Fernsehen

Ein Kracher wird schon dabeisein

“Noch längst nicht am Ende“: Roger Schawinski

"Noch längst nicht am Ende": Roger Schawinski

22. Februar 2006 Die Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 meldet ein Rekordergebnis: Mit 1,99 Milliarden Euro hat man 155 Millionen Euro mehr Umsatz gemacht als im Jahr zuvor. Das Ergebnis vor Steuern liegt bei 350,7 Millionen Euro. Dabei fällt besonders ins Gewicht, daß das einstige Sorgenkind Sat.1 fast genausoviel verdient hat wie Pro Sieben. 161 zu 167 Millionen Euro lautet das Ergebnis des internen Wettbewerbs.

Den Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski haben wir gefragt, wie er das gemacht habe. Er ist seit etwas mehr als zwei Jahren Senderchef und hat bereits etliche Höhen und Tiefen erlebt, vor allem aber unablässig neues Programm gemacht. In seinem Büro steht ein Jux-Bild, das ihn als Gladiator zeigt wie in dem Kinofilm mit Russell Crowe. Daneben findet sich sein Konterfei als Mitspieler der Telenovela „Verliebt in Berlin“. Wie es scheint, ist der Mann, der in der Schweiz mit einem Piratenradiosender anfing, in Berlin angekommen.

F.A.Z.: Was bedeutet Geld für Sie?

Für mich persönlich?

Persönlich und als Sat.1-Geschäftsführer.

Persönlich: Unabhängigkeit. Als Sat.1-Geschäftsführer ist die Zahl, die am Ende des Jahres unter dem Strich steht, für mich schon ein wichtiger Leistungsausweis.

Wie haben Sie das gemacht? Sat.1 galt immer als der Problemfall des Konzerns.

Das ist das Ergebnis vieler Maßnahmen. Das wichtigste war, daß wir unsere Akzeptanz im Vorabendprogramm massiv verbessert, unsere Kosten unter Kontrolle gebracht und als Sender bei den Zuschauern und den Werbekunden eine ganz neue Glaubwürdigkeit errungen haben. Unser Image hat sich innerhalb von zwei Jahren völlig verändert. Früher galten wir als Me-too-Sender, heute als Innovationsschmiede. All das trägt zu unserem wirtschaftlichen Erfolg bei.

Wie haben Sie ihre Flops verkraftet? Die ambitionierte Serie „Bis in die Spitzen“ kam nicht an, der „Talk der Woche“ mit Bettina Rust auch nicht.

Das ist der Preis, den man bezahlt, wenn man bis an die Grenze geht. Man muß nur schauen, daß die Anzahl der Erfolge größer ist als die der Niederlagen, und man muß die Big Points machen - zum Beispiel unsere Telenovela „Verliebt in Berlin“, „Die Schillerstraße“ oder auch der Eventzweiteiler „Die Luftbrücke“. „Bis in die Spitzen“ hatte eine phantastische Qualität, kam aber etwas zu kühl daher. Daraus haben wir Lehren gezogen: Wir werden weiter qualitativ hochstehende Serien produzieren, aber vielleicht etwas wärmer, wärmer in den Farben, den Charakteren und den Geschichten.

Der „Talk der Woche“ war aber vielleicht auch einfach nicht gut.

Das finde ich nicht. Wenn ich die Information im Programm stärken will, muß ich auch so etwas wagen. Doch es hat sich - zu unserem Erschrecken - gezeigt, daß die Zuschauer von Beginn an nicht mitgingen. Während des Abspanns des vor dem „Talk der Woche“ laufenden Films hat beim ersten Mal schon mehr als die Hälfte der Zuschauer umgeschaltet. Als das Signet lief, war noch einmal ein Viertel weg. Offenbar wollen die jüngeren Zuschauer keine Talkshows sehen.

Also ist das Publikum zu blöd.

Nein. Aber politische Talkshows sind für einen großen Teil des jüngeren Publikums nichts als ein Ausschaltimpuls. Die Abwehrhaltung ist geradezu reflexartig. Das Genre interessiert nicht. Das sollte uns als Staatsbürger bekümmern, vor allem aber die Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender.

Für ARD und ZDF scheint das nicht so wichtig zu sein. Alle Hauptprogramme setzen auf die Quote vor allem durch Unterhaltung.

Ich finde, es geht noch weiter: Die Öffentlich-Rechtlichen setzen auf Eskapismus, bei den Telenovelas wie bei den Filmen. Und schauen sie sich doch nur das absurde Rennen zwischen ARD und ZDF Ende des letzten Jahres an. Da hat das ZDF in fünf Tagen sechs Blockbuster hintereinander versendet, nur um die ARD im Marktanteil zu schlagen, was dann nicht einmal geklappt hat. Und das alles mit Gebührengeldern. Oder nehmen wir nur das Programm zwischen achtzehn und zwanzig Uhr, wo ARD und ZDF werben können. Was läuft im Ersten? Eine Soap, noch eine Soap, dann eine Telenovela und schließlich eine Quizshow. Die sind inzwischen kommerzieller als wir, glücklicherweise nur eben nicht so erfolgreich.

Beim Sport sieht es für Sie nicht gut aus. Man hat Sat.1 totgesagt, als die Bundesliga an die ARD ging, jetzt verlieren Sie die Champions League. Geht es auch ohne?

Ja, aber es ist trotzdem bedenklich: Wir müssen - mit eigener Kreativität und ohne diese Senderechte - unsere Quote selbst machen. Die Öffentlich-Rechtlichen kaufen sich die Quoten vor allem durch teure Sportrechte.

Dann wird 2006 wohl härter als 2005 - die anderen haben die Olympischen Spiele und die Fußball-WM.

Bislang stehen wir im Februar trotz Olympia so gut da wie vor einem Jahr. Aber die Schere zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten öffnet sich weiter. Wenn der ZDF-Intendant Markus Schächter sagt: „Wir sind der Sender mit dem höchsten Informationsanteil in Europa“, kann das nur stimmen, wenn er den Sport komplett mitzählt.

Man könnte nun sagen: Wir müssen Geld verdienen, ein paar Sachen haben nicht funktioniert, deshalb produzieren wir lieber weniger selbst und kaufen ein.

Wir produzieren weiter selbst, nur noch etwas zielgerichteter. Diese Unabhängigkeit von Lizenzware ist auch ein Teil unseres Erfolgs. Mein Ehrgeiz ist es, die nächste erfolgreiche, qualitativ hochwertige, wöchentlich laufende Serie im deutschen Fernsehen bei uns zu lancieren. In der Unterhaltung, bei Show und Comedy, haben wir eine große Akzeptanz und viele Preise gewonnen. „Clever“ läuft demnächst sogar in China.

Welche Serie wird das?

Die Bandbreite unserer Entwicklungen ist sehr groß. Wir haben mit „Freunde für immer“ die erste Serie von Sönke Wortmann. Wir starten die Dreharbeiten für „Allein unter Bauern“ mit Christoph M. Ohrt. Unsere neue Krimireihe „Stadt, Land, Mord“ spielt im beschaulichen Murnau, zeigt auch mal härtere Fälle und ein Ermittlerteam mit viel Humor. Auch bei einer Serie über eine Spezialeinheit der Bundespolizei stehen wir vor Drehbeginn. Abgedreht ist „8 Days“ mit Misel Maticevic, das ist eine ganz packende Krimiserie. „Mit Herz und Handschellen“ haben wir als Neunzig-Minüter getestet. Das war erfolgreich und geht nun weiter. Es wird nicht alles hundertprozentig funktionieren, aber ein Kracher wird darunter sein. Vielleicht haben wir am Ende des Jahres ein ganz neues Serienportfolio.

Was macht denn die neue Anke Engelke?

Eine Serie, keine klassische Comedy. Sie schlüpft in verschiedene Rollen und spielt in Kurzgeschichten, die zwölf bis achtzehn Minuten lang sind und von Dingen handeln, die einem passieren können, aber besser nicht passieren sollten.

Das klingt so, als könnten Sie richtig Geld ausgeben. Finanzinvestoren erwarten von Unternehmen zwanzig Prozent Umsatzrendite, Sie liegen jetzt bei 19,4 Prozent. Engt das Ihren Spielraum nicht ein?

Zwanzig Prozent hatten wir nie als Vorgabe. Tatsache ist aber, daß wir unsere Ziele übertroffen haben. Wir haben das Ergebnis vor allem durch zusätzliche Einnahmen erzielt und weniger durch Einsparungen. Im Boom-Jahr 2000 hatte Sat.1 einen Gewinn von 37,2 Millionen Euro, bei meinem Antritt lagen wir bei 4,7 Millionen Euro, im schwierigen Jahr 2005 sind es 161 Millionen Euro. Wir wirtschaften heute sinnvoller und effizienter.

Wie wichtig ist es, daß nicht mehr nur Pro Sieben die Cash-Cow des Konzerns ist?

