28. Dezember 2006 Kim Basinger in Fahrt, Jack Nicholson im Drugstore, Daniel Auteuil angesichts des Todes und Scarlett Johansson im Badeanzug: Wer das Kinojahr 2006 Revue passieren läßt, dem kommen Bilder in den Sinn. Filmmomente, die wir nicht vergessen werden.
Wie in Breakfast on Pluto von einer IRA-Bombe die Spiegel einer Diskothek gesprengt und auf den davonfliegenden Splittern für Sekundenbruchteile die Bilder der Tanzenden festgehalten werden.

Die DDR ist noch lange nicht zu Ende erzählt: "Das Leben der anderen" mit Ullrich Mühe erhält den Deutschen und den Europäischen Fimpreis
Wie Ulrich Mühe als ehemaliger Stasi-Offizier in Das Leben der anderen nach der Wende das ihm gewidmete Buch des bespitzelten Schriftstellers liest.
Wie Josef Bierbichler in Winterreise das R in Arschloch ausspricht.
Wenn Ilka Welz in Sehnsucht ihrem Mann zuraunt: Ich begehre dich so sehr.
Wenn Vanessa Jopp am Ende ihres Films Komm näher das strahlende Gesicht von Meret Becker einfriert.
Wie V in V für Vendetta die Explosionen im nächtlichen London dirigiert.
Wie im Dokumentarfilm Unser täglich Brot tonnenweise unverkauftes Gebäck zur Abfallbeseitigung transportiert wird.
Wie Daniel Brühl und Jürgen Vogel in Ein Freund von mir jeder in einem Porsche nackt durch die Nacht rasen.
Wenn sich Colin Farrell und Gong Li in Miami Vice voneinander verabschiedet haben und dann nur noch ein Stilleben zu sehen ist, mit einem benutzten Bett, einem offenen Fenster, einer offenen Tür, einer sanft bewegten Palme im Morgengrauen und dem grauen Teppich des Meers.
Wie eine so hinreißend schöne wie kühle Kim Basinger als First Lady in The Sentinel einen eifrigen Jungagenten einbestellt und zurechtweist.
Wenn die GIs in Jarhead sich ins Gesicht fassen, als sie Tropfen spüren, ungläubig ihre schwarzen Fingerkuppen betrachten und begreifen, daß es Öl regnet.
Wenn am Beginn von The New World die britischen Schiffe zu Wagners Rheingold-Ouvertüre in Amerika landen.
Wenn ein iranisches Mädchen in Offside auf die Toilette im Fußballstadion muß und der Wachsoldat sie nötigt, sich ein Poster des Bayern-Spielers Ali Karimi, aus dem er zuvor sorgfältig die Augen entfernt hat, vors Gesicht zu halten.
Wie Heath Ledger im schäbigen Wohnwagen sitzt und auf eine vergilbte Postkarte vom Brokeback Mountain blickt.
Wie Isabelle Huppert in Geheime Staatsaffären aufreizend ruhig ihre roten Handschuhe ablegt und ihrem Vorgesetzten maliziös sagt, er solle sich doch ein paar neue Eier kaufen.
Wie Daniel Auteuil und Sabine Azéma in Malen oder Lieben nach dem Partnertausch auf einmal wieder tollen Sex haben und er über die seltsamen Bettgenossen vom Vorabend sagt: Ich glaube, das sind gefährliche Swinger.
Wenn Jack Nicholson am Anfang von The Departed wie der Teufel persönlich aus dem Halbschatten in das weiche, helle Licht eines altmodischen Drugstores tritt.
Wie Björk und Matthew Barney in Drawing Restraint 9 allmählich in flüssiger Vaseline versinken.
Wie Ralph Fiennes in Der ewige Gärtner Rachel Weisz ein letztes Mal zuwinkt und dann das Bild langsam ausbleicht, bis da nur noch seine Kontur ist.
Wie Rudy Youngblood in Apocalypto kleine Holzpfeile mit dem Gift einer Kröte tränkt und durch ein aus gerollten Blättern improvisiertes Blasrohr auf seine Verfolger abfeuert.
Wie sich Maurice Bénichou in Caché vor den Augen des entsetzten Daniel Auteuil mit einem Rasiermesser die Kehle durchschneidet.
Wenn Jessica Schwarz und Max Riemelt in Der rote Kakadu, an eine Säule gelehnt, zuschauen, wie eine Gruppe junger Leute auf einer Wiese ohne Musik tanzt.
Wenn in den Hamburger Lektionen mitten in den Tiraden eines Haßpredigers auf einmal Worte wie Danone oder Zahnpasta zu hören sind.
Wenn sich Kirsten Dunst in Marie Antoinette mit den Worten das ist lächerlich übers Hofprotokoll empört und Judy Davis kühl antwortet: Das, Madame, ist Versailles.
Wenn Rainer Knepperges als Telekom-Chef in den Quereinsteigerinnen seinen Entführerinnen Nina Proll und Claudia Basrawi sagt: Da ist nichts, was auf mich den Eindruck von Professionalität macht.
Wenn Clive Owen in Inside Man von der Leinwand ins Publikum schaut und verkündet, er werde den perfekten Bankraub begehen - Warum? Weil ich es kann.
Wie Miroslav Klose in Deutschland: Ein Sommermärchen einen titanischen Zweikampf mit der Friseurin im Hotel kämpft, deren Muttersprache Englisch ist.
Wie Mirjana Karanovic in Grbavica durch Sarajevo läuft, mit den Augen der Angst und dem Gang der Gedemütigten. Und wie der Film uns erklärt, was mit ihr geschehen ist, ohne es ein einziges Mal auszusprechen.
Wie Alison Lohman in Atom Egoyans Wahre Lügen ihren Körper einsetzt, um die Wahrheit herauszubekommen.
Wie Emmanuelle Béart sich mit H+M-Kimono auf dem Bildschirm räkelt.
Wie Scarlett Johansson in Scoop in einem roten Badeanzug am Pool eines Londoner Clubs sitzt - und wie sie Josh Hartnett in De Palmas Black Dahlia ihre verwundete Rückseite zeigt.
Wie Julia Roberts uns in diesem Jahr gefehlt hat.
Wenn in Half Moon des Irakers Bahman Ghobadi 1334 Sängerinnen auf der Mauer stehen, die ihr Exil umgibt, und zu singen beginnen, daß das Tal vibriert.
Text: apl/kil/lue./malt/pek, F.A.Z., 28.12.2006, Nr. 301 / Seite 32
Bildmaterial: 20th Century Fox/Cinetext, Alamode/Cinetext, Buena Vista/Cinetext, Cinetext/Distler, Concorde/Cinetext, Constantin/Cinetext, Warner Bros./Cinetext, X Verleih/Cinetext