Berlinale-Wettbewerb

Wer hat gesagt, Fußball sei nichts für Mädchen?

Von Andreas Kilb

Vin Diesel in “Find Me Guilty“

Vin Diesel in "Find Me Guilty"

17. Februar 2006 Einundzwanzig Monate hat der Prozeß gedauert, länger als irgendein anderes amerikanisches Mafiaverfahren. Jetzt hält Jack DiNorscio sein Schlußplädoyer. Er hat keinen Anwalt, er vertritt sich selbst. Er sagt zu der Jury: „Wenn Sie finden, daß an den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft etwas dran ist, dann schieben sie es auf mich. Sprechen Sie mich schuldig. Aber lassen sie meine Freunde nach Hause zu ihren Familien gehen.“ Sie sprechen ihn frei.

Sidney Lumet ist einundachtzig Jahre alt, „Find Me Guilty“, der vom Prozeß gegen DiNorscio und die Mitglieder des Mascarpone-Clans in New Jersey erzählt, ist sein achtundvierzigster Film. Lumet muß nichts mehr beweisen, weder sich selbst noch dem Publikum der Filmfestivals, so daß er sich ganz auf das konzentrieren kann, was seine Stärke ist: die Darstellung menschlicher Verhaltensweisen im öffentlichen Raum.

Die Welt der Gerichtssäle

Seit den „Zwölf Geschworenen“, mit denen vor fünfzig Jahren seine Karriere im Kino begann, hat sich Lumet stets für die Welt der Gerichtssäle und Verhörzimmer interessiert, für die Psychologie von Geiselnehmern und Nachrichtenmoderatoren. In „Find Me Guilty“ erweitert er seine Palette um einen ungewöhnlichen Typus: den Kriminellen als Entertainer. Am Anfang des Films wird Jack DiNorscio (Vin Diesel) von einem Verwandten mit vier Schüssen niedergestreckt, am Ende muß er, wegen Drogenhandels zu dreißig Jahren Haft verurteilt, wieder ins Gefängnis, während seine Auftraggeber und Kumpane an ihm vorbei in die Freiheit ziehen.

In den zwei Filmstunden dazwischen führt er das amerikanische Rechtssystem nach allen Regeln der Kunst ad absurdum. Er sei ein Gagster, ein Spaßmacher, kein Gangster, erklärt er den Juroren mit breitem Grinsen. Die Kronzeugen des Staatsanwalts bringt er ins Stottern, indem er an ihre Verbrecherehre appelliert. Während die angeklagten Mafiabosse um ihren Hals bangen, wenn DiNorscio seine Show abzieht, betrachtet ihn der Richter (Ron Silver) mit wachsender Sympathie. So wie der Kinozuschauer, der gewohnt ist, mit denen zu fühlen, die am längsten im Bild sind.

Bonhomie mit doppeltem Boden

Auf den ersten Blick wirkt „Find Me Guilty“ wie eine nette Gangsterkomödie. Aber Lumets Bonhomie hat einen doppelten Boden, denn der Film läßt keinen Zweifel daran, daß DiNorscio und seine Freunde Verbrecher sind. Mit ihrem Freispruch rückt Amerikas Justiz selbst auf die Anklagebank, weil sie die Wahrheitsfindung einer Gruppe gewöhnlicher Zuschauer überträgt. Indem er uns über DiNorscios Kapriolen lachen läßt, klärt Lumet das Kino über sich selbst auf. Auch auf der Leinwand geht es nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um Identifikation. Das wußten wir schon, aber selten haben wir es mit lässigerer Tücke vorgeführt bekommen als in „Find Me Guilty“.

Szene aus “Offside“

Szene aus "Offside"

Frauen zählen in Mafiafilmen zur Dekoration. Auch diese Regel hältLumet ein, indem er sie bricht. Nur für fünf Minuten schickt er Annabella Sciorra als DiNorscios Exfrau zu diesem ins Gefängnis, aber in diesen fünf Minuten steht der Film kopf. Mitleid, Liebe, Eifersucht, Wut, Sex, alles rast da vorbei, was sonst auf ein ganzes Leben verteilt ist. Es ist eine der großen Szenen im amerikanischen Kino dieser Jahre, aber Lumet macht kein Aufhebens davon, er hat es nicht nötig, seine Meisterschaft zu betonen. Er zeigt sie, das genügt.

