Medien

Im Namen der Freiheit

Von Paul Ingendaay, Madrid

Späte Selbstkritik: “El País“

Späte Selbstkritik: "El País"

21. Dezember 2004 Der meistgelesene Kulturteil Spaniens, die Beilage „Babelia“ der Tageszeitung „El País“, pflegt bei der Textmischung ein riskantes Arrangement. Das Buch der Woche nimmt häufig die ersten vier Seiten ein: Titelseite, großes Interview mit dem Autor, dann die Besprechung selbst. Solche literarischen Schwerpunkte müssen natürlich vorbereitet werden, und in den seltensten Fällen weiß der Interviewer des Autors, wie der Literaturkritiker das fragliche Buch beurteilt.

Auf diese Weise werden in „Babelia“ die Neuerscheinungen von José Saramago, Javier Marías oder Antonio Muñoz Molina präsentiert. Daß die genannten Autoren im Verlag Alfaguara erscheinen, der wie die Zeitung „El País“ dem Prisa-Medienkonzern angehört, sorgt für kurze Kommunikationswege, und manchmal - nicht immer - ist den Rezensionen das vorauseilend bekundete Wohlwollen ablesbar.

Wie eine Explosion

Am 4. September dieses Jahres geschah genau das Gegenteil, und es war wie eine Explosion. Die Kulturbeilage von „El País“ widmete ihre ersten vier Seiten dem ebenfalls bei Alfaguara erschienenen Roman des baskischen Schriftstellers Bernardo Atxaga, „El hijo del acordeonista“ (Der Sohn des Akkordeonspielers), der im kommenden Jahr im Suhrkamp Verlag auf deutsch herauskommen wird. Es gab wie üblich das Foto auf dem Titelbild; es gab das ausführliche Interview, garniert mit weiteren Fotos; und es gab, unter dem Titel „Eine Schäfer-Elegie“, eine Rezension von Ignacio Echevarría, die den Roman scharf kritisiert und das schöne Kulturbeilagen-Arrangement wie ein peinliches Versehen aussehen läßt: Die Redaktion hatte auf ein berühmtes Pferd gesetzt, das am ersten Hindernis stürzte.

Bernardo Atxaga, Jahrgang 1951, ist seit seinem Roman „Obabakoak“, für den er 1989 den spanischen Nationalpreis für Literatur erhielt, ein bekannter Name der spanischen Literatur. Zutiefst mit seiner Region verwurzelt, schreibt er auf baskisch und setzt sich in seinen Büchern mit der baskischen (also nichtspanischen) Befindlichkeit auseinander, in seinem Roman „Fenster zum Himmel“ etwa mit einer Eta-Terroristin, die nach der Verbüßung ihrer Haftstrafe ins Baskenland zurückkehrt.

Daß man heute noch so schreiben kann

Auch im „Sohn des Akkordeonspielers“ geht es um die Rolle, welche die (nicht namentlich genannte) Terrorbande bei der Sozialisierung eines jungen Basken in den sechziger Jahren spielt. Und die Rezension beginnt wie folgt: „Bei der Lektüre dieses Romans kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Kaum zu glauben, daß man heute noch so schreiben kann. Kaum zu glauben, daß der, der es tut, vielen als literarische Galionsfigur einer ganzen Region gilt, nämlich des Baskenlandes, dessen heikle Lage von denen, die sich mit ihm beschäftigen, höchste Strenge und allerhöchsten Mut erfordert.“

Man könnte diese Zeilen die Ankündigung eines Totalverrisses nennen. Doch zugleich legen sie die Kriterien des Kritikers mustergültig offen. Sein Urteil wird nicht nur über schönen oder weniger schönen Stil befinden, sondern die literarischen Mittel an ihrem gesellschaftspolitischen Kontext messen. Und genauso geschieht es. Von Atxagas Buch bleibt dabei nicht viel übrig.

Zahnlose Rezensenten

Nun gibt es „harte“, „unbarmherzige“ Rezensionen immer wieder. Ob sie in jedem Fall berechtigt sind, darüber entscheidet der Leser bei der Lektüre des Buches. Viel größer aber ist die Gefahr, die von zahnlosen, nichtssagenden Rezensionen ausgeht. Dieser Typus gedeiht in Spanien prächtig, und in Zeiten der grassierenden Buchtips, personalisierenden Features und reinen Gefälligkeitsrezensionen muß man klare Argumente wie jene, die Echevarría entfaltet, mit der Lupe suchen. Erst sie garantieren das literarkritische Minimum und damit die Möglichkeit, ernsthaft über literarische Gegenstände zu streiten.

