Sportberichterstattung

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Von Jörg Hahn und Michael Hanfeld

Abgetreten: Jürgen Emig

Abgetreten: Jürgen Emig

24. März 2004 Der Intendant des Hessischen Rundfunks ist dieser Tage um seinen Job nicht zu beneiden. An dem Tag, an dem sein Sender den Rücktritt des umstrittenen Sportchefs Jürgen Emig verkündete - "um weiteren Schaden von sich selbst und vom Hessischen Rundfunk abzuwenden" -, flatterte Helmut Reitze eine Klage ins Haus, deren Absender allein schon pikant und deren Inhalt schwerwiegend ist: 15,34 Millionen Euro will die Filmdienstleistungsfirma Cine-Media vom HR haben, plus Zinsen.

Dies entspricht der Summe, die das börsennotierte Unternehmen 1998 und 1999 für den Kauf von sechzig Prozent der Produktionsfirma Taunus Film in Wiesbaden aufgebracht hat. Das Unternehmen ging am 1. Mai 2003 in die Insolvenz, von dem daraus resultierenden Schaden hat sich die Cine-Media bis heute nicht erholt. Sie hat den Kaufvertrag angefochten und vertritt in der jetzt eingereichten Klage den Standpunkt, daß es nicht erst im Geschäftsjahr 2000 "die unstrittig bestehenden Bilanzfälschungen" gab, sondern bereits seit 1997. Mithin sei, wie der Cine-Media-Prozeßvertreter Harald Mosler ausführt, die Kaufentscheidung aufgrund gefälschter Bilanzen erfolgt. Den Kaufvertrag hat die Cine-Media angefochten, mit der Klage soll die Rückzahlung des Kaufpreises erreicht werden.

Zweifelhafte Netzwerke

Daß in der Sache, in der von der Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen den ehemaligen HR-Intendanten Klaus Berg, der Geschäftsführer der HR-Werbung und Aufsichtsratschef der Taunus Film war, ermittelt wird (Az.: 1130 Js 34618/02), überhaupt geklagt werden muß, ist schon unangenehm genug, schließlich ist die Cine-Media ihrerseits eine Tochter der großen Produktionsgesellschaft Bavaria, die öffentlich-rechtlichen ARD-Sendern wie dem WDR, dem SWR und dem MDR gehört.

Während der Hessische Rundfunk in dieser Auseinandersetzung erst am Anfang steht, ist die Geschichte um den nun zurückgetretenen Sportchef Jürgen Emig und die geschäftlichen Verbindungen seiner Frau Atlanta Killinger-Emig in die Sport- und Sponsorenszene auch noch längst nicht ausgestanden. Denn es hängt bei den im Rundfunkrat des Senders heiß diskutierten Praktiken, die am 2. und am 19. April abermals zur Sprache kommen, zwar viel von Emig ab und mit ihm und der Agentur seiner Frau beziehungsweise deren Kunden zusammen. Mit Emigs Rückzug auf eine andere Position im Sender sind die Verbindungen zwischen der Sportberichterstattung des HR und bestimmten Sponsorenkonstellationen aber längst nicht gekappt. Zweifelhafte Netzwerke knüpfen in der Sportabteilung des Senders nämlich noch andere.

Ein bißchen viel Engagement und Interessenkollision

Daniel Weiss zum Beispiel, 35 Jahre alt, ist ein Tausendsassa: Als ARD-Reporter die öffentlich-rechtliche Eiskunstlaufkapazität im Ersten, als Privatunternehmer der Firma "Spotlight Productions" Veranstalter von Schaulauftourneen und Eisgalas und als Manager des Berliner Paars Kirkgaard/Jeschke auch noch parteiisch im Kampf um die besten Plätze im Scheinwerferlicht. Das könnte man - wie im Fall Emig - für ein bißchen viel Engagement und Interessenkollision halten.

