29. Mai 2007 Am liebsten wäre ihnen, Prinzessinnenbad würde nicht in Berlin gezeigt, und das hat nichts mit Koketterie zu tun. Es ist immer heikel, wenn man auf ein Bild von sich stößt, das anders aussieht, als man sich selber kennt. Mit 16 ist das besonders schlimm. Tanutscha klagt, dass sie völlig überzogen wirke und viel zu maskulin. Klara findet sich prollig, schlampig, billig. Mina fühlt sich auf Freund und Schule reduziert. Sie weiß zwar, dass es schwer ist, in einem Film das wirkliche Leben darzustellen. Aber wir haben uns verändert, in der ersten Szene waren wir ja 14, wendet Tanutscha ein. Klara sagt: Das ist einfach zu privat.
Ein Treffen mit den drei Protagonistinnen des Dokumentarfilms von Bettina Blümner, der nächste Woche in die Kinos kommt: Klara, die Hübsche, die quasi direkt über der Eckkneipe an der Kreuzberger Oranienstraße wohnt, kommt von ihrem Freund und ist für ihre Verhältnisse nur dezent geschminkt. Mina, die Reflektierte, steckt mitten in den Prüfungen für den Übergang in die Oberstufe; sie war bis eben bei der Mathe-Nachhilfe und hat zu Hause bloß schnell die Glitzertasche umgehängt.
Das Freibad als Metapher für die Jugend an sich
Tanutscha, die Freche, geht seit Stunden nicht ans Telefon. Vielleicht verschläft sie ja den Nachmittag. Als Klara loszieht, um die Freundin wachzuklingeln, fragt die PR-Agentin bang: Du kommst aber wieder, ja? Kurze Zeit später essen die Mädchen Schnitzel mit Spargel und schnattern über Figurprobleme, ein neues Sommercafé oder verbummelte Schlüssel. Sie tragen enge Jeans und Nasensilber, alle rauchen, ständig klingelt ein Handy.
Das Normale ist das Besondere an diesen Mädchen und ihrem Film. Prinzessinnenbad hat auf der Berlinale einen Preis bekommen, weil die Freundinnen vor der Kamera so sind wie im Interview oder eben in ihrem ganz normalen, wahnsinnigen Kreuzberger Leben: frühreif, selbstbewusst und unglaublich offen. Mehr als ein Jahr lang hat Blümner ihre Protagonistinnen durch den Alltag begleitet, und der Film fühlt sich an, als dürfe man die Pubertät persönlich belauschen. Derb und verletzlich, etwas naiv, dann wieder lebensklug. Das meint auch der Titel, wenn er auf das Kreuzberger Prinzenbad anspielt - das Freibad als Metapher für die Jugend an sich.
Vielleicht werde ich Pornostar oder Tierpflegerin
Unkommentiert, maximal mit treibendem deutschen Gute-Laune-HipHop unterlegt: Klara und Mina, in der Abenddämmerung zwischen Parkgräsern, Klara erzählt zum Bier, sie habe chemische Drogen probiert, alles ist schön, sagt sie, du bist die Schönste und dir ist alles egal. Tanutscha beim Chat, wie sie mit fremden Männern flirtet, sehr aggressiv, sehr witzig. Mina, die je zur Hälfte bei ihrer Mutter und ihrem napoletanischen Vater lebt und sagt: Man wünscht sich ständig, morgens aufzustehen, und die Eltern sitzen am Frühstückstisch. Klara: Vielleicht werde ich auch Pornostar oder Tierpflegerin. Tanutscha: Und ich werd' mir nichts vom Ökoladen kaufen.
Sie kennen sich ein Leben lang. Der Kindergarten von Mina und Klara lag gegenüber der Kneipe. Klaras und Tanutschas Mutter begegneten einander während der Schwangerschaft. Sechs Jahre lang gingen die Mädchen gemeinsam in dieselbe Grundschule. Um die Ecke liegt ihr Kinderspielplatz; nicht weit entfernt steht die Partybank, ihr Standardtreffpunkt vor oder nach der Disco. Wenn die Mädchen durch diese Straßen schlendern, wird die multikulturelle Großstadt zum Dorf, in dem man jeden kennt und sich heimisch und sicher fühlt. Von behüteter Kindheit kann trotzdem nicht die Rede sein. Klara sagt über das Viertel, das sie so liebt: Die ganzen Mädchen sind entweder Schlampen, die Jungs sind Kleinkriminelle.