Was über Echevarrías Artikel in den Zirkeln des Literaturbetriebs geklatscht wurde, ist nebensächlich. Was dagegen auf den Seiten von „El País“ sichtbar wurde, nicht. Denn in den folgenden beiden Wochen tauchte Bernardo Atxaga auf geradezu unheimliche Weise im Blatt auf, als handelte es sich um den Geist des geschmähten Autors: Die Zeitung wollte den schlechten Eindruck vom 4. September ausbügeln.

Wiedergutmachungskampagne

So berichtete sie am 10. September ausführlich über die Präsentation des Romans in Madrid, am 11. September über den baldigen Beginn der Dreharbeiten zu einer Verfilmung eines früheren Atxaga-Romans, am 12. September erschien ein Atxaga-Foto im Reiseblatt nebst freundlichen Bemerkungen über seine baskische Heimat, am 18. September, dem Höhepunkt der Wiedergutmachungskampagne, schrieb der Kunstkritiker von „El País“ eine lobhudelnde und weitgehend gedankenfreie Kolumne über den vierzehn Tage zuvor so herb kritisierten Roman, während sich wenige Seiten entfernt auch der galicische Schriftsteller Manuel Rivas, ebenfalls Alfaguara-Autor, als Atxaga-Bewunderer zu erkennen gab.

Und dann geschah lange Zeit nichts. Auch der Name des Rezensenten Ignacio Echevarría, Mitarbeiter bei „El País“ seit vierzehn Jahren und einer der geachteten Kritiker des Landes, tauchte nicht mehr im Blatt auf. Viel später erfuhren wir, warum. Am 9. Dezember sandte Echevarría einigen Kollegen per E-Mail seinen offenen Brief an Lluis Bassets, einen der stellvertretenden Chefredakteure von „El País“.

Neutralisiert und kaltgestellt

Darin beklagt der Rezensent, die Zeitung habe seine Rezension mit zahlreichen Artikeln „neutralisiert“, Bassets habe die Veröffentlichung einer weiteren Rezension Echevarrías (zu einem Essay-Band T. S. Eliots) verhindert und fünf Wochen lang nicht die ausführliche Erläuterung geliefert, die er dem Literaturkritiker Ende Oktober versprochen hatte. Aus Sorge um die Unabhängigkeit der Literaturkritik und weil er sich kaltgestellt fühlte, kündigte Echevarría seinerseits die Mitarbeit bei „El País“.

All das wäre früher ein tuschelndes Gerücht geblieben, und dann wäre es vergessen worden. Doch das Internet hat eine kritische Gegenöffentlichkeit geschaffen, die keines gedruckten Mediums mehr bedarf. Innerhalb weniger Tage solidarisierten sich zahlreiche Schriftsteller, Künstler und Journalisten mit Echevarría und äußerten Besorgnis über die Einflußnahme der Zeitung auf die Meinung ihrer Literaturkritiker.

150 Namen im Internet

Der schriftliche Protest, der am 18. Dezember als Leserbrief in „El País“ erschien, trägt die Unterschrift von Mario Vargas Llosa, Eduardo Mendoza, Rafael Sánchez Ferlosio, dem jüngsten Träger des Cervantes-Preises, und gut siebzig weiteren Personen. Wenig später schlossen sich auch Javier Marías, Fernando Savater und Álvaro Pombo dem Protest an. Die vollständige Liste von rund 150 Namen - wo hätte sie anders erscheinen sollen als im Internet?

Am 19. Dezember ergriff die „Verteidigerin des Lesers“ das Wort und erklärte auf fast einer ganzen Zeitungsseite, wie es zum „Fall Echevarría“ kommen konnte. Leider wurde Echevarría selbst dafür nicht konsultiert. Immerhin klang seitens der Zeitung Selbstkritik durch, und besonders die Entscheidung der Redaktionsleitung, „die Beziehung (zu Echevarría) eine Weile einzufrieren“, erscheint als schwerer Fehler. Aus der ganzen Affäre ist mehrerlei zu lernen: welche Gefahren der freien Meinungsäußerung in Zeiten der Konzernverflechtung drohen; wie leicht eine Zeitung ihre Glaubwürdigkeit beschädigen kann; und welche Möglichkeiten das Internet bietet, um die Debatte zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen, die von niemandes Gnaden abhängt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2004, Nr. 299 / Seite 38
Bildmaterial: AP

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