Fernsehen

Gangsta-Rapper im Schweinekostüm

Von Heike Hupertz

Dirk Bach verjuxt Max Kruses Geschichten von der Insel Titiwu

Dirk Bach verjuxt Max Kruses Geschichten von der Insel Titiwu

17. Dezember 2005 Auf der schönen Insel Titiwu lebten einst, Ende der sechziger Jahre, der vergeßliche Wissenschaftler Profesr Habakuk Tibatong und sein Assistent Tim Tintenklecks in lebhafter Eintracht mit dem leicht erregbaren, aber grundguten Hausschwein Wutz, umgeben von einer bunten Kinder-, vielmehr Tierschar, und leiteten eine Art Summerhill-Schulprojekt.

Auf Titiwu war der Unterricht „freiwillig nach Vereinbarung“. Standen wichtigere Dinge an, beispielsweise der Hausputz, traten an die Stelle des akademischen Lehrplans mit seinen Übungen in Sprecherziehung die ganzheitlich orientierten und natürlich untereinander gelehrten Fächer Abenteuerkunde, Sozialkompetenz - wer darf heute in der Muschel schlafen? - und Singen.

Das Urmel, wie man es aus der “Ausburger Puppenkiste“ kennt

Das Urmel, wie man es aus der "Ausburger Puppenkiste" kennt

Jedes der Kinder, vielmehr der Tiere, hatte die menschliche Spache gelernt, was der ignorante Dr. Zwengelmann vom Naturkundemuseum in Pumpolonien aus kollegialem Neid einfach abstritt, war aber kein ungeselliger Streber, sondern glücklicherweise ein kleines bißchen imperfekt: Schusch, der Schuhschnabel, sprach statt des „r“ ein „l“, und der Waran Wawa zischelte „sch“ anstelle von „z“ und „s“. Der traurige Seele-Fant seufzte die „Öhs“ und „Ähs“ von seinem Felsen, wo immer Vokale gefragt waren, und Ping, der Pinguin mit Briefträgermütze und Schlips, fand vieles einfach „fön“. Was alle prächtig verstanden und niemanden großartig störte. Von babylonischer Sprachverwirrung war auf dieser Insel der Kindheit noch keine Spur.

Ein gräßliches Danaergeschenk

Dann schlüpfte das Urmel aus seinem Ei und war noch ein wenig unternehmungslustiger und vorwitziger als die anderen Kinder, vielmehr Tiere. Es aß gern Haferschleim und Rettich und trank Orangensaft, schneuzte sich in Wutzens Schürze und schaukelte vergnügt in der Hängematte. Privatfernsehen kannte es damals noch nicht, als der Hessische Rundfunk 1969 viermal dreißig Minuten lang den blauen - mitnichten den roten, liebe Presseheftersteller bei Sat.1 - Vorhang der Augsburger Puppenkiste hob, um seine Marionetten-Verfilmung des utopischen Kinderbuchklassikers von Max Kruse zu zeigen. Das war sein Glück, und unseres war es auch.

War damals nicht auch jene Zeit, in der unsere Eltern predigten, nicht jedes putzige Geschenk gleich gierig anzunehmen? Wenn sich manches geändert haben mag: das stimmt immer noch. Obacht vor allen, die uns ein X für ein U vormachen. Wie Sat.1, der selbsternannte führende Comedy-Sender, der uns als Adventsgabe ein gräßliches Danaergeschenk präsentiert: „Urmel aus dem Eis“ trifft „Schillerstraße“ und „Schnappi“.

Da „öfft“ sich Barbara Schöneberger vor Publikum als oberzickige Haushälterin Wutz unter Dauerstress und mit „Burn-out-Syndrom“, dem nur die „Mutter-und-Kind-Kur“ abhelfen könnte, ohne Erbarmen durch drei Stunden angeblich liebevoller Nostalgie samt Plastikfolienmeer. Und gibt ein „Desperate Housewife“ im Schweinekostüm, das unter dem schmuddeligen Verhältnis mit seinem Vorgesetzten und wahrscheinlich deswegen unter zwanghaftem Putzen leidet. Die Tiere haben in der Schule Frontalunterricht und streiten wie die Kesselflicker (Mirja Boes, Lutz Herkenrath, Ralf Schmitz).

Kuschelpädagogisch nivellierend

Oder um ehre Pfprachfehler möglischt platt auschschuwalschen. Dem Professor (Heinrich Schafmeister) wäre beizubringen, daß mancher vergeßlich sein kann, ohne die absolute Begriffsstutzigkeit gepachtet zu haben. Und das unschuldige Urmele (Dirk Bach) hat die Videos aller Gangsta-Rapper bei Viva und MTV gesehen, nur halb verdaut und will deswegen seine Mama Wutz dauernd in den Busen beißen. Wenn es nicht zum Frühstück diverse Schokoladenprodukte der Firma Ferrero - ein Fall von Schleichwerbung? - oder Cornflakes gar garstig verlangt. Ganz klar ein Fall für die Super-Nanny. All das kann man noch lustig finden (man muß aber nicht).

Die “Puppenkiste“ geht auf Reisen

Die "Puppenkiste" geht auf Reisen

Der alberne Spaß hört auf, wo dem „Urmel aus dem Eis“ kuschelpädagogisch nivellierend alles ausgetrieben worden ist, was den Horizont der Zielgruppe aus jungen und älteren Infantilen eventuell übersteigen und damit als Zumutung ans Nachdenken begriffen werden könnte. Da offensichtlich niemand - beim Sender? - mehr weiß, was eine Kasserolle ist, muß König Pumponell (Götz Otto) einen Hut „wie ein Topf“ tragen. Den Brief an den wissenschaftlichen Fachkollegen darf Professor Tibatong nicht mehr zum Spaß fast in Altgriechisch, sondern fast auf englisch verfassen.

Sat.1 kennt „Menschenpflicht“ nicht

Hier geht der König nicht auf Großwildjagd, weil er vom Volk kurzerhand unblutig abgesetzt wurde und also gelangweilter Frühpensionär ist, sondern halt mal so. Vor allem aber: Als der König auf Urmeljagd, sein Diener Sami und Wawa in der Höhle der Riesenkrabbe verschüttet werden, will Profesor Tibatong alle halt mal retten. Bei Max Kruse und in der Fassung der Augsburger Puppenkiste ist die Rede von der „Menschenpflicht“, was allen anwesenden Kindern, vielmehr Tieren, und auch Wutz einen hinreichenden Grund vermittelt. „Menschenpflicht“? Von Sat.1 vermutlich als hoffnungslos lächerlicher Begriff aus dem Skript gestrichen.

Komödianten in Kostümen

Komödianten in Kostümen

Man kann das alles spitzfindig finden (man muß aber nicht). Demnächst gibt es bestimmt Elton als Jim Knopf mit Stefan Raab als Lukas, dem Lokomotivführer, und Hella von Sinnen als Emma, der Lokomotive, in Koproduktion von Pro Sieben und Sat.1. Und das wunderbar anarchische Urmellied von den Tindern, die aus dem Zimmer ausbüxen, um all die schönen Sachen zu sehen, als Klingelton fürs Handy. Besten Dank, Sat.1.

Heute und morgen um 20.15 Uhr bei Sat.1.



Bildmaterial: picture-alliance, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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