19. Februar 2007 Haben Sie mal Feuer? - das war der Satz, mit dem Lauren Bacall in die Kinogeschichte trat. Und Humphrey Bogart war entflammt, von ihrem Blick, von The Look, den sie ihm in Howard Hawks' Film Haben und Nichthaben (1944) zuwarf. Sie heirateten, sie drehten noch drei Filme zusammen, und als Bogart 1957 starb, kehrte sie Hollywood den Rücken. Heute ist Lauren Bacall 82 Jahre alt, ab und zu spielt sie noch, wie jetzt in The Walker. Eine alte Dame mit wachen Augen und dunkler Stimme, die sagt, was sie denkt:
Oh mein Gott, Sie sind ja erst zwölf!
Danke, ich nehme es als Kompliment, aber ein bisschen älter bin ich leider schon.
Wenn man so alt ist wie ich, kommen Männer in Ihrem Alter mir wie zwölf vor.
Sie sind ja auch schon seit sechzig Jahren im Geschäft - und Sie haben gerade für Paul Schraders The Walker vor der Kamera gestanden . . .
. . . haben Sie den Film gesehen? Ich noch nicht. Bin ich überhaupt noch drin?
Aber ja!
Ich hatte schon Angst, meine Rolle würde auf dem Fußboden des Schneideraums enden.
Schwer vorstellbar. Nicht nur, weil Sie auch eine sehr wichtige Szene haben, wenn Sie Woody Harrelson eine Telefonnummer geben, die für ihn überlebenswichtig ist. War Ihnen diese Rolle einer weisen, witzigen und gegenüber ihren Freunden loyalen Dame der Gesellschaft in Washington eigentlich sehr nah?
Teile davon waren mir nah, ja, vor allem ihr sarkastischer Humor, den habe ich von meiner Mutter geerbt. Diese Frau ist eine gute Beobachterin, und das muss man als Schauspieler auch sein. Ich beobachte Menschen, wenn ich auf einer Party bin. Wie Männer mit Männern reden und Männer mit Frauen, und ich frage mich. Kennen sie sich? Haben sie etwas miteinander? Haben sie sich gerade erst getroffen? Und solche Beobachtungen gehen natürlich in die Rollen ein.
Und worin lag der Reiz, wieder zu arbeiten?
Genau darin, in der Arbeit, ich muss arbeiten, immer, es ist wie eine Sucht, ich war von dem Film angetan, von der Besetzung, davon, dass wir in London drehten. Heute bekommt man ja selten so gute Rollen.
Bekommen Sie denn noch viele Angebote?
Nein, ziemlich wenige. Es ist nicht leicht. Für Frauen fast jeden Alters ist es schwer, außer für die ganz jungen.
Sie haben auch zwei Filme mit Lars von Trier gemacht, Dogville und Manderlay. Wollten Sie da auch einfach nur arbeiten?
Als Lars von Trier Kontakt mit mir aufnahm, kannte ich Breaking the Waves bereits und fand ihn großartig. Natürlich hatten die beiden Filme nichts damit zu tun, aber ich fand es reizvoll, in Dänemark zu arbeiten, weil ich eine dänische Schwiegertochter habe, aber dann wurde in Schweden gedreht. So etwas passiert halt. Ich arbeite gern mit Leuten, die ich nicht kenne, und an unabhängigen Filmen; man bekommt praktisch kein Geld, aber es ist interessant.
Und wie gehen die Regisseure mit Ihnen um, wenn sie eine lebende Legende vor sich haben?
Was, bitte, soll ich sein? Oh nein! Wissen Sie, was es mit Legenden auf sich hat? Eine Legende, ob sie lebt oder nicht, ist immer Vergangenheit, sie hat nichts mit der Gegenwart zu tun. Ich verstehe nicht, warum man mich so nennt. Ich bin lebendig, ich atme, ich sitze hier in Berlin.
Anders gesagt: Die jüngeren Regisseure kennen Sie von der Leinwand, vor allem aus den großen Howard-Hawks-Filmen, und auf einmal stehen Sie vor ihnen. Spüren Sie da eine gewisse Befangenheit?
Vergessen Sie nicht, Regisseure haben auch große Egos. Sie wollen etwas, wenn sie gut sind, sie wissen, was sie tun. Lars von Trier mag ein bisschen spleenig sein, aber er ist ein interessanter Mann. Meine Rolle war ja nicht gerade groß, aber es war gut. Paul Schrader hatte auch eine klare Vorstellung, er ist nicht gerade sehr redselig im Umgang mit Frauen, aber er weiß ganz genau, was er will. Es gibt natürlich auch Fälle, wo die Regisseure meinen, jemand wie ich wisse schon, was zu tun sei. Aber das ist ihr Job, Schauspielern zu sagen, was sie tun sollen, wir sind da, um zusammenzuarbeiten.
