27. März 2006 Mit Lulu zeigt die Produktionsfirma Teamworx ihr zweites Gesicht. Kein Millionenprojekt wie Dresden, sondern ein Theaterfilm. Jessica Schwarz spielt die Hauptrolle. Die junge Schauspielerin begann beim ehemaligen Musiksender Viva und meidet Blockbuster. Wir haben mit der Achtundzwanzigjährigen über Selbstausbeutung, nackte Haut und Theaterfernsehen gesprochen.
Frau Schwarz, Sie haben für Lulu ohne Gage gearbeitet?
Ja.
Alles für die Kunst.
Na ja, das Geld wird bei einem Theaterkanal dringender für Maske, Kostüm oder Licht benötigt. Uns geht es ums Projekt, deshalb haben Künstler, Regie und Kamera gesagt, wir stecken das wenige Geld lieber in die Ausstattung und dafür die Lorbeeren ein (lacht). Für mich war es eine Möglichkeit, in die Theaterschule einzudringen, fast wie ein Seminar, das ich nicht bezahlen mußte.
Klingt nach Selbstausbeutung. Läßt sich ein künstlerischer Anspruch im Fernsehen nur auf diese Weise durchsetzen?
Das ist überspitzt. Wir Schauspieler werden für unsere Filme gut bezahlt, und es waren viele vom Theater dabei, die wissen, daß es ohnehin nicht so viel zahlen kann wie Fernsehen oder Kino. Und es geht ja auch um das neue Genre Theaterverfilmung.
Ihr Produzent Joachim Kosack nennt Lulu einen Werbefeldzug für gutes Fernsehen.
Auf jeden Fall. Es ist unglaublich wichtig, gutes Fernsehen zu produzieren, weil es immer noch Leute gibt, die sich nicht mit dem zufriedengeben, was sonst läuft. Es gibt ja auch kein echtes Forum mehr für gute Musik.
Abgesehen von Tracks auf Arte.
Genau. Weil solche Foren immer seltener werden, ist es nötig, sich auch als Schauspielerin hinzustellen und klarzumachen: Wir machen das für diejenigen, die Kunst lieben oder irgendwann erwachsen werden und sich dann dafür interessieren. Ein Film wie Lulu ist ein Trip, in den man zufällig reinschalten und sich fragen kann: Wow, was sind das für Klamotten, wie reden die, was ist denn da los? Das ist kommerziell natürlich nicht so groß wie Romeo und Julia von Baz Luhrmann, aber man trägt eine Verantwortung, wie sich das Genre weiterentwickelt.
Und 150000 Zuschauer bei Lulu wären im Theater unerreichbar.
Richtig.
Dennoch stellt sich die Frage, was ein solcher Film im Fernsehen verloren hat. Die Unmittelbarkeit der Bühne fehlt dem gefilmten Theater.
Im Theater sitzt man sehr weit weg und hat oft das Gefühl, nicht das zu sehen, was vielleicht am spannendsten ist. Wir haben mit Handkameras gearbeitet, die Akte waren zwar geschnitten, aber durchgespielt, und es gibt die Möglichkeit, Gesichter ganz nah zu sehen. Teilweise war die Kamera fünf Zentimeter von mir entfernt. Eine ungeheure Erfahrung. Mich hat die Theaterverfilmung Baal mit Matthias Schweighöfer neugierig gemacht. Das war aber auch ein Grund zu sagen, ich weiß nicht, ob ich das kann. Die Versagensängste waren groß.
Haben Sie Lulu eher als Dreharbeit oder als Aufführung empfunden?
Dadurch, daß wir chronologisch gedreht haben, was im Film sonst nie vorkommt, hab' ich eine Intensität beim Spielen und im Team erlebt, die ich von normalen Sets nicht kenne. Jeder wollte immer wissen, wie es weitergeht, und ständig dabeisein. So hatte man das Gefühl, sich auf einer Bühne zu bewegen. Nicht alle paar Minuten ein Umbau, sondern permanentes Miteinander im gleichen Umfeld.
So gesehen: Ihre erste Theaterrolle.
Ja. Ich stand schon mal auf der Bühne, aber das war noch Ballett.
Die Lulu scheint Ihnen jedenfalls auf den Leib geschneidert.
Vielleicht ...
Sie erinnern sich an Ihr Interview mit dem Magazin Neon?
Oh Gott, ja.
