Kinovorschau

Ebenholz und Elfenbein

13. September 2005 Stevie Wonder hat es noch bejubelt, das harmonische Miteinander von schwarz und weiß - auf der Tastatur seines Klaviers. Anderswo sieht anders aus, wie zwei neue Filme zeigen. Außerdem im Kino: Tarnkappenbomber und Totgeglaubte.

Stealth - Unter dem Radar

Science Fiction, Vereinigte Staaten 2005.

Das neuste Modell des Tarnkappenbombers ist natürlich mit allen technischen Finessen ausgestattet, zudem lernfähig, gefährlich und unbemannt. Leider ist der Prototyp auch extrem anfällig: Nach einem Blitzschlag läßt sich das Computerhirn des „Extrem Deep Invaders“ nicht mehr von den drei Elitepiloten die schönsten Flugstunts beibringen, sondern macht sich selbst auf die Jagd auf fusselbärtige, schlitzäugige und seltsam bemützte Terroristen, die den Amerikanern ihre Atomwaffen klauen wollen oder ähnlich Hinterhältiges im Schilde führen. Und läßt sich nicht mehr bändigen. Das Problem sind zum einen die bedauerlichen Kollateralschäden - leider geraten pakistanische Bauern ins Visier der Wunderwaffe - und zum anderen die Flugroute: Der eigenwillige Bomber nimmt Kurs auf Sibirien. Die amerikanische Marine hat diesen Film unterstützt. Mit Josh Lucas, Jessica Biel, Jamie Foxx u.a.

Die weiße Massai

Drama, Deutschland 2005.

Ein Bestseller der Schweizerin Corinne Hofmann liefert die Grundlage dieses Films: Blonde, weiße Touristin verfällt im Keniaurlaub stolzem, schwarzem Samburu-Krieger. Sie heiraten, sie leben im Busch, und es geht nicht gut.

Es geht nicht gut: Carola (Nina Hoss) zieht in den Busch Frisch verliebt: Zoë Saldaña als Theresa Einander zugetan: Toni (Sabine Timoteo) und Nina (Julia Hummer) Schönes Fleckchen Erde: Vergi in Estland Schön geschwenkt: Brauchtum im Vorgebirge

Eine Geschichte, wie sie „Die weiße Massai“ erzählt, bekommt man in jeder sogenannten Frauenzeitschrift besser aufbereitet. Nur mit weniger Farbe und ohne Nina Hoss, die leider bestätigt, daß auch eine wunderbare Schauspielerin allein einen Film nicht retten kann. Und ohne Katja Flint, die in einer Nebenrolle schicksalsergeben sagen darf, daß für „den Afrikaner“ die Frau gleich nach den Ziegen komme. Überraschend nur, daß eine Regisseurin wie Hermine Huntgeburth diesen sauren Kitsch mitverantwortet hat, die früher mal ein Gespür für gute Frauenrollen und schwarzen Humor hatte.

Guess Who - Meine Tochter kriegst du nicht

Komödie, Vereinigte Staaten 2005.

Als dieser Film im Frühjahr in die amerikanischen Kinos kam, vor der Katastrophe von New Orleans also, konnte man „Guess Who“ als entspannte Auseinandersetzung mit Rassen-Vorurteilen im heutigen Amerika sehen. Jetzt wirkt er wie ein Überbleibsel aus einer verlorenen heilen Welt, als die Rassismusdebatte noch nicht neu entflammt war: Schwarze Tochter bringt weißen Freund nach Hause - auch noch in Gestalt von Ashton Kutcher -, ihr Vater flippt aus, und am Ende liegt es an der Kraft der Liebe, alles in Ordnung zu bringen.

Zuerst versucht der Junge noch mit einem Scherz, das drohende Unheil abzuwenden: „Du hast nie gesagt, daß deine Eltern schwarz sind“, hält er seiner geliebten Theresa (Zoë Saldana) vor. Das verhindert allerdings nicht, daß deren Vater Percy (der Komiker Bernie Mac) ihm das Leben nach besten Kräften zur Hölle macht.

Gespenster

Drama, Deutschland / Frankreich 2005.

Wovon „Gespenster“ erzählt, das ist immer nur eine Möglichkeit, die gerade durch ihre Einfachheit all die anderen Möglichkeiten gegenwärtig und in der Schwebe hält. Da kreuzen sich die Wege zweier Mädchen im Tiergarten, ihre Geschichte kreuzt den Weg eines Paares, bis das eine Mädchen einfach wieder verschwindet und die beiden Geschichten wieder auseinanderlaufen. Als wären da überall nur Phantome gewesen.