Der frühere Läufer und heute als Trainer arbeitende Ingo Steuer hat sich 2003 bei der Europameisterschaft in Malmö beklagt, daß ihn der Eiskunstlauforganisator Weiss seit einiger Zeit schneide. Verbürgt ist, daß Weiss dem Kollegen dringend davon abgeraten hatte, gegen die Gesellschaft Lotto Hessen rechtlich vorzugehen, nachdem dieser Sponsor der DEU-Deutschlandtournee 2002, ohne die nur am Heimatschauplatz Chemnitz startenden Läufer Wötzel und Steuer zu kontaktieren, mit einem Bild der beiden geworben hatte. Die Szene, welche die Glücksspielfirma auswählte, war für die beiden ein persönlicher Unglücksfall: Mandy Wötzels böser Sturz während der Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer. Den Moment, da sie wegrutschte und er sich über sie beugte, betitelte der Lotto-Werbetexter mit der geschmacksunsicheren Zeile "Helfen Sie dieser Frau". "Darüber waren wir schockiert", sagt Steuer im Blick zurück auf eine unkoordinierte Aktion, gegen die er und seine Partnerin wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte klagten. Weiss hatte Steuer zum Einlenken bewegen wollen: "Wenn so ein Sponsor ausfällt, fehlt der Tournee eine Menge Geld. Dann können wir uns Leute wie dich nicht mehr leisten." Der Paarläufer aber blieb unversöhnlich und erstritt eine Entschädigung in Höhe von 1500 Euro.

„Problem ist im Kern nicht gelöst“

Steuer sah 2003 einen Zusammenhang zwischen seinem Rechtsstreit mit Lotto Hessen (bezeichnenderweise Kunde von der Firma Atlanta Killingers) und der Verweigerungshaltung des Promoters Weiss. Der reagierte wütend auf Steuers Vorhaltungen, er habe ihn "erpreßt und gedroht", der Widersacher werde in Deutschland keine Auftritte mehr bekommen. Der Deutsche Eislauf-Präsident Reinhard Mirmseker hatte den damaligen Streit zwischen Weiss und Ingo Steuer abgewertet. Für ihn war diese Eisaffäre nur ein "Kasperletheater". Weiss' Firma "Spotlight" hat übrigens bei der gerade laufenden WM in Dortmund die Eröffnungsfeier ausgestaltet, seine Frau Jennifer war als Choreographin engagiert. Es gibt also auch in diesem Fall eine Menge Ähnlichkeiten und Berührungspunkte zum Paar Emig-Killinger.

Rolf Müller, der Präsident des Landessportbundes Hessen, sagt heute: "Das Problem ist im Kern nicht gelöst. Es gibt keine Transparenz. Ungeklärt ist die Frage nach den redaktionellen Prinzipien. Kann man sich einkaufen in das Programm des HR? Diese Fragen stelle ich dem Rundfunkrat und dem Fernsehausschuß für die Sitzungen im April. Ich bin kein Fundamentalist, kein Hardliner. Die Übernahme von Produktionskosten ist in Einzelfällen nicht zu kritisieren. Doch das hat überhandgenommen. Der eigentliche Skandal ist in meinen Augen aber nicht in Emig, sondern in der Person Harald Frahm zu sehen." Zur Erklärung: Harald Frahm, der Präsident des Deutschen Tanzsportverbandes, ist Geschäftsführer der Produktionsfirma SMP. Und Vertrauter der Familie Emig.

Höchste Zeit für klare Regeln

Der Interimssportchef des HR, Chefredakteur Manfred Krupp, hat gestern angekündigt, es werde eine gründliche Bestandsaufnahme aller Sportsendungen geben, die bisherigen Verfahren bei der Planung, Plazierung und Übertragung von Sportereignissen würden überprüft. Es müßten "offene, nachvollziehbare und erkennbare Kriterien" formuliert und aufgestellt werden, in welcher Form bestimmte Sportereignisse auch über sogenannte Beistellungen zusätzlich finanziert werden dürften. Für klare Regeln ist es höchste Zeit. Es gibt viel zu tun.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2004, Nr. 72 / Seite 44
Bildmaterial: dpa

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