22. Mai 2007 Angelina Jolie und Brad Pitt bei ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt waren für alle, die solcherlei interessiert, die Hauptattraktion des Festival-Montags. Sie traten mit Michael Winterbottom, dem Regisseur von A Mighty Heart, den Pitt produziert hat und in dem Angelina Jolie die Hauptrolle spielt, und einigen anderen Darstellern dieses Films vor die Presse, die sich um die Plätze fast physisch schlug, wirkten bescheiden und waren an persönlichen Fragen erwartungsgemäß gänzlich uninteressiert. Denn die Attraktion der Pressekonferenz saß zwischen ihnen, Mariane Pearl nämlich, die französische Journalistin und Ehefrau des vor drei Jahren in der Nähe von Karachi ermordeten Wall Street Journal-Korrespondenten David Pearl. Ihr Buch über sein Verschwinden, das sich schnell als Kidnapping erwies, die Suche nach ihm und die Enthüllung seines schrecklichen Schicksals ist die Grundlage des Films.
Sie präsentierte sich klug, gewitzt und unabhängig von jedwedem Rummel als Frau, die sich selbst Angelina Jolie für diese Verfilmung ausgesucht hat und die mit ihr und Pitt ein Anliegen teilt: keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen oder Vorverurteilungen bestimmter Gruppen zu akzeptieren, sondern trotz allem weiterhin zu unterscheiden, wer auf der Seite des Terrors steht und wer nicht. Tolerant zu bleiben. Das zeigte sie selbst im erstaunlichsten Augenblick dieser Pressekonferenz. Ein älterer Herr stand auf und erklärte, er sei der Fernsehjournalist, der auch im Film vorkommt, der sie nach Bekanntwerden des Videos mit der Enthauptung Pearls gefragt habe, ob sie sich das Band angeschaut habe. Er wolle diese Gelegenheit benutzen, um sich zu entschuldigen. Mariane Pearl akzeptierte. Die beiden Stars aus Hollywood, deren Ankunft Teile des Festivalpalasts zur unbegehbaren Zone gemacht hatten, schauten verdutzt und bemühten sich weiterhin, so wenig Stars wie möglich zu sein.
Wenn der Film dem Leben folgt
A Mighty Heart, als Sonderveranstaltung außerhalb des Wettbewerbs gezeigt, erzählt die Geschichte jener zehn Tage in Karachi so unmittelbar, wie es irgend geht und wie es wahrscheinlich nur der Brite Michael Winterbottom zustande bringt, der durch seine früheren Filme, In this World oder Road to Guantánamo etwa, Dreherfahrung in dieser Weltgegend hat und der auch hier große Teile an den Originalschauplätzen gefilmt hat. Wir sind vom ersten Moment an mittendrin in einer Welt und einer Stadt, von der es keine Pläne gibt, und in der Orientierung oder selbst die Aufgabe, ein Taxi zu finden, ohne einheimische Hilfe völlig unmöglich zu bewerkstelligen ist. Und in der in einer Enklave westlicher Effizienz, dem Haus der Pearls nämlich, eine Gruppe aus verschiedenen Geheimdienst- und Zeitungsleuten, örtlicher Polizei und Informanten versucht, einen der Ihren zu finden und sein Leben zu retten.
Das Ganze sieht aus wie ein Thriller, was Mariane Pearl nicht stört, weil es so gewesen sei, und dennoch bekommt man nicht den Eindruck, hier werde mit einem wahren Fall und wirklichen Opfern ein Spektakel veranstaltet. Aber die Frage stellt sich doch, was es bedeutet, wenn zunehmend Spielfilme, gedreht mit dem Anspruch höchstmöglicher Authentizität, ein paar Jahre nach den Ereignissen die Rolle des historischen Zeugnisses übernehmen; wenn wir Angelina Jolie sehen und denken, dies sei ein Dokumentarfilm, und nicht mehr erkennen können, wo die Fiktion beginnt. Wird Adam Pearl, der Sohn von David und Mariane, der drei Monate nach diesen Ereignissen geboren und für den dieser Film gedreht wurde, wie es am Ende heißt, vielleicht immer denken, sein Vater habe ausgesehen wie Dan Futterman? Michael Winterbottom inszeniere das Leben nicht, sagte Brad Pitt, er folge ihm einfach. Vielleicht ist das das Problem.
