Film

Frost auf deutschen Seelen

Von Kerstin Holm, St. Petersburg

21. September 2003 An der Petersburger Großen Meeresstraße, der Bolschaja morskaja, wo Vladimir Nabokov gewohnt hat und heute das ihm gewidmete Museum untergebracht ist, prangt in diesen Tagen gegenüber dem stalinistischen Kulturpalast ein Berliner U-Bahn-Ausgang mit zerschossenem Namensschild. Auf der abgesperrten Straße liegen verkohlte Autowracks und Schutt, die Aufschrift am Gebäude des Justizministeriums ist überklebt. Am Abend müssen sich die Anwohner mit ihren Einkaufstaschen durch Scharen herumstehender sowjetischer und deutscher Wehrmachtssoldaten hindurchdrängen. Hier drehen Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger für ihr Großprojekt "Der Untergang" über die letzten Tage des Dritten Reiches Szenen aus dem Berliner Endkampf am U-Bahnhof Friedrichstraße.

Als die Spree, über die SS-Gruppenführer Mohnke seine Mannen führt, figuriert das Flüßchen Moika, deren Potschtamtski-Fußgängerbrücke ("Postamtsbrücke") ein Kleid aus Stacheldraht trägt. Dank der Dialektik der Geschichte findet man nirgends so passende Kulissen für Filmszenen aus dem untergehenden Berlin wie in der Kulturhauptstadt der Siegernation, wie Hirschgiebel zugeben mußte. Die russischen Anwohner machen dafür vor allem ihre Obrigkeit verantwortlich. In der alten Petersburger Ischorski-Fabrik für Maschinenbau fand sich ein Luftschutzkeller, den man als Lazarett im Bunker der Reichskanzlei herrichten konnte, und die Schkapinstraße diente drei Wochen lang als veritabler Ruinenschauplatz für Straßenkämpfe. Die Dreharbeiten endeten dort just an jenem Spätsommertag, da man in Petersburg der Opfer der Leningrader Blockade gedenkt.

Grundlage: Buch von Fest und Aufzeichnungen der Sekretärin

Dem mit gewaltigem Aufwand produzierten Filmmonument liegt Joachim Fests gleichnamiges Buch zugrunde, ferner die Aufzeichnungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge "Bis zur letzten Stunde". Er umfaßt die Zeitspanne von Hitlers 56. Geburtstag am 20. April 1945 bis kurz vor der Kapitulation in den ersten Maitagen und verfolgt, wie sich im zerstörten Berlin die selbstmörderischen Abwehrkämpfe noch nach Hitlers Selbstmord fortsetzen, als es den Urheber dieses Krieges nicht mehr gibt. Bis in den November soll in Rußland und in den Münchner Constantin-Studios gedreht werden. Dem historischen Stoff fügte Drehbuchautor und Produzent Bernd Eichinger die fiktive Figur des zwölf Jahre alten Hitlerjungen Peter Kranz hinzu, der, zunächst vom Führer wegen heldenhafter Panzerabwehr dekoriert, sich später zu den Flüchtlingen schlägt und der gefallenen Feste entkommen kann. Mit Bruno Ganz als Hitler, Ulrich Matthes als Goebbels, Heinrich Ferch als Albert Speer und Thomas Kretschmann als SS-Gruppenführer Fegelein hat sich ein ehrfurchtgebietendes Schauspielerensemble zusammengefunden.

Hauptdarsteller Bruno Ganz bekennt, die Rolle Hitlers, auf die er sich durch ausgiebiges Literaturstudium vorbereitet hat, übe eine eigene Sogwirkung aus. Im Kern dieser Figur spüre man eine Leere und einen Haß, die durch Zerstörung kompensiert wird. Der Lernprozeß, welchen die Verkörperung mit sich bringe, stehe im übrigen noch ziemlich am Anfang. Die Interieurs der Reichskanzlei liefert die von Peter Behrens 1911 errichtete kaiserliche deutsche Botschaft, wo heute Büros des Justizministeriums und der Liegenschaftsverwaltung der Stadt untergebracht sind. Dieses neoklassizistische Meisterwerk des deutschen Avantgardisten, von dem Wilhelm II. begeistert war und über dessen finsteres Pathos sich stilbewußte Petersburger noch heute empören, ist im Inneren vorübergehend nationalsozialistisch dekoriert.

Pläne noch in den letzten Kriegstagen

Den Treppenaufgang schmückt ein hakenkreuzbewehrter Reichsadler, im großen Empfangssaal hängen Standarten und ein Führerporträt. Im abgedunkelten Saal nebenan läßt Hitler sich von Speer noch das Modell des als phantastische Reichshauptstadt Germania überbauten Berlin vorführen, welches rumänische Handwerker im Auftrag des Constantin-Studios originalgetreu reproduziert haben. Das Brandenburger Tor erscheint darin als winziger Unterbau eines kolossalen Triumphbogens, dessen klobige Gestalt an einen riesigen Sarg denken läßt. Sodann wird die Geburtstagsszene gefilmt, in der Ulrich Matthes alias Goebbels seinen gramgebeugten Führer durch ein günstiges Horoskop aufzumuntern sucht. Hitler, den Bruno Ganz verkörpert, kann sich mit schwach krächzender Stimme kaum bedanken, da empfiehlt sein Propagandaminister, wegen des fortdauernden Beschusses lieber den Aufenthaltsort zu wechseln.

