01. Juli 2005 Das Ausmaß des Schleichwerbeskandals bei der Produktionsgesellschaft Bavaria ist gelüftet: Am Abend haben der Aufsichtsrat und die Gesellschafter der Bavaria die wichtigsten Ergebnisse zweier Sonderberichte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der Revision des Südwestrundfunks vorgestellt. Demach hat es in der Vorabendserie Marienhof und in der Serie In aller Freundschaft zwischen Januar 2002 und Mai 2005 Schleichwerbung im Wert von 1,476 Millionen Euro gegeben.
Für achtzig Prozent dieser Summe wurde im Marienhof schleichgeworben, für zwanzig Prozent bei der Krankenhausserie In aller Freundschaft. Die Anzahl der sogenannten Placements, also der versteckten Werbung für Produkte oder bestimmte Themen, ist beachtlich: Für den Marienhof wurden in dem kurzen Zeitraum von etwas mehr als drei Jahren neunzehn Verträge mit unzulässigen Placements entdeckt, die jeweils zwei bis zwanzig einzelne Schleichwerbeaktionen umfaßten.
117 Fälle versteckter Werbung
Daraus ergebe sich, so die Prüfer, die Gesamtzahl von 117 Fällen versteckter Werbung bei 1000 Folgen der Serie. In 76 Fällen sei Schleichwerbung zwar vereinbart, aber nicht geleistet worden. Bei der Serie In aller Freundschaft wurden vier Verträge über Schleichwerbung gefunden mit insgesamt neun einzelnen Werbeplazierungen, zwölf weitere waren vereinbart, doch fanden sich dafür keine Verträge. Gekostet hat die Schleichwerbung im Marienhof im Einzelfall zwischen 7600 und 11.000 Euro; bei In aller Freundschaft, wo für medizinische und pharmazeutische Produkte schleichgeworben werden kann, lag der Preis im Einzelfall mit 25.000 Euro noch bedeutend höher.
So katastrophal diese Bilanz anmutet - die sich noch auf Schleichwerbung in Tatorten des SWR und des WDR ausweitet bzw. auszuweiten scheint - so beschränkt sind die personellen Konsequenzen, welche die Gesellschafter der Bavaria ziehen: So bleibt der Geschäftsführer der Bavaria, Thilo Kleine, auf seinem Posten. Ihm konnte, wie es im Prüfbericht heißt, eine positive Kenntnis von Mechanismus, Durchführung und Abwicklung der Placement-Aktivitäten nicht nachgewiesen werden. Kleine erhält lediglich eine Abmahnung, die Kündigung wird ihm angedroht, falls sich eine solche Geschichte wiederhole.
Zwei Produzenten werden entlassen
Fristlos entlassen werden jedoch die beiden Produzenten, welche den Marienhof betreut haben, Bechtle und von Mossner, sowie der Chefdramaturg Lüder, die, wie es heißt, alle über mehrere Jahre hinweg Placement-Aktivitäten initiiert oder an diesen Aktivitäten maßgeblich mitgewirkt haben. Abgemahnt werden zudem sieben weitere Mitarbeiter der Bavaria. Den Redakteuren der Vorabendredaktion des Bayerischen Rundfunks, welche den Marienhof betreut haben, könne hingegen kein Vorwurf gemacht werden, sie hätten nicht sorgfältig genug gehandelt, im Gegenteil seien dort manche Placements erkannt und eliminiert worden.
Doch wie funktionierte die Schleichwerberei? Im Falle des Marienhofs war es laut Prüfbericht so, daß den entsprechenden Placement-Agenturen, der Firma K+W des früheren Schauspielers Andreas Schnoor und der Agentur Verlag im Kilian, bereits in der Frühphase der Konzeptionierung einer Staffel dramaturgische Inhalte per E-Mail zugeschickt wurden. Die Agenturen gaben dann ihre Bemerkungen mit den gewünschten Placements zurück. Abgerechnet wurde das Ganze über die Bavaria-Tochtergesellschaft Bavaria Sonor.
Eigene Vorschläge der Agenturen
Gleichwohl soll die Geschäftsführung der Bavaria - der Chef Thilo Kleine also - über diese Vorgänge nicht informiert gewesen sein. Bei der Serie In aller Freundschaft, die von der Bavaria-Tochterfirma Saxonia hergestellt wird, waren die Agenturen in die Entwicklung der Dramaturgie regelrecht integriert. Sie traten hier sogar aktiv mit eigenen Vorschlägen an die Produktion heran. Abgerechnet wurde ebenfalls über die Bavaria Sonor, die Geschäftsführung der Saxonia soll davon, so hält es der Prüfbericht ausdrücklich fest, sogar informiert gewesen sein.
Abgeschlossen ist die Schleichwerbefahndung jedoch noch nicht. Die Revisionsabteilungen des WDR und des MDR untersuchen noch, inwieweit es bei den Bavaria-Töchtern Colonia in Köln und Saxonia in Leipzig zu Schleichwerbung gekommen sein könnte. Der Revisor des SWR hat bereits drei Fälle bei Tatorten der Maran-Film entdeckt, das ist die Tochtergesellschaft, die der SWR vor ein paar Jahren gemeinsam mit der Bavaria gegründet hat. Bei der Colonia gibt es den Verdacht, daß in vier Fällen der Tatort des WDR von Schleichwerbung betroffen sein könnte.
Niederschmetternder Befund
Der Befund ist also niederschmetternd. Und für die Zukunft soll durch ein neues, noch nicht genauer erklärtes Kontrollorgan verhindert werden, daß bei der Bavaria versteckte Werbung vorkommt. Auch sollen die Produktionsverträge entsprechend verschärft werden, die Produzenten sollen überdies Erklärungen abgeben, daß sie keinerlei Einkünfte durch Schleichwerbung erzielen.
Daß all dies allein auf den Schultern zweier Produzenten und eines Dramaturgen lag, erscheint Beobachtern angesichts der Tatsache, daß die Summe von insgesamt 1,476 Millionen Euro (allein in drei Jahren) über eine Tochtergesellschaft der Bavaria eigens abgerechnet wurde, schwer vorstellbar, zumal sich zeigt, daß die skandalösen Vorgänge sich überall dort ausgebreitet haben, wo die Bavaria mit den Sendern, welche die Mehrheit an der Produktionsgesellschaft halten, gemeinsame Tochterfirmen gegründet hat - ob in Stuttgart, Leipzig oder Köln. An der Bavaria ist der WDR mit rund 33 Prozent, SWR und MDR mit jeweils rund 16,6 Prozent und der BR beteiligt.
Warum wußte niemand etwas?
Ungelöst ist bei all dem, warum die Sender und die Aufsichtsgremien von all dem angeblich nichts wußten. Es war erst die Recherche eines Journalisten, des Leitenden Redakteurs des Fachdienstes epd medien, Volker Lilienthal, vonnöten, bis die Lawine ins Rollen kam. Von seinen Recherchen wußte mindestens ein Vertreter der Bavaria-Gesellschafter nachweislich bereits im Mai 2003.
Doch wurde ebenso nachweislich - und jetzt offiziell bestätigt - auch hernach fleißig weiter schleichgeworben, während der Journalist Lilienthal durch einen Prozeß, den die Placement-Agentur K+W gegen ihn anstrengte, bis zum 20. Januar 2005 daran gehindert wurde, weiterhin zu recherchieren. In der Marienhof-Affäre scheinen noch längst noch alle Fragen geklärt.
Bildmaterial: ARD/R.M.Reiter
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