Worin liegt für Sie der größte Unterschied in den Arbeitsweisen zwischen dem heutigen Filmemachen und der Arbeit in Hollywoods goldener Zeit?
Ich sage nur ein Wort: Qualität. Es gab bessere Filme, talentiertere Regisseure und Autoren. Vergessen Sie auch nicht die wunderbaren Nebendarsteller, die das Studiosystem hervorgebracht hat, einen Walter Brennan, Szöke Szakall oder Elisha Cook. Die gibt es einfach nicht mehr. Es gibt die Filme nicht mehr für sie. Heute nennen sich Leute Stars oder werden so genannt, die noch einen weiten Weg dorthin vor sich haben, wenn sie es denn überhaupt schaffen. Wo sind die Cagneys, die Gables, die Stewarts, die Bogarts? Ihre Größe erkennt man doch daran, dass sie sich so lange Zeit gehalten und überdauert haben.
Als das Studiosystem verfiel, gab es da nicht auch mehr Freiheiten? Humphrey Bogart war doch einer der Ersten, die ihre eigene, unabhängige Produktionsfirma gründeten!
Ich glaube nicht. Denken Sie an das Studio der Warner Brothers, das Studio mit den besten dramatischen Filmen. Es gab phantastische Produzenten wie Hal Wallis und Jerry Wald und natürlich Howard Hawks, die ihre Sachen durchsetzten. Natürlich waren da diese Sieben-Jahres-Verträge, und großartige Schauspielerinnen wie Bette Davis hatten Probleme, anständige Rollen zu kriegen. Sie wurden suspendiert, auch ich bin häufig suspendiert worden, weil ich eine Rolle nicht spielen wollte. Aber wenn der Regisseur und der Produzent einen wollten, dann bekam man eben auch gute Rollen. Daran hing es. Und Leute wie John Huston waren immer unabhängig, weil sie schreiben und Regie führen konnten. Gut bezahlt wurden sie auch.
Was halten Sie denn von den Gagen, die heute eine Julia Roberts oder ein Tom Cruise bekommt?
Bitte, hören Sie mir bloß auf mit Tom Cruise! Die Gagen, das ist einfach krank. So viel bekam keiner damals. Es ist für einen Schauspieler natürlich toll, wenn er so viel Geld bekommen kann, aber das Geld hat auch die Industrie beschädigt, weil die Filme schon so wahnsinnig teuer sind, bevor man überhaupt angefangen hat zu drehen. Das Casting ist doch schon schwierig, wenn der Star zwanzig Millionen Dollar bekommt und die anderen Tariflohn. Das ist schlecht. Ich bin ja immer dafür, dass Schauspieler für sich rausholen, was rauszuholen ist, aber die Filme macht es nicht besser und die Schauspieler auch nicht. Aber was zählt schon meine Meinung! (Sie lacht das typische Lauren-Bacall-Lachen.)
Als es mit dem Studiosystem bergab ging, haben Sie Kalifornien den Rücken gekehrt und in New York hauptsächlich Theater gespielt.
Ich bin nach New York gegangen, weil mein Leben in Kalifornien vorbei war. Meine Wurzeln liegen in New York, meine Familie lebte dort. Alles sprach dafür. Es war ein sicherer Platz zum Leben. Und ich hatte immer davon geträumt, auf der Bühne zu stehen. Mein erstes Stück war zwar ein Flop, aber ich kam ganz gut an. Es gefiel mir, es war aufregend, und es lief gut, und hin und wieder habe ich auch einen Film gedreht. In Hollywood ist es doch das größte Problem, dass man Schauspieler nicht wirklich schätzt, sie gelten als Nervensägen, keiner will ihre Meinung hören, man schmeichelt ihnen, man will ihren Namen groß auf den Plakaten haben, aber in Wahrheit hat man keinen Respekt vor ihnen. Das ist im Theater anders.
Aber hier in Berlin weiß man Sie immerhin zu schätzen!
Das stimmt, wobei ich von Berlin eigentlich nur Geschäfte für Naturkosmetik und Reformhäuser sehe. Ich muss nämlich unbedingt diese tollen Produkte von Dr. Hauschka haben.
Die gibt's doch mittlerweile auch in Amerika!
Schon, aber ich will sie hier kaufen!
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 26
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