30. November 2006 Daß eine Viva-Moderatorin als Schauspielerin Erfolg hat, ist nichts Ungewöhnliches. Schon Heike Makatsch und Jessica Schwarz haben den Musiksender als Startrampe für eine Filmkarriere benutzt, und daß das Spiel mit den Bildern auch bei der Konkurrenz funktioniert, hat der Aufstieg des ehemaligen MTV-Ansagers Christian Ulmen und seiner Komoderatorin Nora Tschirner gezeigt. Vom Jugendfernsehen ins deutsche Kino und von dort zurück ins Erwachsenenfernsehen, dieser Kreislauf ist so alt wie die Mattscheibe.
Ungewöhnlich am Aufstieg von Charlotte Roche, die als Moderatorin bei Viva, Pro Sieben und Arte gearbeitet hat und nun als verhuschte, liebesbedürftige Kellnerin in Michael Hofmanns Film Eden glänzt (siehe: Doppel-Kinokritik: Eden und Winterreise), ist die Aufsteigerin selbst. Denn Roche hat nicht einfach moderiert, sie hat das Moderieren zur Kunstform gemacht. Nur wer immer noch glaubt, daß das, was er auf dem Bildschirm sieht, die Wirklichkeit ist, kann ihre Auftritte mit Fangopackung oder auf einem Hotelbett für spontan und intuitiv halten. In Wahrheit wußte Charlotte Roche immer genau, was sie tat, ganz gleich, ob sie mit Robbie Williams über ihre Frisur parlierte oder Quentin Tarantino die Melodien seiner eigenen Filme vorsummte.
Sie beherrscht den Raum
Auch in Eden wirkt sie keinen Augenblick lang überfordert oder überdreht. Während Fernsehgrößen im Kino sonst oft Mühe haben, ihre Mimik und Gestik der direkteren Körperlichkeit der Leinwand anzupassen, geht Roche von Anfang an in ihrer Rolle auf. Die eckige Art, mit der sie Espresso und Cappuccino serviert und den dicken Mann an einem der vorderen Tische fragt, warum er fremden Frauen nachstarre, gehört zu ihrer Figur, in der sich piepsige Verträumtheit mit rasendem Lebenshunger mischt.
Man könnte den Film als Duett zwischen Elefant und Nachtigall beschreiben, wobei der Elefant, der großartige Josef Ostendorf, seltener den Ton angibt, als es die Geschichte eigentlich verlangt. Wirklich aufregend ist Eden nur, wenn Charlotte Roche ins Bild kommt, weil sie den Raum um sich herum auf eine Weise beherrscht, wie es nur die besseren Schauspielerinnen vermögen.
Vor achtundzwanzig Jahren in Wimbledon bei London geboren und in Mönchengladbach aufgewachsen, hat Charlotte Roche nach eigener Aussage die längste und schlimmste Pubertät der Welt erlebt. Nachdem sie zweimal in der zwölften Klasse sitzengeblieben war, verließ sie das Gymnasium und ging zum Viva-Casting. Ihre Mutter, die für sie die Bewerbung schrieb, hatte vor fünf Jahren einen Autounfall, bei dem drei jüngere Brüder Charlottes ums Leben kamen. Die Nachstellungen durch angebliche Bild-Reporter, denen Charlotte Roche damals ausgesetzt war, haben ein bis heute andauerndes juristisches Nachspiel, bei dem das Magazin Stern und die Bild-Zeitung gegeneinander prozessieren. Charlotte Roche hat erlebt, was es bedeutet, eine öffentliche Figur zu sein. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um im Showbusiness Erfolg zu haben.
Text: F.A.Z., 30.11.2006, Nr. 279 / Seite 40
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