Da haben Sie einen Hang zu Selbstzerstörung und Sadomasochismus offenbart, der sich auch in dieser Figur findet.
Okay, ich glaube, daß ich durch Lulu einiges lernen konnte, ohne daß sie konkret etwas mit mir zu tun hat. Die Rolle hat einfach viel mit jungen Frauen zu tun, die emotional sind, sich spüren, sich fühlen wollen. So gesehen, ist eine Parallele da. Es ist zwar eine klassische Figur, aber auch eine wahnsinnig moderne.
Und eine, die ins Verderben rennt.
Wenn man erlebt, wie Alexander Scheer fragt, ob sie keine Seele habe, noch nie gelebt und geliebt, und Lulu antwortet, sie wisse es nicht, erkennt man, was für eine Hülle sie ist und daß sie nichts hat, worauf sie zurückgreifen kann. So wie Uwe Janson Lulu interpretiert, daß sie am Ende nicht stirbt, sondern allein zurückbleibt und sich mit dem Chaos, das sie angerichtet hat, auseinandersetzen muß; daß sie die Chance erhält weiterzumachen und nicht wie im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen landet; daß sie allein die Konsequenzen zu tragen hat und zu dem Punkt kommt, nachzudenken - das finde ich sehr modern.
Haben Sie sich an aktuellen Inszenierungen orientiert - Fritzi Haberlandt in Hamburg oder Julia Jentsch in München?
Ich wollte nach Hamburg fahren und hatte auch das Video von Susanne Lothar zu Hause, hab' mir aber nichts angeguckt, weil ich Angst hatte, daß mich beide auf eine Fährte führen. Ich habe Lulu für mich gespielt.
So entgeht man den Vergleichen.
Genau. Peter Zadek hat mit Susanne Lothar das Thema Nacktheit hervorgeholt. Ich erinnere mich, daß ich vorher zu Uwe Janson sagte, ich fände es besser, wenn Lulu immer angezogen wäre und die Nacktheit eher aus der Mimik, den Augen entspringt.
War er Ihrer Meinung?
Zu dem Entschluß sind wir gemeinsam gekommen. Wir waren uns einig, es über das Spiel zu probieren und keine Quote durch Nacktheit zu erzielen. Bei Arte und dem Theaterkanal geht es um anderes.
Zieht Nacktheit überhaupt noch Publikum an?
Ich glaube nicht. Obwohl es bei Elementarteilchen anscheinend funktioniert hat. Viele meinten, daß der Film sich stärker um Sexualität dreht als Michel Houellebecqs Roman. Damit habe ich so meine Schwierigkeiten.
Arbeiten Sie sich eigentlich noch an Ihrer Zeit als Viva-Girl ab?
Langsam nicht mehr, doch sie spielt immer noch eine Rolle. Mit Filmen wie Der Rote Kakadu, Kammerflimmern oder Lulu sage ich mir: Ich hatte zur Viva-Zeit eine große Popularität, aber die ist mir nicht mehr so wichtig. Vieles mache ich für mich und trete so aus dem Gedankenfeld derer heraus, die meinen: Jetzt fällt sie wieder in das alte Muster zurück.
Bereuen Sie etwas?
Überhaupt nichts. Mir haben Regisseure gesagt, gerade wegen der Viva-Zeit wisse man bei mir nie, was als nächstes komme, deshalb sei es auch gut, wenn ich nicht Die Sturmflut mache. So kann ich mich auch frei auf der Straße bewegen, ohne ständig angeguckt zu werden. Diese Normalität könnte ich mir nicht leisten, wenn ich ständig große Dinger machen würde und vorn auf der TV-Spielfilm wäre.
Wobei Lulu eine Produktion von Teamworx ist, die auch Die Sturmflut und Dresden gemacht hat. Kann man denn, wenn man zu solch großen Produktionen eingeladen wird, einfach nein sagen?
(Lacht) Das habe ich ja dreimal gemacht, und Nico Hofmann (der Teamworx-Chef) hat es irgendwann verstanden und gesagt, na gut, dann sehen wir mal, was wir für dich finden.
Ist das eine endgültige Absage an den großen Film, den Blockbuster?
Nee. Man wird ja auch älter, und vielleicht finde ich irgendwann ein gutes Drehbuch. Aber ich würde es wohl nicht fürs Geld oder die Popularität tun.
Das Gespräch führte Jan Freitag.
Text: F.A.Z., 27.03.2006, Nr. 73 / Seite 44
Bildmaterial: Arte