Ein französisches Paar - er (Aurelien Recoing) schwer und bedächtig, sie (Marianne Basler) fragil und von dem Gedanken besessen, ihre Tochter, die vor fünfzehn Jahren in Berlin entführt wurde, sei noch am Leben - begegnet den beiden jungen Mädchen: Toni (Sabine Timoteo), eine Streunerin, gerissen und schwer zu fassen, und Nina (Julia Hummer), das Heimkind, mit ihrem schlurfenden Gang, die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kopf gesenkt. Am Ende weiß man nicht, ob die Französin vor Trauer ein Gespenst gesehen hat, ob Nina sich in der Vorstellung eingerichtet hat, die verlorene Tochter zu sein - oder ob sie es womöglich ist. Regisseur Christian Petzold tut nie so, als könne er ins Innere seiner Figuren schauen, er beobachtet sie und hält diese Perspektive konsequent durch.

Durchfahrtsland

Dokumentarfilm, Deutschland 2005.

Eingezwängt zwischen Köln und Bonn liegt das Vorgebirge, eine gesichtslose Gegend, nicht Stadt, nicht Land, zersiedelt, austauschbar. Schillernd wird die Gegend nur nachts, wenn die Ölraffinerien am Rhein gespenstisch leuchten. Für die Menschen allerdings, die dort wohnen, ist das Vorgebirge die Mitte der Welt. In dieser Mitte gilt es, sich einen Platz zu erobern. Was nicht immer ganz leicht ist, ganz besonders nicht für die vier Protagonisten, die Alexandra Sell für ihren Dokumentarfilm ein Jahr lang begleitet hat: Hans Wilhelm Dümmer, der Pfarrer zweier Nachbardörfer, die seit Jahrhunderten verfeindet sind, und dessen schwere Mission deren Versöhnung ist. Sophia Rey, die Vorgebirgskrimiautorin im Eigenverlag, deren neue Bücher ausgerechnet in ihrem eigenen Heimatdorf zunehmend unbeachtet bleiben. Mark Basinsky, das jüngste Mitglied eines Junggesellenvereins, träumt davon, eines Tages Modedesign in Mailand zu studieren. Und Giuseppe Scolaro, der leidenschaftliche Erste Vorsitzende eines Spielmannszuges, der zu seinem eigenen Bedauern Italiener ist.

„Durchfahrtsland“ ist das persönliche Porträt einer Gegend, die nur auf den ersten Blick unscheinbar wirkt. Ein typisches Stück deutscher Provinz, deren Bewohner sich mit trotzigem Stolz ihre Riten, Mythen und Geschichten bewahrt haben.

Estland - Mon Amour

Dokumentarfilm, Deutschland 2004.

Sibylle Tiedemanns Bruder hatte vor mehreren Jahren Deutschland verlassen, um die baltischen Wurzeln seiner Heimatvertriebenen-Familie zu suchen. Als die Regisseurin die Nachricht seines Todes erhielt, wollte sie die näheren Umstände herausfinden und reiste 2002 selbst ins Baltikum.

Sie kann das Rätsel um den Tod des Bruders zwar nicht lösen, schließt aber Freundschaften und entwickelt eine Beziehung zur Schönheit Estlands. Und kehrt ein Jahr später dorthin zurück, um gemeinsam mit ihren neuen Freunden ein verspätetes Abschiedsfest für ihren Bruder zu feiern. „Estland - Mon Amour“ ist eine berührende Mischung aus Familiengeschichte und Reisebericht.

Schräge Zeit

Dokumentarfilm, Deutschland 2004.

Es gab sie auch in der DDR: Punks, die im Ost-Berlin der Achtziger Jahre illegale Konzerte, Ausstellungen und Parties veranstalteten, ein wildes Leben mit dem Handel offiziell nicht erhältlicher Dinge finanzierten und immer wieder auf abenteuerliche Weise über die Dächer und durch die Keller der „Hauptstadt der DDR“ vor Volkspolizei und Staatssicherheit flüchtete.

Einige von ihnen sind noch vor der Wende in den Westen gewechselt, haben den Abschied verkraften und den Neuanfang bewältigen müssen. Andere sind noch im Osten von der politischen Entwicklung überrascht worden und mußten sich neu orientieren. Was ist aus ihnen geworden? Fragt Ólafur Sveinsson in seinem Dokumentarfilm „Schräge Zeit - Ostpunks vor und nach der Wende“.



Text: @kue
Bildmaterial: dpa, Kinowelt, Piffl, Real Fiction, Sony Pictures, Ventura

 
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