Könntest du bitte nicht ,gefickt' sagen?
Es gibt viele Wege, in dieser Welt erwachsen zu werden. Klara, die Blonde mit den gezupften Bogenbrauen, hat so früh mit dem Schwänzen angefangen, dass sie jetzt in einem Schulverweigererprojekt um den Hauptschulabschluss ringt. Sie hat der eigenen Oma 2000 Euro geklaut, und zu Mina sagt sie: Die türkischen Typen sind einfach geil. Die meisten sind zwar irgendwie Arschlöcher. Aber ich steh' auf Arschlöcher. Jedenfalls brauche ich jemanden, der mir sagt, mach das, mach das nicht. Die Erziehungsprinzipien ihrer Mutter reduzierten sich auf zwei Vorgaben: kein Heroin. Und nicht schwanger werden.
Mina ist Tochter einer Kindergärtnerin und will später mal studieren, sie hat ein hinreißendes Lächeln und hängt eher selten mit den anderen beiden ab. Im Film versucht sie, Klara vom Nutzen einer Berufsausbildung zu überzeugen. Wenn Klara dann in der Kneipe sagt, ich habe nicht mit 29 Typen gefickt, weil eine Filmszene dieses Missverständnis nahelegt, fällt Mina ihr ins Wort: Könntest du bitte nicht ,gefickt' sagen? Spätestens durch den Film hat sie kapiert, dass der private Umgangston in der Öffentlichkeit einen anderen Klang bekommt.
Dann fühle ich mich wie so ein böses Mädchen
Die charmante Rotzgöre Tanutscha, die sich über ihre strenge Mutter beschwert, sagt im Film einen erstaunlichen Satz über achtjährige Möchtegernrambos: Die haben gar keine Kindheit mehr. Das könnte man auch von den drei Prinzessinnen denken. Sie wissen, dass sie ihren Altersgenossinnen voraus sind. Und sie ahnen, dass ihr Film die Albträume besorgter Eltern vorwegnimmt.
Tanutscha: Ich sehe ja meine Klasse, ich sage jetzt nicht, ich bin die Reifste der Schule oder keine Ahnung, aber die lachen sich tot, wenn man so ein Stück von der Unterhose sieht. Die Jungs spielen noch Fangen auf dem Schulhof. Mina: Immer wenn ich in Italien bin, fühle ich mich wie so ein böses Mädchen. Klara: Keine Mutter will, dass man in einem jüngeren Alter Drogen genommen hat oder gejobbt hat oder Schulverweigerer war oder entjungfert wurde.
Ich bereue nicht, dass ich so aufgezogen wurde
Warum sind sie, wie sie sind? Mina glaubt, es hat mit Kreuzberg zu tun. Tanutscha sinniert, sie seien früh durch die Straßen gezogen und viel mit älteren Jungs zusammen gewesen. Klara weist auf den Einfluss der Mütter hin, und das nicht wegen deren Überforderung und dieser gewissen Haltlosigkeit, die der Film nahelegt. Sie sagt: Unsere Eltern haben uns nicht mit Samthandschuhen angefasst. Die haben uns halt gezeigt, wie es in echt ist. Die haben auch mal über Geldprobleme mit uns geredet oder über Drogen. Alle drei loben das innige Verhältnis zu ihren Müttern. Sie selbst wollen eines Tages durchaus streng sein mit den eigenen Kindern, aber vor allem plädieren sie für eines: für Offenheit als Kern von Erziehung. Klara sagt: Ich bereue es nicht, dass ich so aufgezogen wurde, auf gar keinen Fall.
Kleines Update zum Schluss: Mina ist inzwischen ein Jahr, sieben Monate und ungefähr zwei Wochen mit ihrem Freund zusammen, im Herbst wollen die beiden für ein halbes Jahr nach Südostasien. Tanutscha beginnt nach der zehnten Klasse ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim. Klara sagt: Ich trinke keinen Alkohol mehr, ich nehme keine anderen Drogen, ich habe immer noch meine schöne Beziehung, ich mache meinen Abschluss. Sie sagt auch: Irgendeine Ausbildung brauche ich. Das Beste an der Pubertät ist, dass sie irgendwann vorbei ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: ddp, dpa, F.A.Z. - Christian Thiel, Zoommedienfabrik