele bewegt.
Terrorismuskritik in Syrien
Ausgerechnet der Schurkenstaat Syrien zum Beispiel hat mit Al Hour al Ayn eine Serie produziert, die sich kritisch mit dem islamistischen Terrorismus auseinandersetzt. Schon der Titel ist ein Politikum. Al Hour al Ayn spielt auf die 72 Jungfrauen an, die nach islamistischer Deutung im Jenseits auf Selbstmordterroristen warten sollen.
Die Handlung basiert auf der Realität: Vor zwei Jahren verübten islamistische Terroristen mehrere Anschläge auf Wohnviertel in Saudi-Arabien. Von den fünf Familien in einem dieser Häuser erzählt Al Hour al Ayn. Es ist ein multikulturelles Haus; aus Syrien, dem Libanon, Jordanien, Ägypten und Marokko sind die Menschen nach Saudi-Arabien gekommen, um ihr Glück im Ölgeschäft zu suchen. Sie lieben und streiten in ihren jeweiligen Heimatdialekten und leben ein ganz normales Leben, bis eines Tages das Schreckliche passiert und ein verblendeter junger Mann die Normalität für immer zerstört.
Überraschend überzeugend zeigt die Serie, wie ein ungefestigter junger Mensch auf Sinnsuche in radikale Kreise abdrifted und schließlich zum Mörder wird. Vielleicht werden da wirklich die Erfahrungen des ehemaligen Al-Qaida-Anhängers und Koautors Abdullah Bjad spürbar. Daß die Serie wütende Reaktionen hervorrief und einige Schauspieler gar mit dem Tode bedroht wurden, überraschte deshalb wohl niemanden wirklich. Immerhin aber blieb der Sender unnachgiebig und setzt die Ausstrahlung fort. Im letzten Jahr war Die Straße nach Kabul nach nur acht Folgen abgesetzt worden, weil sie ähnlich entrüstete Reaktionen hervorgerufen hatte. Damals hieß es, die Taliban seien in der Serie zu negativ dargestellt worden.
Afghanistan in Abu Dhabi
Die in diesem Jahr von Abu Dhabi TV produzierte Serie Al Tarik al Waer (Der steinige Weg) hat da weniger Aufsehen erregt. Hier reist ein fiktiver Reporter nach Afghanistan, um über Leben und Ziele der Mudschahedin zu berichten. Er muß feststellen, daß nicht Frömmigkeit und Idealismus die Kämpfer motivieren, sondern Gier und Opportunismus. Terrorismus wird hier als dreckiges, brutales Geschäft ohne Weltverbesserungsambitionen dargestellt. Der Plan der Terrorzelle, ihr arabisches Heimatland nach ihrer Rückkehr mit einem Mega-Anschlag zu verwüsten, geht natürlich schief.
Ebenfalls deutlich von der Weltpolitik geprägt ist die ägyptische Produktion Amakim fil Qalb (Orte im Herzen), die gleichwohl einen anderen Akzent setzt. In der Serie, die zum Teil in den Vereinigen Staaten gedreht wurde, wird eine ägyptische Frau fälschlich beschuldigt, ihren amerikanischen Mann umgebracht zu haben. Noch vor dem ersten Gerichtstermin wird sie in den Medien als Terroristin beschimpft, stößt überall auf Vorurteile gegen Araber und Muslime.
Dennoch sind in der Serie nicht alle Amerikaner böse Araberhasser, ja, es taucht sogar ein netter und hilfreicher Jude auf. Auch das ist ein Novum, fiel das ägyptische Fernsehen doch noch vor einigen Jahren mit einer selbstproduzierten antisemitischen Seifenoper unschön auf. Dem unvermeidlichen Thema Israel sollte sich in diesem Jahr nur Al Aamil 1001 (Agent 1001) widmen. Nach guter James-BondManier läßt sich in der Serie ein hübscher ägyptischer Geheimagent von einer noch hübscheren Griechin nach Israel einschleusen, um allerlei wichtige Dinge auszuspionieren. Aus unbekannten Gründen läuft die Produktion nun allerdings doch nur auf einigen Privatkanälen.