Dezente Erotik

Auch in Michele Placidos „Romanzo criminale“ gibt es eine Femme fatale, die elegante, dunkle Anna Mouglalis, doch man muß sich nur die Szene anschauen, in der sie mit dem Kommissar (Stefano Accorsi), der ihren Mafiafreund festnageln will, aufs Bett sinkt, um den Unterschied zwischen einem Könner und einem Liebhaber des Genres zu begreifen. Placido inszeniert den Sündenfall der Edelhure Patrizia voll dezenter Erotik, schließlich ist er einer der wenigen Momente der Ruhe in einem depressiven Bilderbogen aus dem Italien der siebziger Jahre, voller Abstechereien, Politikermorde, Betrug und Verrat; aber sein Blick bleibt an der Hautoberfläche seiner Figuren kleben, so wie auch der Film an den Oberflächenreizen der Handlung klebt, ohne Gespür für die Menschen dahinter. Kim Rossi Stuart, der mit versteinerter Miene einen Gangster namens „der Kalte“ spielt, ist so etwas wie die Ikone von „Romanzo criminale“, einem sehr kalten und langen Film, dessen Schlußszene auf seltsame Weise an Matthias Glasners Vergewaltigerdrama „Der freie Wille“ erinnert. Wenn Helden sterben müssen, geht es offenbar nicht mehr ohne Pieta.

Am zehnten Tag des Festivals hat fast jeder Film im Wettbewerb seinen Zwilling gefunden. Das Puzzle der Globalisierung in „Syriana“ paßt zum Agitationskino von Winterbottoms „Road to Guantánamo“, Grisebachs „Sehnsucht“ zu Schmids „Requiem“, und „Elementarteilchen“ kann sich mit „Science of Sleep“ zusammentun. Nur die iranischen Beiträge finden keinen Partner, selbst untereinander nicht. Der erste, „Zemestan“ von Rafi Pitts, erzählt eine Wintergeschichte in trostloser Landschaft, zwischen kahlen Bergen, Schrotthalden, Autobahnen und Gleisen, die ins Nichts führen. In einem Haus neben den Gleisen lebt eine Familie, der Vater ist arbeitslos, er nimmt den Zug, um anderswo Arbeit zu suchen, und kommt nicht wieder. Ein durchziehender Hilfsarbeiter wird auf die Frau, die eine Schönheit ist, aufmerksam, er wirbt um sie, die beiden heiraten, aber dann verliert auch dieser Mann seine Arbeit, und der totgeglaubte Familienvater kehrt als Krüppel zurück und wirft sich vor einen Zug.

Ein Totengedicht

„Zemestan“ ist nach einem Roman von Mahmoud Dowlatabadi entstanden, aber ebensosehr habe ihn das Gedicht „Winter“ seines Landsmanns Mehdi Akhavan Saless inspiriert, erklärt Rafi Pitts, und in diesem Hinweis liegt der Schlüssel zu seinem Film. „Zemestan“ ist eher eine Elegie als ein Spielfilm, ein neunzigminütiges Totengedicht aus einem armen, geschundenen und übervölkerten Land. Der Einzug des Fernsehens in die Häuser der einfachen Arbeiter, sagt der Regisseur, habe die Sehnsucht nach einem besseren Leben geweckt, ohne ihr zugleich ein Ziel zu geben. Ziellos, orientierungslos wirken auch die Figuren dieses Films, Stiefkinder der Globalisierung, denen die Reise ins Ausland als letzte Hoffnung winkt.

Jafar Panahis „Offside“ („Abseits“) dagegen spielt in Teheran. Ein Mädchen, als Junge verkleidet, will ins Fußballstadion, zum entscheidenden Qualifikationsspiel der iranischen Nationalmannschaft gegen Bahrain. Aber Mädchen dürfen nicht zum Fußball. Sima wird von Soldaten aufgegriffen und mit fünf anderen jungen Frauen in ein improvisiertes Lager am Stadionrand gesperrt. Zwischen den Soldaten, die größtenteils vom Land kommen, und den weiblichen Fußballfans entwickelt sich ein Machtspiel, bei dem der Wahnsinn der Geschlechtertrennung in seiner ganzen Bandbreite vorgeführt wird. Als eins der Mädchen auf die Herrentoilette gehen muß, weil es keine Damentoiletten gibt, will ihr Bewacher ihr die Augen verbinden. „Warum?“ - „Weil an den Wänden Dinge stehen, die keine Frau lesen darf.“

Jafar Panahi hat mit „Der Kreis“ (2000) und „Crimson Gold“ (2003) zwei der düstersten Filme des neuen iranischen Kinos gedreht. Mit „Offside“ entdeckt er einen neuen Ton und ein neues Genre für sich: die Komödie der Emanzipation. Zugleich ist sein Film so schwerelos und präzise wie die Meisterwerke von Kiarostami und Makhmalbaf. Wer behauptet, es sei eine mittelmäßige Berlinale gewesen, hat „Offside“ nicht gesehen.



Text: F.A.Z., 18.02.2006, Nr. 42 / Seite 41
Bildmaterial: Berlinale

 
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