„Robert Altman's Last Radio Show“

Der kleine Film zum großen Abschied

Von Peter Körte

07. April 2007 Sie sind alle gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie sitzen im Fitzgerald Theater in St. Paul in Minnesota, und sie klatschen und lachen, sie feiern und trauern, weil es die letzte Ausgabe der Radioshow „A Prairie Home Companion“ ist, die live vor Publikum gesendet wird, und weil das Theater anschließend abgerissen werden soll.

Sie sind wie wir: Man sieht die Zuschauer nicht, man hört sie nur, während die letzte Show läuft, und niemand sieht uns Zuschauer, die wir in einem Kino sitzen, um Robert Altmans letzten Film zu sehen, der auch „A Prairie Home Companion“ heißt. Doch weil hier niemand diese amerikanische Radiosendung kennt, heißt der Film in Deutschland „Robert Altman's Last Radio Show“.

Amerikanisches Alltagsleben verdichtet

Als Altmans Film im vergangenen Jahr auf der Berlinale lief, war der Regisseur selbst noch dabei, er erlebte auch noch den Kinostart in Amerika, bevor er am 20. November 2006 im Alter von 81 Jahren verstarb; das Theater, welches nach dem in St. Paul geborenen F. Scott Fitzgerald benannt wurde, steht noch immer, und die Show läuft weiter, weil Altman ihr Ende nur erfunden hat, ohne zu wissen, dass dies sein letzter Film sein würde.

Und deshalb ist es natürlich eine Rückprojektion, wenn man jetzt im Film die elegischen Motive stärker wahrnimmt als die heiteren und im fiktionalen Abschied immer auch den realen des Regisseurs sieht. Man kann auch gar nicht anders, weil Robert Altman sein Leben lang Filme gedreht hat, in denen sich, trotz aller Sarkasmen und Übertreibungen, immer auch ein Stück amerikanisches Alltagsleben verdichtet.

Er sendet immer weiter...

Es ist allerdings nicht ganz leicht, jenseits von Amerika diese Radioshow zu verstehen, die einem in der Prärie ein treuer Begleiter sein soll. Es hilft, wenn man Woody Allens „Radio Days“ gesehen hat, denn man kann dann „A Prairie Home Companion“ leichter begreifen als eine liebevolle Parodie auf eine Zeit, in der es draußen das Kino und zu Hause nur einen Radioapparat gab.

Garrison Keillor, der die Show im wirklichen Leben seit 1974 moderiert, hat auch das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle übernommen, während er immer weiter sendet, zwei Stunden pro Woche, mit einer Mischung aus Sketchen, Witzen, erfundenen Werbespots, Musik, die von Opernarien bis Country reicht, und dabei hartnäckig den Eindruck zu konservieren versucht, es gebe dieses Radio noch, mit dem seine Zielgruppe ihre Kindheit verbracht hat.

Prärie und Parodie

Der Film zeigt nichts anderes als die Show, er macht sichtbar, was man sonst lediglich hört, sein Resonanzraum ist die Welt des Mittleren Westens mit ihrem typischen Humor und ihrer nüchternen Schicksalsergebenheit, und man müsste lange suchen, bevor man im deutschen Radio ein vergleichbares Programm fände; man müsste zumindest sehr, sehr weit zurückgehen, tief in die sechziger Jahre, und würde dann feststellen, dass man solche Sendungen nicht gerade vermisst.

Es ist nicht sonderlich aufregend, was da geschieht, und der Film versucht auch gar nicht, diesen Eindruck zu erwecken; die Kamera bewegt sich leichtfüßig hin und her, sie gibt keinem im Ensemble Anlass zur Eifersucht, weil es, wie so oft in einem Altman-Film, mehr um die Dynamik einer Gruppe als um das Schicksal eines Einzelnen geht; sie lässt den einen zurück, um sich der anderen zuzuwenden, tritt von der Bühne in die Kulisse, um dann wieder Keillor Zeit für seine weitschweifigen Moderationen zu geben oder dem Tontechniker dabei zuzuschauen, wie er Bauernhofgeräusche erzeugt.

Auf der Bühne und backstage

Altman hat lediglich einen schmalen Rahmen um die Show gelegt. Der Film beginnt und endet in einem Diner, welches ausgeleuchtet ist, als würden Edward Hoppers „Nighthawks“ jeden Moment hereinkommen - nur sieht das deutlich weniger pietätvoll aus, als wenn Wim Wenders das macht. Da ist der Investor aus Texas (Tommy Lee Jones), der keine Ahnung hat, wen die Büste in der Ehrenloge darstellt - es ist, natürlich, der Schutzheilige F. Scott Fitzgerald -, und der die Show für veraltet erklärt, was insofern ein guter Witz ist, als ihr Erfolg sich genau daraus erklärt, dass sie diese Hingabe ans Überholte und längst Verschwundene zelebriert; da ist ein Mann mit dem sprechenden Namen Guy Noir (Kevin Kline), der für die Security verantwortlich ist und sich aufführt wie ein dilettantischer Marlowe-Impersonator; und da ist eine Frau (Virginia Madsen), die nur „dangerous woman“ heißt, einen weißen Trenchcoat trägt und sich als einer dieser Engel erweist, denen man in Altmans Filmen gelegentlich begegnet ist. Sie kann nichts ändern, sie ist da, um zu trösten.