Die synchronisierten Simpsons
Ganz ohne politischen Bezug, aber dennoch nicht ganz ohne Risiko ist ein Vorhaben des Senders MBC. Ausgerechnet die uramerikanische Kleinbürgersatire Die Simpsons hat der in Dubai ansässige Sender synchronisiert und dem muslimischen Markt angepaßt. Homer heißt jetzt zum Beispiel Omar, woran man sich vielleicht noch gewöhnen könnte. Schlimmer ist, daß Omar mit Homer nicht mehr allzuviel gemein hat. So muß er in der arabischen Version sein Lieblingsbier Duff gegen eine alkoholfreie Limonade eintauschen, er ißt statt schweinefleischhaltiger Hot dogs ordentliche Halal-Rinderwürstchen und kann vor seiner nervtötenden Familie nicht einmal mehr in Moe's Bar flüchten - die wurde gleich ganz abgeschafft.
Auch den Familienpastor Reverend Lovejoy sucht man in Al Shamshun - wie die Serie auf arabisch heißt - vergebens, und Krusty der Clown hat anscheinend dem Judentum abgeschworen und einen arabischen Namen angenommen. Immerhin lebt die Familie unverändert in Springfield, Homer alias Omar arbeitet - wenn es sich denn gar nicht vermeiden läßt - im örtlichen Atomkraftwerk, das auch in der arabischen Version vom unsympathischen Ausbeuter Mr. Burns geleitet wird. In den dreißig adaptierten Folgen geht es dann auch vornehmlich um universale familiäre und soziale Konflikte, die allerdings nicht an Sex, Alkohol, Gott und andere muslimische Tabus rühren dürfen. Immer wieder scheint dabei ein erhobener moralischer Zeigefinger durch, der Liebhabern der Originalversion ziemlich auf die Nerven gehen kann.
Politicaly correct und boring
Denn Die Simpsons haben sich in ihrer bisher vierzehnjährigen Geschichte nie um political correctness geschert. Als Homer in einer Episode lesbische und schwule Paare in seiner Garage traute, kam es auch in den Vereinigten Staaten zu Protestaktionen. Al Shamshun hingegen vermeidet die Provokation und nimmt der Serie so einen guten Teil ihrer Attraktivität. Die arabische Blog-Community ist denn auch geteilter Meinung: Die Bearbeitung sei gut gelungen, schreibt Achdal aus Ägypten. Gewisse Dinge sind in unserem Kulturkreis undenkbar. Niemand in Ägypten könnte sich mit der amerikanischen Version der ,Simpsons' identifizieren, da hier andere Verhaltensregeln gelten. Eine Bloggerin namens Nadi hält dagegen: Bei den ,Simpsons' habe ich gelacht. Bei ,Al Shamshun' kommen mir eher die Tränen. Obwohl zumindest die Sprecher gut sind.
Viele der Synchronsprecher gehören zu den beliebtesten und bekanntesten Schauspielern Ägyptens. Allein die Tatsache, daß ein Star wie Mohammed Hineidi den Omar spricht, könnte der Serie zum Erfolg verhelfen. Geradezu revolutionär ist auch, daß die Akteure sich der ägyptischen Alltagssprache anstelle des offiziösen Hocharabisch bedienen.
Bei MBC wartet man bereits gespannt auf die Quoten. Sollte Al Shamshun sich trotz erheblicher humoristischer Mängel auf dem arabischen Markt etablieren, werden die Fans nicht lange auf neue Folgen warten müssen. Außerdem sollen weitere ausländische Erwachsenen-Comics den gleichen Weg gehen. Wie eine für den muslimischen Markt entschärfte South Park- Version aussehen würde, das mag sich indes wohl niemand vorstellen.
Text: F.A.Z., 31.10.2005, Nr. 253 / Seite 40
Bildmaterial: AP