Filmfestspiele Venedig

Am Tisch und um den Tisch herum

Von Michael Althen

Isabella Rossellini in “Infamous“

Isabella Rossellini in "Infamous"

31. August 2006 Wer nach dem ersten Tag schon glaubt, alles doppelt zu sehen, ist noch kein Fall für den Augenarzt, sondern der wandelnde Beweis dafür, daß Festivalchef Marco Müller geschickt programmiert hat. Nachdem der Eröffnungsfilm „Black Dahlia“ von einer Toten und ihrer Doppelgängerin handelte, kam es auch in der Folge zu einer verdächtigen Häufung von Doppelungen. Die Nebenreihe Orizzonti wurde mit „Infamous“ eröffnet, in dem es nicht nur um denselben Schriftsteller geht wie in „Capote“, sondern auch um die gleiche Zeit in seinem Leben - das Jahr 1959, als er nach Kansas fuhr, um für seinen letzten Roman „Kaltblütig“ zu recherchieren.

Im selben Jahr brachte sich wiederum George Reeves um, der als Held der Fernsehserie „Adventures of Superman“ zu Ruhm gekommen war und von dessen Leben und Tod der Wettbewerbsfilm „Hollywoodland“ handelt, während in unseren Kinos gerade „Superman Returns“ läuft. Der Titel „Hollywoodland“ wiederum geht darauf zurück, daß die Buchstaben in den Hügeln einst gar nicht für den Ort geworben haben, sondern für ein Immobilienprojekt gleichen Namens, dessen vier letzte Buchstaben erst Jahre nach der Pleite entfernt wurden. Weder dieser Umstand noch das Projekt werden in „Hollywoodland“ erwähnt, dafür spielen sie in der Geschichte von der „Schwarzen Dahlie“ eine um so größere Rolle. So kann es passieren, daß man schon nach dem ersten Tag nicht mehr ganz genau weiß, was man wo gesehen oder nicht gesehen hat.

Nach der Hälfte geht's von vorne los

Verschärft wird das durch „Syndromes and a Century“, den thailändischen Wettbewerbsbeitrag von Apichatpong Weerasethakul, dessen Filme und Helden ohnehin immer gern zugleich ihr eigener Schatten sind. Diesmal besteht sein Coup darin, daß nach der Hälfte des Films seine Geschichte noch mal von vorne zu beginnen scheint. Exakt dieselben Situationen, fast identische Sätze, ähnliche Figuren, nur das Ambiente ist ein anderes, und wüßte man nicht, daß Weerasethakul solche Spielchen liebt, würde man womöglich an der Frage verzweifeln, woher diese Doppelgänger nun wieder kommen, die offenbar nicht nur Hollywood, sondern auch das Weltkino zumindest am Lido auf Schritt und Tritt verfolgen.

„Syndromes and a Century“ beginnt mit einer Ärztin, die mit einem Ambulanzsoldaten einen Aufnahmetest durchführt; dann kommt ein Mönch, der von einem Traum mit Hühnern erzählt, aus dem er schmerzhaft erwachte, weil er aus dem Bett gefallen ist. Wenn der Film erneut beginnt, ist die Ärztin ein Arzt, aber der Test ist derselbe, und der Mönch, den man immer nur von hinten gesehen hat, wird nun von vorne gezeigt, und sein Traum handelte zwar auch von Hühnern und endete unsanft neben dem Bett, aber erzählt doch nicht ganz dasselbe. Was vorher in einem Hospital auf dem Land stattfand, spielt nun in einem modernen Krankenhaus in der Stadt, und gerade wenn man denkt, jetzt werde dieselbe Geschichte in ihrer urbanen Version inszeniert, weicht sie ab und verliert sich in den Kellergängen des Krankenhauses, wo Kriegsversehrte behandelt werden und ganz andere Figuren auftauchen. Dem Presseheft kann man immerhin entnehmen, daß der Ärztesohn Weerasethakul mit diesem Film versucht hat, das Leben seiner Eltern zu imaginieren, bevor sie sich kennengelernt haben.

Genau darin liegt der Zauber

Das Faszinierende an dem Film ist aber ohnehin eher, welche Freiheit des Erzählens bei ihm wieder mal am Werk ist: wie sich die Kamera manchmal aus der Geschichte davonschleicht, um dem Rauschen des Windes in den Baumwipfeln zu lauschen oder den Flug eines Insekts über einem sonnigen See zu erhaschen. Einmal setzt sich die Ärztin mit ihrem Verehrer an einen steinernen Tisch und erzählt ihm, wie sie einen Orchideenzüchter kennengelernt habe, und dann setzt der Film ebendiese Geschichte in Szene, die an demselben steinernen Tisch vorbeiführt, an dem sie gerade erzählt wird. Da hat der Film quasi eine erzählerische Schleife gedreht, zeigt aber kein großes Interesse, aus dieser Rückblende wieder in die Gegenwart aufzutauchen - und während man sich noch darüber wundert, begreift man, daß genau darin der Zauber liegt.

Auch wenn das amerikanische Kino von solchem Zauber wenig weiß, gelingt Douglas McGrath mit „Infamous“ doch das Kunststück, eine charmantere und anrührendere Version von „Capote“ zu erzählen. Wer glaubt, es sei undankbar, eine Rolle zu spielen, für die Philip Seymour Hoffman gerade mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hat Toby Jones noch nicht gesehen, der dem exzentrischen Truman Capote noch ganz andere Noten abgewinnt. Seinem Regisseur McGrath gelingt der Trick, indem er den Schriftsteller als Mann zeigt, der sich der Realität verpflichtet glaubt und am Ende doch auf die eigene Erfindung hereinfällt.

Einmal sieht man, wie Capote einen Satz in leicht abgewandelten Versionen dreien seiner Freundinnen erzählt (Sigourney Weaver, Hope Davis und Isabella Rossellini) und sich am Ende für die entscheidet, die den größten Effekt erzielt hat. Er handelt eben mit Geschichten: Für jede, die er erzählt, bekommt er eine, die er hört. Am Ende weiß man noch nicht mal, ob er sich in den Mörder oder in seine Geschichte von ihm verliebt hat. Im Grunde ist es mit dem Kino genauso: Wer kann schon sagen, ob er sich in einen Film oder nur in die eigene Erinnerung daran verliebt?



Text: F.A.Z., 01.09.2006, Nr. 203 / Seite 39
Bildmaterial: DEANA NEWCOMB, Festival

 
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