Daß sich diese Hitler-Verkörperung auch beim flüchtigen Betrachter tief einprägen dürfte, liegt nicht bloß an der Präzision, mit welcher der zu groß gewordene Anzug, die ungesunde Physiognomie, Bart und Frisur die fotografisch überlieferte Erinnerung an den untergehenden Diktator zum szenischen Leben erweckt. Noch als Ganz während einer Sendepause sich im Sessel ausruht, glaubt man, ein Zittern der Hände, einen Wahnwitz im verzagten Blick und in der zusammengesunkenen Haltung etwas von der historischen Nemesis zu spüren, die sich frostig auf die Seele legen und die Erinnerung an frühere Rollen des Schauspielers wegwischen.

Beklemmungen, wenn Petersburger Deutsche in Nazi-Uniformen sehen

Sein Partner Matthes legt Wert darauf, daß er zur Vorbereitung auf seinen Goebbels nicht nur dessen Tagebücher, sondern auch jene von Nazi-Opfer Victor Klemperer gelesen habe. Ihm sei schon aus ethischen Beweggründen wichtig, sich neben der Henkerperspektive auch die der anderen Seite vor Augen zu führen. Matthes beeindruckt der Entwicklungsgang des Hitler-Vertrauten, der in den zwanziger Jahren noch einen jüdischen Professor verehren und nachdenklich anmerken konnte, Bekannte hätten ihm seinen übertriebenen Antisemitismus vorgehalten. Matthes gibt wie auch sein Kollege Kretschmann zu, daß es ihm Beklemmungen bereitet, wenn ihn Petersburger Passanten in seiner nationalsozialistischen Verkleidung auf der Straße sehen. Insbesondere eine ältere Frau, die sich möglicherweise noch an den Krieg erinnerte, habe ihn mit ihrem Blick förmlich durchbohrt.

Viel leichter haben es da die russischen Darsteller von Wehrmachts- und SS-Soldaten, die sich über das Film-Projekt und den Arbeitgeber fast nur lobend äußern. Der Münchener Produzent bezahle zwar kaum mehr als russische, dafür werde man gut verpflegt, und die Deutschen hielten ihre Zusagen immer ein, sagen die Statisten. Als Angehörige der unbelasteten Nachkriegsgeneration begeistern sich viele für die schönen deutschen Uniformen. Ein junger Petersburger namens Michail schwärmt außer für deutsche Techno-Gruppen auch für die deutsche Marschmusik. Als die deutschen Gäste der schlimmen Taten ihrer Vorväter gedenken, vertreibt der Russe die bösen Geister mit dem tröstenden Hinweis: "Die haben doch nur Befehle ausgeführt." Michails Kollege, ein Mann mittleren Alters, der einen sowjetischen Soldaten mimt, begrüßt auch die Botschaft des Films, in dem der kindliche Held Peter Kranz zunächst einen Russen tötet und durch seinen Lebenslauf die Leiden der Zivilbevölkerung veranschaulicht. Freilich könne sie nur in Deutschland verstanden werden, ist er überzeugt. Russische Zuschauer seien nicht bereit, sich das Verhältnis von Sowjetsoldaten und Berliner Kindern anders vorzustellen, als daß der Befreier mit dem Befreiten sein letztes Stück Brot teilt.

Nationalsozialismus als Religion

Ein in den Mantel eines sowjetischen Stabsoffiziers gehüllter junger Mann mit feinen Gesichtszügen versucht, die Deutschen über den verborgenen Sinn ihrer Geschichte aufzuklären. Für ihn ist der Nationalsozialismus eine neue Religion, der Statist erinnert an seine Wurzeln in den esoterischen Lehren von Haushofer und Blavatsky. Der Russe empfiehlt das Buch "Der Morgen der Magier" von Jacques Bergier und Louis Povelle, dessen russische Ausgabe er mit sich trägt. Faschismus werde darin als Magie plus Panzerdivisionen definiert.

Der Lebenslauf des studierten Kulturologen, der jetzt von Gelegenheitsarbeiten lebt, ist für seine Generation typisch. Anfang der neunziger Jahre sei er Antikommunist und Demokrat gewesen, berichtet der Filmoffizier, doch dann habe sich gezeigt, daß die Demokratie in Rußland nur eine Minderheit begünstigt. Die wirtschaftlichen Energieströme würden gelenkt von unguten genetisch-politischen Kräften, schärft der Russe den Deutschen ein. Nicht zufällig suchen heute viele Russen Antworten auf ihre Probleme im Deutschland der Jahre 1933 bis 1945, sagt der Petersburger zum Entsetzen eines nachdenklichen Mannes wie Matthes. Doch der russische Mystiker bleibt unbeirrt: Der Film über den "Untergang" enthalte für Rußland ein bedeutungsschweres Omen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2003, Nr. 220 / Seite 33

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