15. September 2004 Am Nachthimmel von Toronto kreisen Suchlichter. Immer noch signalisieren sie im vergleichsweise glücklichen Nordamerika nicht Krieg, sondern Glamour. Wie das Schicksal und eine gewitzte Festivalleitung es wollen, sind sie heute abend für beides zuständig. In der Roy Thomson Hall, der fliegenden Untertasse, die der Stadt als Konzerthaus und dem Toronto International Film Festival als Präsentationsort seiner Großereignisse dient, soll ein "intensiver, unglaublich aufregender Thriller" mit einer "Kavalkade von Helden und Bösewichtern" auf dem Programm stehen.
Nicht auszuschließen, daß sich da doch jemand im Ton vergriffen hat. "Downfall", wie Bernd Eichingers "Der Untergang" hier heißt, mag bei der ersten Vorstellung des Films außerhalb Deutschlands Krieg und Glamour ja durchaus irgendwie zusammenzwingen. Die restliche Wirklichkeit hat andere Pläne. Den roten Teppich betreten noch ziemlich exklusiv der Produzent, der Regisseur und die beiden Hauptdarsteller, die alle aus Deutschland angereist sind. Unters Publikum hat sich aber auch ein älterer Herr gemischt, der noch aus eigener Erfahrung das Deutschland kennt, in dem der Film spielt.
Er lebte in dieser Welt
Adam Fuerstenberg, Überlebender des Holocaust und nach einer Universitätskarriere nun Direktor des Holocaust Center von Toronto, hegt nicht die leisesten Bedenken, sich den Film anzusehen. Auch das Monster, das sich vermenschlichen könnte, wird keine Furcht in ihm erregen. "Hitler", sagt er auf dem Empfang, zu dem das Goethe-Institut vor der Filmgala eingeladen hat, "lebte nun einmal in dieser Welt."
So gelassen vermochten Deutsche bisher nicht zu reagieren. Aber die Debatte über den Film, wenn nicht alle Anzeichen täuschen, wird auf dem amerikanischen Kontinent ohnehin in wohl anderen Bahnen verlaufen als in Deutschland. Der deutsche Film, schrieb der "Hollywood Reporter", scheine nun soweit zu sein, seine eigenen Tabus zu brechen und Licht in die dunkelste Periode der Nationalgeschichte zu werfen.
Entspannter, nicht so verbohrt
Oliver Hirschbiegel, der Regisseur des Films, hat den ganzen Tag Interviews gegeben und dabei durchaus einen Unterschied im Fragenkatalog hüben und drüben des Atlantiks feststellen können. Der Monstertest stand nicht im Vordergrund, und nicht nur deshalb kamen ihm die amerikanischen und kanadischen Journalisten "entspannter, interessierter, nicht so verbohrt" vor. Kunststück, ihnen sitzt auch nicht dieselbe Geschichte im Nacken.
Einer der Leiter des Filmfestivals, der energiesprühende Noah Cowen, will die deutsche Kontroverse erst gar nicht auf nordamerikanischem Boden aufkeimen lassen. Er sieht den Film in der "großen Tradition humanistischer Filmemacher", die er an Deutschland so schätzt. Einer von ihnen, Volker Schlöndorff, steht neben ihm und hält mit Vorauslob für den Film ebenfalls nicht zurück. Selten habe er sich innerlich so erregt gefühlt. "Der Untergang" werde die Filmgeschichte in davor und danach teilen: "Noch nie hat Hitler auf der Leinwand deutsch gesprochen!"
Ein Weltereignis
Ob die Bewußtseinswende allerdings von Toronto ausgeht, steht auf einem anderen Blatt. Nur wenige Leute begriffen hier, sagt Schlöndoff weiter, daß dies ein Weltereignis sei. In der Tat hat es der Film schon aufgrund der schieren Menge des Festivalangebots nicht leicht, sich gegen die Konkurrenz und lokale Vorlieben durchzusetzen.
In zehn Tagen werden in Toronto dreihundertachtundzwanzig Filme gezeigt, und wenn auch die meisten nicht mit der Roy Thomson Hall verwöhnt werden und dafür mit einem Hörsaal oder einem Multiplex in einer Shopping Mall vorlieb nehmen müssen, haben doch die amerikanische Medien von "Downfall" bis zur Premiere noch nicht über die Maßen Notiz genommen. Zumal an Biopics, die Che Guevara ebenso heraufbeschören wie Alfred Kinsey und Ray Charles, herrscht kein Mangel, und noch beschäftigt "Going Upriver", eine hagiographische Behandlung des Präsidentschaftskandidaten John Kerry, die journalistischen Gemüter Amerikas mehr als das Horrordrama im Führerbunker.
