06. November 2003 Der Präsident nennt sie "Filter". Und weil er Informationen lieber ungefiltert konsumiert, läßt er sich frühmorgens von Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice unterrichten - statt selber Zeitung zu lesen, Radio zu hören, fernzusehen, sich eben aus den Medien, die er "Filter" nennt, über die Lage im Irak und anderswo in der Welt zu informieren. Nur hat der Wähler, der in knapp einem Jahr über den alten oder einen neuen Hausherrn im Weißen Haus bestimmt, keine eigene Sicherheitsberaterin zur Weitergabe ungefilterter Informationen aus dem Irak und bleibt auf die Medien angewiesen. Das aber muß auch den vom "Filter" abgeschirmten Präsidenten mit Sorge erfüllen, denn Umfragen verschiedener Tageszeitungen und Nachrichtensender zeigen seit ein paar Wochen, daß die Zustimmung zur Irak-Politik und allgemein zur Amtsführung des Präsidenten unter die kritische Marke von fünfzig Prozent zu fallen droht oder schon gefallen ist.
Das Thema "Irak" zu verdrängen und statt dessen über die Wirtschaft zu reden, die nach der Überzeugung des Präsidenten und seiner Mitstreiter vor allem wegen der Steuererlasse in Milliardenhöhe zuletzt stattlich zugelegt hat, ist keine Option. Im Innern die Wirtschaft und bei der Außenpolitik der Irak - das sind die Themen, welche die Debatte bestimmen und den Wahlkampf bis Anfang November 2004 prägen dürften.
Bewährtes Hausmittel
Für den Griff zu dem bewährten Hausmittel, den Botschafter zu schelten, wenn die Botschaft nicht gefällt, spricht der Umstand, daß bei der Berichterstattung aus dem und über den Irak tatsächlich die schlechten Nachrichten die guten in den Schatten stellen. Wenn beim Abschuß eines einzigen Transporthubschraubers fünfzehn amerikanische Soldaten getötet werden, bestimmt naturgemäß diese "Tragödie" (Verteidigungsminister Donald Rumsfeld) über Tage die Berichterstattung und nicht die Eröffnung einer frisch renovierten Schule im Mittelirak. Es ist fast unmöglich, diesem Grundgesetz der Kriegsberichterstattung mit einem Trommelfeuer von Zahlen, Statistiken und bedenkenswerten Argumenten beizukommen. Zu den richtigen Argumenten gehört auch jenes, wonach bis zu neunzig Prozent der täglich drei Dutzend Angriffe und Feuerüberfälle auf die amerikanischen Truppen und ihre Verbündeten im sogenannten "sunnitischen Dreieck" nördlich und westlich von Bagdad verzeichnet werden.
In der schiitisch geprägten Mitte und im Süden des Landes, im kurdisch dominierten Norden des Iraks ist es für Besatzer wie Iraker sicherer und ruhiger. Dort kommen Wiederaufbau und Übergabe der Regierungsverantwortung an die Iraker voran, dort gibt es deutliche Anzeichen für eine Belebung der Wirtschaft. Das alles kann man aus den amerikanischen (und englischen) Medien erfahren, denn nach wie vor sind die maßgeblichen Tageszeitungen, Rundfunkstationen und Fernsehsender ständig mit mehreren Korrespondenten im Irak vertreten. Deren Berichterstattung ist breit, facettenreich, professionell - und ausgewogen. So berichtet das Wochenmagazin "Time" in seiner jüngsten Ausgabe vom kleinen Wirtschaftswunder und vom pulsierenden Nachtleben in der südirakischen Stadt Basra.
Anti-amerikanische Berichte
Ins kollektive Gedächtnis der amerikanischen Bevölkerung prägen sich aber die Berichte über die verheerenden Anschläge in Bagdad und im "sunnitischen Dreieck" ein, wo die Sicherheitslage sich nicht bessert, sondern verschlechtert. Mit Zahlen und Statistiken versucht das Weiße Haus hier dem "Filter" der Medien beizukommen. Zudem hat der Präsident mehrfach einer Reihe von lokal verbreiteten amerikanischen Medien ausführliche Interviews gewährt, um die national verbreiteten "big players" zu umgehen. Währenddessen zieh der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz gestern die arabsischen Sender "Al Dschazira" und "Al Arabija" der anti-amerikanischen Hetze, täglich würden sie Lügen verbreiten.
Bei solcher Kritik, aber auch bem Umgang mit manchen Zahlenreihen wäre aber mehr Sorgfalt angezeigt. So sagte Verteidigungsminister Rumsfeld am 5. September, schon 55.000 Iraker sorgten in Polizei, Objekt- und Zivilschutz sowie in der Armee für Sicherheit im Irak. Nachdem die Regierung die forcierte "Irakisierung" der Sicherheitskräfte als Königsweg zu mehr Sicherheit ausgerufen hatte, stieg die von ihr genannte Zahl der irakischen Sicherheitskräfte rasant an - von 60.000 über 80.000 bis zuletzt auf "über 100.000" (Rumsfeld). Umgerechnet auf die etwa fünfzig Tage von Anfang September bis Ende Oktober ergäbe das eine Zunahme von etwa tausend irakischen Polizisten, Wachmännern, Zivilschützern, Sicherheitsleuten und Soldaten pro Tag. Ein ähnliches Durcheinander gab es zu Beginn des Schuljahres, als die Zahl der mit amerikanischer Hilfe renovierten Schulen auf und nieder tanzte und einmal auch mit der geschätzten Gesamtzahl aller zehntausend nach dem Krieg wiedereröffneten Schulen gleichgesetzt wurde.
Brief eines Offiziers
Ebenfalls wenig hilfreich dürfte der Vorfall mit Soldatenbriefen einer im Irak stationierten Einheit gewesen sein, die im gleichen Wortlaut, aber mit unterschiedlichen Namen als Unterzeichnern in einem halben Dutzend Lokalzeitungen in einigen Staaten im Nordwesten Amerikas veröffentlicht wurden. Der Brief war, wie sich später herausstellte, vom befehlshabenden Offizier einer in der nordirakischen Stadt Mossul stationierten Einheit verfaßt worden. Einige Soldaten der Einheit hatten, wie von dem Offizier vorgeschlagen, den ihnen vorgelegten Brief unterzeichnet, weil sie mit dessen Inhalt einverstanden waren: Es wurde vom allgemeinen Wohlwollen der Bevölkerung, von ruhigen Patrouillengängen und von Erfolgen beim Wiederaufbau berichtet. Die Soldaten wußten aber nicht, daß das Schreiben später auf den Schreibtischen verschiedener Redakteure landen würde, so als hätten sie den Brief persönlich und allein verfaßt. Daß die "individuellen" Briefe alle wortgleich waren, wurde rasch erkannt - und das Pentagon ließ mitteilen, die Sache habe der Offizier aus ehrenwerten Motiven, aber alleine und ohne Anweisung ausgeheckt, man habe nichts mit der Angelegenheit zu tun.
Ob die Regierung den Kampf gegen den "Filter" der Medien mit einem eigenen, zudem oft schlampig gearbeiteten "Filter" gewinnen kann, steht dahin. Während die amerikanischen Soldaten im Irak einen Krieg gegen unsichtbare Aufständische vor allem im "sunnitischen Dreieck" und zugleich um die "Herzen" der Mehrheit der Bevölkerung führen, tobt an der Heimatfront ein Kampf um die Lufthoheit im Medienhimmel. Hier wie dort wird der mit dem längeren Atem und der besseren Strategie gewinnen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2003, Nr. 258 / Seite 48
Bildmaterial: AP
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