Alles andere spielt auf der Bühne und backstage. Der Moderator bügelt kurz vor der Sendung noch selber seine Hosen, als hätte er alle Zeit der Welt, dann treten die Stars in Serie auf, die vor seiner Kamera zu versammeln Altman nie Probleme gehabt hat. Es ist amüsant und wunderbar, Meryl Streep beim Singen und Jaulen zuzuhören, oder zu erleben, wie sie mit ihrer Filmschwester Lily Tomlin von den guten, alten Zeiten redet; und Woody Harrelson und John C. Reilly als singendes Cowboy-Duo, welches die schlechtesten Zoten der Welt reißt und seinen letzten Song ganz passend „Bad Jokes“ nennt, sind ein großer Spaß.

Jede Show ist deine letzte

Ed Lachmans Kamera lässt sie alle strahlen, er hat ein weiches Licht gesetzt, das an Kerzenschein erinnert - der milde Schimmer der Nostalgie. Ansonsten ist die Show Routine, weil all die kleinen Ansätze zu einem Plot mit Nonchalance ignoriert werden. „Jede Show ist deine letzte“, sagt Keillor, der jeden Hinweis darauf verweigert, dass es sich um die Dernière handelt. Das verbietet auch jede dramatische Zuspitzung.

Aber es ist dann eben doch typisch Altman, dass er auch an diesem harmlosen Sujet noch einmal den großen Unterschied klarmacht, der sein Kino immer vom amerikanischen Mainstream getrennt hat. Wovon er erzählt, das kann und wird ein Publikum vermutlich auch sentimental stimmen, weil es ein wenig hilflos den Zeiten nachtrauert, als sich Radiosendungen noch anhörten wie „A Prairie Home Companion“. Doch wie er erzählt, wie er seine Protagonisten ihren letzten Auftritt absolvieren lässt, das ist alles andere als nostalgisch, sondern von einer stoischen Professionalität, die sich die Nostalgie vom Leibe hält.

Bühne und Backstage

So haben sich Keillor und Altman, der seine Karriere vor Jahrzehnten als Schreiber fürs Radio begann, gefunden: zu einer Elegie, die heiter stimmt, und zu einer Heiterkeit, die ihre Scherze im Schatten des Todes machen will, zu einem Film, der nicht der große Wurf ist, es aber auch gar nicht sein will, sondern einfach nur entspannt und unterhaltsam von lauter letzten Dingen handelt.

Das mag einem ziemlich altersmilde vorkommen, wenn man sich an die großen Momente in Altmans Kino erinnert, das nie sonderlich menschenfreundlich oder barmherzig mit seinen Charakteren sein wollte, das immer wieder Gruppen und kleinen Gemeinschaften dabei zugeschaut hat, wie sie sich zu retten versuchen, um am Ende doch unerlöst zu bleiben - in „California Split“ oder „Nashville“, in „McCabe and Mrs. Miller“, „Drei Frauen“ oder „Eine Hochzeit“. Damit hat er sich bei vielen unbeliebt gemacht, so wie ihn diese späte Milde manchen näher bringen mag. Aber das ist ein Irrtum: Sein Blick auf das Ensemble von „A Prairie Home Companion“ ist bloß eine Variante früherer Ansichten, aber kein Widerruf und auch kein Gegenbild.

Und so ist die Versuchung groß, diese Last Picture Show von Robert Altman und ihr Abschiedsthema zu überblenden - zu groß, als dass man ihr widerstehen könnte. Als der alte Bluegrass-Sänger Chuck direkt nach seinem Auftritt stirbt und das morbide Mädchen (Lindsay Lohan), das Gedichte über Selbstmord verfasst, den Moderator auffordert, wenigstens einen Nachruf zu improvisieren, da sagt Garrison Keillor bloß: „Wenn ich in meinem Alter anfinge, Nachrufe zu verfassen, würde ich nichts anderes mehr tun.“ - „Sie wollen nicht, dass man sich an sie erinnert?“, fragt das Mädchen trotzig, und er antwortet: „Ich will nicht, dass man den Leuten sagt, sie sollten sich an mich erinnern.“ Robert Altman hat diese Antwort vermutlich gefallen.

Ab Donnerstag im Kino



Text: F.A.S. vom 8. April 2007
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

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