Der Freundschaftsdienst des Schweizers
Das könnte sich demnächst ändern. Bevor Eichinger vom Goethe-Institut hinüber in die Roy Thomson Hall spaziert und noch eine letzte Zigarette raucht, will er sich jedoch gar nicht erst ausmalen, auf welche Reaktionen der Film stoßen könnte. Lacher, meint er, werde es ja kaum geben. Und auch Bruno Ganz, der Eichinger zusammen mit Alexandra Maria Lara, der Darstellerin der Traudl Junge, begleitet, wartet lieber ab, gespannt, aber offensichtlich gutgelaunt. Der deutsche Konsul hat ihm immerhin gerade dafür gedankt, daß er, ein Schweizer, die knifflige Schauspielaufgabe übernommen und sie damit einem deutschen Kollegen erspart hat.
Endlose Schlangen winden sich um die Roy Thomson Hall. Sponsoren des Festivals haben für ihre Firmenangehörigen zwar ganze Blocks von Plätzen gesichert, aber den Rest des Saals füllt ein junges, hellwaches, zahlendes Publikum. Auch ihm gegenüber hält Cowen nicht mit Superlativen für den Film zurück. "Downfall", schwärmt er, setze neue Standards für die filmische Behandlung des Zweiten Weltkriegs. Hirschbiegel tritt ans Mikrofon und bedauert, daß er keinen angenehmen Abend wünschen kann. Und Ganz lächelt freundlich, hält zum Mikrofon konsequent Distanz und schweigt sich wieder aus.
Verzweifelte Lacher
Die nächsten zweieinhalb Stunden werden die deutschen Gäste ein Publikum erleben, wie es in diesem Teil der Welt an gespannter Stille nicht zu übertreffen ist. Doch, es gibt so etwas wie ein paar verzweifelte Lacher. Zum einen, als General Weidling von Hitler zum Verteidiger eines bereits eroberten Berlin ernannt wird, und zum anderen für Goebbels' irren Rechtfertigungsversuch: "Das deutsche Volk hat dieses Schicksal selbst gewollt!" Es ist schwer zu beurteilen, wie die Untertitel bei einem Film wirken, der bei uns schon Schaudern erregt mit seiner einfach unbegreiflichen Beschwörung der Originalstimmen.
Danach gibt es keine Juchzer, kein übliches Festivalgetobe. Der zögernd einsetzende Applaus schwillt dezent an, als die vier Gäste aus Deutschland sich noch einmal auf der Empore verbeugen, und er verebbt schnell. Daß er als Steigerung einer Ovation zu begreifen ist, wird spätestens beim Hinausgehen klar. So gespenstisch still hat sich die Roy Thomson Hall sicher noch nicht allzu oft geleert.
Was habt ihr erwartet?
Erst draußen setzen die Gespräche wieder ein. Es ist längst nach Mitternacht, als auch der nette Mann mit dem Strohhut wieder auftaucht. Adam Fuerstenberg ist nicht mehr ganz so heiter wie auf dem Empfang im Goethe-Institut, aber er hält nicht mit Lob zurück: "Ich war beeindruckt! So muß es gewesen sein." Henry Auster, ein alter Kollege von der Universität, stimmt ihm zu, und beide können sie sich nicht vorstellen, daß Mitglieder der großen jüdischen Gemeinde von Toronto in dem Film einen revisionistischen Ansatz erkennen könnten.
Eine Vermenschlichung des Monsters? "Sympathie für den Mann", wie es in der Broschüre des Festivals steht? Fuerstenberg fällt dazu kein Song, sondern ein Gedicht des jungen Leonard Cohen ein, eine Abrechung mit Adolf Eichmann, und wenn er sich auch nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnert, so ist ihm die Zielrichtung von Cohens Fragen doch unvergeßlich: Was habt ihr erwartet? Ein Monster mit grünen Augen?
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2004, Nr. 216 / Seite 34
Bildmaterial: dpa/dpaweb