Casting via Internet
Authentizität, allerdings in ganz anderer und deutlich inszenierter Weise, ist auch das Anliegen von Gus van Sant. Er ist einer der zahlreichen Gewinner der Goldenen Palme (2003 für Elephant), die zum Jubiläumswettbewerb eingeladen wurden, und zwar mit seinem Film Paranoid Park. Der Regisseur steht seit einigen Jahren wie zu seinen Anfängen mit Mala Noche und A Own Private Idaho zum Beispiel wieder fest im Lager der unabhängigen Filmemacher außerhalb der großen Studios, was kleinere Budgets, vor allem aber ästhetisch riskantere Strategien bedeutet. Paranoid Park geht zurück auf einen Roman von Blake Nelson, spielt in Portland, im Mittelpunkt steht ein jugendlicher Skateboarder, und die Kamera bediente Christopher Doyle, der in Super 8, dem Medium der meisten Skate-Filme, und 35 Millimeter gedreht hat. Die Darsteller sind Amateure (vor der Kamera, nicht auf den Boards), die van Sant über Aspace im Internet rekrutiert hat. Das alles ist ungewöhnlich genug für einen Wettbewerbsfilm in Cannes, und was dabei herauskam, ebenfalls.
Paranoid Park ist ein von Skateboardern illegal gebautes Skategelände, das einigermaßen gefährlich ist, nicht nur, weil die Tubes steiler sind als irgendwo sonst. Alex, die Hauptfigur (Gabe Nevins), geht mit einem Freund dorthin, und eines Nachts geschieht etwas Schreckliches, was genau, erfahren wir erst nach etwa der Hälfte des Films. Wofür van Sant sich interessiert, ist nicht so sehr, wie es dazu kam, der Hergang ist einfach und zweifelsfrei, sondern wie eine Welt aussieht, in der Erwachsene eigentlich nicht vorkommen außer als Garanten für Kost und Logis (und auch das nicht immer), und welche Konsequenzen das hat. Das war schon Thema in Elephant; hier nun erkundet er einen weiteren Winkel, den sich eine verlassene Generation geschaffen hat, und er tut dies mit großer Ernsthaftigkeit und unter Einsatz vielfältiger Mittel.
Zeitlose Bewegung
Allein im Soundtrack überlagern sich mehr Schichten, als am Ende zu zählen sind, und die Bilder tauchen vor uns in allen möglichen Variationen auf, unscharf im Vorder- oder Hintergrund, mit starrer oder entfesselter Kamera gedreht, in den verschiedenen Formaten, dunkel und überbelichtet, ineinanderfließend oder abrupt montiert, und die Erzählung selbst entfaltet sich zirkulär. Immer wieder kehren wir an dieselben Punkte zurück, so dass wir nicht sagen können, welche Zeitspanne dieser Film umfasst. Es spielt auch keine Rolle. Alex kann sich nirgendwohin wenden, also schreibt er eine Weile, bis er das Geschriebene verbrennt.
Gus van Sant begleitet ihn mit aller Sympathie, die Erwachsenen interessieren ihn nicht, auch nicht ihre Verurteilung, und das so wenig, dass er Alex' Vater in der einzigen Szene, in der dieser auftaucht, um sein Weggehen anzukündigen, völlig in Unschärfe verschwimmen lässt. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit gilt Alex und dann den anderen Skatern, die Tag und Nacht in Bewegung sind, ohne dass es irgendwen kümmert, von wo aus sie aufbrechen und wo sie ankommen, und für deren Virtuosität wie für ihre Verlorenheit Gus van Sant in diesem erstaunlichen Film eine Form gefunden hat.
Text: F.A.Z., 22.05.2007, Nr. 117 / Seite 39
Bildmaterial: AFP, AP, Cinetext/Allstar, Cinetext/Mona Filz, dpa, image.net, REUTERS