Berlinale-Kolumne

Auf der Chopping-Meile

Von Claudius Seidl

Wenigstens weiß Moderatorin Roche immer, wo es lang geht

Wenigstens weiß Moderatorin Roche immer, wo es lang geht

11. Februar 2007 Das hier, so dachte es in mir, als ich mir einen Platz im Kino suchte, das hier ist also das Sibirien der Berlinale: das Cinemaxx in der Voxstraße, Kino drei, der Ort, wohin all jene Gäste der Eröffnungsfeier umgeleitet wurden, für welche es keinen Platz mehr im Premierenkino gab - Damen mit sehr seltsamen Hüten, Herren im fliederfarbenen Anzug, insgesamt sehr viele Menschen, welche den Dresscode „feierliche Abendgarderobe“ äußerst eigenwillig interpretiert hatten und im Zweifelsfall zugunsten des Cordsakkos, das ohnehin ganz vorne im Kleiderschrank hing.

Das hier, schrie es mir dann von der Leinwand entgegen, ist aber auch Sibirien, die Welt da draußen, jenes Berlin, wo es, pünktlich zum Beginn der Berlinale, eisig und windig geworden ist, weshalb ich, während in meinem Kino die Direktübertragung vom sogenannten Roten Teppich lief, großes Mitleid bekam mit den französischen Schauspielerinnen, die in ihren sehr geschmackvollen, aber auch extrem luftigen Abendkleidern im Schneegestöber standen und posierten und sich hoffentlich nicht jene Grippe geholt haben, die sich seit Tagen ausbreitet in der Stadt.

Gehen sie doch choppen

Drinnen kasperte Jan Delay herum, und seine Musik klang so, als ob er zwar die richtigen Platten im Schrank habe, nicht unbedingt aber alle Tassen. Dann moderierte Charlotte Roche, auf jene bezaubernd antiautoritäre Art, die aber die Existenz funktionierender Autoritäten eigentlich voraussetzte: einen Kulturstaatsminister beispielsweise, der nicht den Habitus eines schlechtbezahlten Conférenciers hätte und der nicht so laut brüllte, als hätte ihm keiner erzählt, dass das Mikrofon schon vor ein paar Jahren erfunden worden ist; und dem, in seiner Begrüßungsrede womöglich etwas anderes einfiele als nur ein Lob fürs eigene Wirken und das der Kabinettskollegen sowie der stolze Hinweis auf die angebliche Weltgeltung des deutschen Films (also, nur zum Beispiel, ein paar freundliche und respektvolle Worte an die Adresse jener Gäste aus Frankreich oder Amerika, die sich auf der Berlinale vielleicht selber ein Urteil über die Lage des deutschen Films machen wollen). Oder einen Regierenden Kultursenator, dem, auf Charlotte Roches Frage, was, außer Filmen, die Besucher in Berlin an Kultur noch erleben könnten, eine bessere Antwort einfiele als diese hier: „chopping“, im Kadewe oder in den kleinen „Chops“ hinterm Hackeschen Markt.

Zum Niederknien: Ein echter Kulturstaatsminister

Zum Niederknien: Ein echter Kulturstaatsminister

Ich schloss die Augen und träumte von der Kultur Sibiriens.



Text: F.A.Z., 10.02.2007, Nr. 35 / Seite 36
Bildmaterial: AP, dpa

 

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