Von Peter Körte
13. Januar 2008 Gestern war heute, und heute ist schon morgen, das ist nicht bloß die lustige Formel des Films Und täglich grüßt das Murmeltier, in dem ein Mann immer wieder denselben Tag durchleben muss. Die Zeitschleife könnte auch die Wirklichkeit erfassen, wenn sich auf Bildschirmen und Kinoleinwänden die Wiederholungen wiederholen. Seit dem 5. November 2007 streiken in Hollywood die Drehbuchautoren, und wenn sie sich nicht bald mit dem Produzentenverband einigen, dann bleibt es nicht bei der Absage der für diesen Sonntag geplanten Golden-Globe-Gala: dann stehen die Oscars am 24. Februar auf dem Spiel.
Dann wird es in absehbarer Zeit Nachschubprobleme nicht nur auf amerikanischen Bildschirmen geben; auch auf den Leinwänden in deutschen Kinos werden keine neuen Filme aus Hollywood mehr zu sehen sein. Dann wird es einem beinahe wie Will Smith in I Am Legend ergehen: Wo immer man hinschaut, schauen einen nur die alten Zombies an.
Golden-Globe-Absage ein Menetekel
Worum geht es überhaupt in diesem Arbeitskampf? Um Geld natürlich, weil es in Hollywood immer um Geld geht. Aber es geht auch um die Zukunft; darum, wie sich die Rollen von Autoren und Produzenten verändern, wenn Filme nicht nur in Kino, Fernsehen und auf DVD laufen, sondern im Internet, auf Mobiltelefonen, iPods oder sonst wo. Und weil die Kinoerlöse nur noch einen Bruchteil der Summe bilden, die mit einem Film eingespielt wird, geht es auch um die Rechte der Autoren in einer Industrie, die ohne Autorenideen weder Täglich grüßt das Murmeltier noch I Am Legend produziert hätte. Die Writers Guild of America, die man besser eine Gilde als eine Gewerkschaft nennt, will eine Verdoppelung ihrer Tantiemen aus DVD-Verkäufen, Tantiemen für Shows und Filme, die im Web und auf Mobiltelefonen gezeigt werden, und sie will auch Tantiemen für jene Autoren, die an Reality-TV-Programmen arbeiten. Das Angebot der Alliance of Motion Picture and Television Producers liegt bisher weit unter diesen Forderungen.
Deshalb wurden die Verhandlungen im Dezember abgebrochen, während man einander öffentlich weiter attackierte. Auf der Website des Produzentenverbandes rechnete ein inzwischen stillgelegter Liveticker vor, wie viel Geld die Autoren durch den Streik bereits verloren haben: 151 Millionen Dollar. Der Schaden für die gesamte Industrie ist noch größer. Und die symbolischen Verluste sind auch nicht zu unterschätzen. Zwar begreift niemand wirklich, warum die Golden Globes, die von in Amerika völlig unbekannten Auslandsjournalisten verliehen werden, so wichtig werden konnten, aber sie sind nun mal seit vielen Jahren eine Art Barometer für die Oscars, und die Absage der Gala ist deshalb ein Menetekel.
Neue Bewegung durch Separatverträge
Die Ausnahmegenehmigung, welche die Veranstalter in dem Glauben beantragten, die Gilde werde eine Institution wie die Globes nicht verkommen lassen, wurde abgelehnt. Und ohne Gagschreiber, Lobredenverfasser und Moderationstexter keine Show, keine Golden Globes, womöglich auch keine Oscars. Und wenn Hollywoods wichtigstes Stammesritual auch zu einer Pressekonferenz schrumpfen sollte, auf der ganz prosaisch Gewinner verlesen werden, ist gar nicht abzusehen, was das für ein globales Publikum bedeuten würde. Geschäftsschädigend ist es ohnehin, weil Glamour und Gloria der Preisverleihungen dafür sorgen, dass die nominierten Filme im Kino und auf DVDs noch eine Menge Geld einspielen.
Inzwischen gibt es nun allerdings Vorstöße, um Bewegung in den starren Frontverlauf zu bringen. Deals wie den von David Lettermans Firma, von der Weinstein Company oder von Tom Cruises United Artists, die Separatverträge mit der Gilde geschlossen haben. Dennis Rice, Kommunikationschef von United Artists, erklärte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, warum seine Firma ausgeschert ist: Unser Ziel war ganz einfach: die Arbeit wieder aufzunehmen. Für uns ist es eine Win-win-Situation. Die Ergebnisse könnten uns als eine künstlerfreundliche Firma präsentieren. Und vielleicht wirkt unser Deal ja sogar als Katalysator für weitere Verhandlungen.
Keine Prognose für die Oscar-Show
Was die Oscars angeht, möchte der Marketing-Veteran Rice (Hollywood Reporter) lieber keine Prognose abgeben. Allerdings müsse man aufpassen, nicht den Punkt zu erreichen, ab dem keine vernünftige Show mehr produziert werden könne. Und mit gedämpftem Optimismus fügt Rice hinzu: Man kann auf lange Sicht keine Industrie ohne Künstler betreiben, doch die Künstler müssen auch sensibel für die Bedürfnisse der Studios sein, die ihren Aktionären Rechenschaft schuldig sind. Man muss einfach begreifen, dass beide Seiten elementar für die Zukunft der Industrie sind.
Bislang haben die streikenden Autoren ihren öffentlichen Sympathiebonus noch nicht verspielt. Die Schauspieler haben sich mit den Autoren solidarisiert, indem sie vorab ihr Fernbleiben von der Golden-Globe-Gala ankündigten. Kein Star möchte sein Image dadurch ruinieren, dass er an Streikposten vorbeigeht, welche die Autorengilde für den Fall aufzustellen versprach, dass die bestreikte Firma die Globe-Show produzieren würde. George Clooney, Keira Knightley oder Johnny Depp mochten jedoch auch nicht auf ein paar Stühlen Platz nehmen, um bei einer Pressekonferenz der Bekanntgabe der Sieger zuzuhören, anstatt in Abendgarderobe im Ballsaal des Beverly Hilton Hotels zu sitzen und sich von vielen Kameras beim Applaudieren beobachten zu lassen.
Was werden die Regisseure machen?
Erst einmal beobachten sie alle einander sehr genau, weil jeder Zug der einen direkte Konsequenzen für die anderen Gilden hat. Die Regisseursvereinigung DGA, deren Vertrag im Juni ausläuft, hat gestern vorgezogene Tarifverhandlungen aufgenommen, was die Produzenten freut, da sie auf diese Weise einen potentiellen Brand ersticken könnten, und was prominente Autoren-Regisseure wie die Coen Brothers, Lawrence Kasdan oder Sean Penn zu dem öffentlichen Appell an die DGA veranlasst hat, die Position der Autoren nicht durch Verhandlungen zu unterminieren. Sollten die Regisseure zu einem akzeptablen Abschluss kommen, könnte das Signalwirkung haben für die Autoren; falls nicht, sagt der Filmkritiker Kenneth Turan von der Los Angeles Times, könnten die Autoren versuchen, bis zum Sommer durchzuhalten, bis der Tarifvertrag der Schauspieler ausläuft, um dann gemeinsam den größten Streik in Hollywoods Geschichte anzuzetteln. Dann fänden die rund 11.000 Mitglieder der Autorengilde ihre natürlichen Verbündeten in den 120.000 Mitgliedern der Screen Actors Guild.
Dass es trotz solcher apokalyptischen Szenarien, die man in Hollywood schon immer voller Angstlust in Drehbücher verwandelt hat, nicht zu einer Einigung gekommen ist, hat auch mit der professionellen Schlachtordnung zu tun. Die Produzentenvereinigung hat Experten rekrutiert, die schon für Clinton und Gore tätig waren: beinharte, trickreiche PR-Profis, deren Handschrift in der Sprache der Presseerklärungen zu erkennen ist. Von ideologischer Mission ist da die Rede, von Radikalen, als hätten späte Apparatschicks das Kommando bei den Autoren übernommen. Die Autoren haben einen erfahrenen Gewerkschaftsmann als Organisator verpflichtet, der weiß, wie man eine Versammlung von Besserverdienenden als Speerspitze der Arbeiterbewegung erscheinen lässt. Im öffentlichen Raum ringen sie um jeden Millimeter Boden, und an Schlichtung denkt keiner. Gouverneur Schwarzenegger muss sich als Mitglied der Schauspielergilde zurückhalten, der demokratische Kandidat John Edwards verkündete auf einer Streikversammlung seine Solidarität mit den Autoren - und ein amerikanischer Präsident würde wohl auch nicht mit Bahnchefs und Lokführern reden.
Wann setzte die große Leere ein?
Der Filmpublizist David Thomson, der schon im Oktober an dieser Stelle den Streik prophezeit hatte, hat auch vor den weitreichenden Folgen gewarnt, die in den täglichen Scharmützeln untergehen. Nach dem letzten Streik, der 1988 stattfand und 22 Wochen dauerte, hatte sich die Zahl jener Fernsehshows, Reality-TV vor allem, verdoppelt, die nicht unter den Tarifvertrag fallen. Diese Zahl könnte, je länger dieser Streik dauert, desto weiter steigen. Die Sender würden mangels neuer Ware 24 Stunden lang Game Shows und Reality Shows ausstrahlen, was vermutlich noch mehr jüngere Zuschauer ins Internet abwandern ließe. Wann jedoch die große Leere auf den Bildschirmen anbricht, weil der Zustrom an Drehbüchern versiegt ist, kann keiner genau sagen. Aber man kann in der Strike Zone, welche die Los Angeles Times seit Streikbeginn auf ihrer Website eingerichtet hat, für jeden Sender nachlesen, welche Serien bereits die Produktion einstellen mussten. Im Kino wird man sich wohl bis in den Sommer retten können, weil für die großen Blockbuster die Drehbuchphase längst vorbei ist und die weltweiten Starttermine festliegen; aber auch hier sind Stockungen absehbar - und der Sommer 2009 wartet schon. Wenn man, andererseits, sieht, wie viele Filme jede Woche allein in deutsche Kinos drängen, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn aus einer Überproduktionskrise für eine Weile eine vernünftige Balance von Angebot und Nachfrage wird.
Aber womöglich haben die Härte und die Unerbittlichkeit des Streiks noch einen Subtext, der über den bloßen Kampf um mehr Geld hinausgeht. Autoren zählten in Hollywood immer schon zu den gut bezahlten Parias, seit Schriftsteller wie Fitzgerald, Faulkner oder Chandler sich als Lohnschreiber in den großen Studios verdingten und die Studiochefs als illiterate Barbaren verachteten. Die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Joan Didion hat daran schon 1988 erinnert, als sie über den damaligen Streik schrieb. Geht man noch weiter zurück, stößt man auf jene Stelle in F. Scott Fitzgeralds Letztem Tycoon, an der die Erzählerin bekennt, sie habe writer und typewriter, Schreiber und Schreibmaschine, immer für das Gleiche gehalten.
Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
Man muss deshalb nun kein Mitleid haben mit Leuten, die laut Los Angeles Times über ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 90.000 Dollar verfügen, aber man kann sich schon mal fragen, ob es bei diesem Arbeitskampf nicht auch um den Autor im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit geht. In der neuen digitalen Medienlandschaft zeichnen sich längst Formate, Vertriebswege und Produktionsweisen ab, für die weder ein Autor im klassischen Verständnis der Gilde benötigt wird, noch eine Produktionsfirma, welche ganz allein die Verwertungskette der selbst erzeugten Inhalte kontrolliert. Die Unbeugsamkeit der Autoren ist die Kehrseite der Angst vor ihrer tendenziellen Abschaffung, welche sie mit den Schauspielern teilen, die längst mit digital erzeugten Ebenbildern und Avataren konfrontiert sind. Und so ist der Streik wenn auch nicht das letzte, dann doch ein ziemlich entscheidendes Gefecht.
Ganz Hollywood befinde sich auf der Road to Perdition, auf dem Weg ins Verderben, schrieb ein Kommentator in der Los Angeles Times. Manche, wie Kenneth Turan, würden zwar noch auf eine Ausnahmegenehmigung der Gilde für die Oscars wetten, weil sie nun mal ein ikonischer Moment sind, und einer wie Dennis Rice glaubt an die Macht der Einsicht. Doch auch sie wissen, dass die Sache nicht damit erledigt wäre, wenn keine Streikposten im Smoking am Hollywood Boulevard aufmarschieren. Es geht, wie gesagt, um die Zukunft der audiovisuellen Medien: Ob man Hollywood, wie wir es kennen, nach diesem Streik noch wiedererkennen wird.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: AP, REUTERS
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