Von Verena Lueken
16. Februar 2007 Das Meeresrauschen kam aus einer Waschschüssel, der Wind aus einer Kurbeltonne, die Erzählerin saß auf der Bühne, das Orchester inklusive eines Mannes mit Kastratenstimme im Graben, und auf der Leinwand in der Deutschen Oper lief der wahrscheinlich hysterischste Film des Festivals, blutrünstig, überbordend mit visuellen Einfällen, exaltiert, zum Brüllen komisch.
Guy Maddins Stummfilm-Performance Brand Upon the Brain ist ein Spektakel an den Schnittstellen zwischen Film, Kunst, Konzert und Oper. Drei Geräuschemacher in weißen Laborkitteln ließen auf Holzbalken Schritte klappern, durch Strohhalme Wasser rauschen, die Türen von Kästen zufallen, wenn im Film Entsprechendes geschah. Wenn auf der Leinwand gestisch deklamierend gelitten wurde, hielt es auch die Erzählerin Isabella Rossellini nicht auf ihrem Hocker, sie griff sich ans Herz, sie breitete die Arme aus, sie spielte mit, nicht nur mit ihrer Stimme.
Surrealismus und Melodram, früher Horror, expressionistische Schauspielerei, Texttafeln und pechschwarzer Humor sind die Bestandteile des Kinos von Maddin, einem der eigenwilligsten Avantgardekünstler Kanadas, der so schüchtern ist, dass er mehrfach über die eigenen Füße stolperte, als er sich dem Publikum zeigte. Sein Film erzählt zu der Musik von Jason Staczek mit ihren gefühlsbetonten Streichermelodien von der Reise des Anstreichers Guy zurück auf die Insel seiner Kindheit, wo sein Vater sein Leben im Labor verbrachte, um ein Mittel zur Herstellung ewiger Jugend zu finden, wozu er vielen Waisenkinder an den Nacken ging, während die Mutter vor allem tyrannisch tätig war.
Die Schauspieler spielten, als ginge es ihnen tatsächlich an den Kragen, der Kastratengesang zitterte, bis eine Tür zufiel, ein Zwischentitel annoncierte: Dinner as usual. Grim, und die Mutter zwischen Jugend und mittleren Jahren hin- und herpendelte, bis es wieder hieß: Mother raging. Aging. Wäre Bürgermeister Wowereit unter den Zuschauern gewesen, müßte man sagen: Alle waren da. So waren es fast alle, und soweit das in der Deutschen Oper möglich ist, tobten sie vor Begeisterung, dass die Wände wackelten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP