15. Februar 2005 Auch dieser Film ist eine Art Untergang: die letzten Monate eines Mannes, der sich nur noch der Geschichte verantwortlich fühlte und davon überzeugt war, daß mit ihm etwas Großes untergehe.
Scharfer Schnitt, denn natürlich wären alle weitergehenden Vergleiche unzulässig. Der späte Mitterrand, im Original Le promeneur du Champ de Mars, schildert den Abschied eines einsamen Mannes von der Macht und vom Leben, interessanterweise ausgerechnet unter der Regie von Robert Guediguian, dessen bisheriges Werk ausschließlich am anderen Ende der sozialen Leiter angesiedelt war.
Seine Filme wie Marius und Jeannette spielten unter den kleinen Leuten von Marseille, die nicht viel mehr haben als einander, und handelten also von Wärme, Farbe und Freundschaft. Der späte Mitterrand ist in allem das Gegenteil: Er ist von einer Sterbenskälte umgeben, schwärmt von den tausend Schattierungen von Grau und was ihm an Freunden übriggeblieben ist, wartet, bis das Wort an ihn gerichtet wird.
Zurückhaltend, doch unmißverständlich
Guediguian inszeniert das vergleichsweise zurückhaltend, aber doch unmißverständlich, und kontert diese Welt mit der fiktiven Figur eines jungen Journalisten (Jalil Lespert), der Mitterrands Memoiren schreibt und noch mitten im Leben steht. Während er immer wieder zum Präsidenten gerufen wird, trennt sich seine schwangere Frau von ihm, er muß die gemeinsame Wohnung verkaufen, er lernt eine Bibliothekarin kennen, die ihn aber nicht mehr zurückruft, und was das Leben für die Sterblichen sonst noch so bereithält.
Der junge, fast schüchterne Mann ist nicht wirklich ein Widerpart für die Monologe des alten Egozentrikers, aber als Figur sorgt er für eine Art Sauerstoffzufuhr in dessen Welt. Das ist ein simpler Trick, aber dadurch wird spürbar, wie dünn die Luft an der Spitze der Macht ist, wo nur einer atmen kann und alle anderen die Luft anhalten müssen.
Die Rolle seines Lebens
Michel Bouquet, einst die verkörperte Tragödie des lächerlichen Mannes bei Chabrol, der Bourgeois, wie er im Buche steht, hat in Mitterrand womöglich die Rolle seines Lebens gefunden. Ohne daß die Ähnlichkeit allzugroß wäre, muß man sich immer wieder ermahnen, den Schauspieler nicht mit seiner Rolle zu verwechseln. Andererseits unterstützt gerade diese Verkörperung den Gedanken von den zwei Körpern des Präsidenten, von denen nur einer ihm selbst gehört, von Krebs gezeichnet, schmerzgeplagt.
Aber Mitterrand war sich nur zu bewußt, daß er noch etwas anderes verkörperte, das größer ist als er selbst, die Grande Nation, in einer Linie mit den Kaisern und Präsidenten seines Landes. Nach ihm kommt die Globalisierung und deren Geld, das die Welt regieren wird. In der eindrücklichsten Szene ruft Mitterrand den jungen Mann ins Badezimmer, damit er ihm aus der Wanne helfe, und der Helfer wagt es kaum, den nackten Mann anzufassen, weil der alte Körper jenem anderen Körper so wenig zu entsprechen scheint.
Und einmal sagt der Alte, er träume davon, Julia Roberts zu treffen, um sie zu fragen, ob es stimmt, daß die Beine, die man in Pretty Woman sieht, nicht ihre seien. Aber dann meint er, das gehöre sich wohl nicht. Dabei ist die wahre Frage, inwieweit sein eigener Körper überhaupt noch der seine ist.
Text: F.A.Z., 15.02.2005, Nr. 38 / Seite 37
Bildmaterial: AP
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