Es ist schon wichtig, daß der Konzern jetzt zwei Cash-Cows hat. Es belegt unsere Leistung und stärkt das Selbstbewußtsein der Mitarbeiter im Sender.

Wie haben Sie die Debatte über die Fusion mit Springer erlebt?

Am Anfang waren wir sehr happy, weil wir dachten, daß das gut zusammenpaßt. Als die Irrungen und Wirrungen nicht mehr aufhörten und immer neue Modelle über Beiräte und Restriktionen aufkamen, hatte ich den Eindruck, das geht in keine gute Richtung. Wir waren erleichtert, als dann die Reißleine gezogen wurde. Bei einem Programmbeirat, wie ihn die Kommission zur Ermittlung des Konzentrationsbedarfs vorgeschlagen hat, mit Budgetrecht und Programmhoheit, hätte ich als Geschäftsführer von Sat.1 nur noch wenig Freude am Job gehabt.

Schmerzen Sie die hunderttausend Euro, die Sie gerade als Strafe für verbotene Schleichwerbung gezahlt haben?

Es schmerzt mich, daß es so etwas gab. Ich bin sehr froh, daß wir heute geregelte Verhältnisse haben.

Ist nach der gescheiterten Fusion mit Springer Ruhe eingekehrt? Oder rechnen sie schon mit dem nächsten Käufer?

Die Verkaufsabsicht von Haim Saban war klar. Nun heißt es: Wir verkaufen nicht. Alles Weitere wird die Zukunft zeigen.

Wie wird Sat.1 im digitalen Fernsehen dastehen? Wie rüsten Sie sich gegen die Kabelanbieter und die Telekom?

Das ist eine echte Revolution, alle Geschäftsmodelle werden hinterfragt werden müssen. Die Kabelanbieter und die Telekom können auf einer ganz anderen finanziellen Basis direkt für Senderechte bieten als die Sender. Bei der Bundesliga haben wir es gesehen. Wer hätte denn vor sechs Monaten gedacht, daß die Bundesliga aufgeteilt wird - die ARD-„Sportschau“ verdeckt das nur als Kosmetik - zwischen der Telekom und dem Kabelanbieter Arena? Vielleicht geht es beim nächsten Mal um die großen Filmpakete. Jetzt kommt der Gigantenkampf zwischen dem Kabel und dem Internetfernsehen via DSL.

Sie sind eigentlich ein autoritärer Chef?

Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen, Aber wir hatten im Konzern eine Mitarbeiterbefragung, bei der herauskam, daß Teamarbeit bei Sat.1 hoch im Kurs steht, nicht die Machtstruktur. Und ein Patriarch bin ich sowieso nicht.

Sie waren in der Schweiz stets selbständig, bei Sat.1 haben Sie nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Vorstände und den Inhaber.

Das war für mich etwas Neues, eine echte Herausforderung. Aber ich bin jetzt über zwei Jahre hier, und mit dem Erfolg kommt eine gewisse Anerkennung.

Wie kurz ist Ihr Draht zu Haim Saban?

Es ist ein eher lockeres Verhältnis. Ich schätze ihn als Person sehr. Wir diskutieren über viele Sachthemen, das ist immer ziemlich lebendig und häufig kontrovers.

Stimmt es, daß Haim Saban die Idee für die Telenovela hatte?

Die südamerikanische Telenovela „Yo soy Betty, la fea“ wurde in mehrere Länder verkauft, auch nach Israel. Auf den Erfolg dort machte er mich aufmerksam. Noch bevor ich meinen Job bei Sat.1 antrat, sagte ich: Wir brauchen eine tägliche Serie. Daraus wurde „Verliebt in Berlin“. Was inzwischen auch ein internationaler Verkaufserfolg ist.

Noch mal zum Geldverdienen: Ist das für Sie persönlich ein Antrieb im Job?

Auf jeden Fall. Das hatte ich mir vor zwei Jahren nicht träumen lassen und viele andere vielleicht auch nicht.

Und wie lange bleibt das so?

Ich habe nicht wie der ZDF-Intendant einen Vertrag bis 2012. Die Dellen habe ich ganz gut weggesteckt. Als vor anderthalb Jahren Artikel erschienen, die meinen baldigen Rauswurf ankündigten, sagte Haim Saban: Ich stehe hinter dir. Es braucht ein gewisse Zeit und auch Stehvermögen, wenn man etwas verändern will. Heute kann ich sagen: Wir sind noch längst nicht am Ende angekommen.

Das Gespräch führte Michael Hanfeld.



Text: F.A.Z., 22.02.2006, Nr. 45 / Seite 44
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche