Ben Kingsley

Furor, Entschlossenheit, schneidende Kälte

Von Andreas Kilb

30. Dezember 2003 Ben Kingsley wird heute sechzig Jahre alt. Das ist erstaunlich. Erst sechzig Jahre! Dabei hat er schon vor mehr als zwanzig Jahren, in Richard Attenboroughs "Gandhi", einen Neunundsiebzigjährigen gespielt. Später, als er, wie wir jetzt wissen, noch keine fünfzig war, spielte er Lenin, Schostakowitsch, Simon Wiesenthal - auch sie keine jungen Männer.

Mit fünfzig gab er dann den Itzhak Stern in Spielbergs "Schindlers Liste", den jüdischen Buchhalter und Haupthelfer des Helden - einen irgendwie alterslosen, listigen, sympathischen, aber doch alles andere als jugendlichen Mann. Und in einem noch späteren Fernsehauftritt war er schließlich Moses, der Befreier des auserwählten Volkes aus der ägyptischen Gefangenschaft - so ziemlich der unjugendlichste Charakter, den man sich auf Bildschirm wie Leinwand überhaupt vorstellen kann.

Niemals jung

Im Kino ist Ben Kingsley niemals jung gewesen, selbst in jenen Filmen nicht, in denen er Männer seines Alters spielte wie in David Hugh Jones' "Betrug" (1982) nach Harold Pinter. Das liegt nicht an Kingsleys Aussehen, den klaren, fein geschnittenen Gesichtszügen unter dem glatten Schädel. Es liegt an seinem Wesen, an der besonderen Ernsthaftigkeit, die er auch dann ausstrahlt, wenn er Witze macht.

Die Alten sprachen von Gravitas, von Schwere, wenn es darum ging, Leute wie Kingsley zu beschreiben, und das trifft es genau. Wenn man Ben Kingsley zuschaut, spürt man die Schwerkraft seines Könnens. Fünfzehn Jahre lang hat er diese Kraft als Mitglied der Royal Shakespeare Company an klassischen Theaterrollen gestählt und geschärft, bevor er mit vierzig zum Film kam, ein Virtuose von Anfang an.

Tun, was unvermeidlich ist.

Wenn man die lange Reihe der Ehrungen und Auszeichnungen durchgeht, die Kingsley in seinem Schauspielerleben zuteil wurden, macht man noch eine erstaunliche Entdeckung: Sie ist viel zu kurz. Nur zweimal hat er sowohl das Publikum als auch die Jurys überzeugt - als Gandhi und als Gangster. Für die erste Rolle bekam er als Kinodebütant gleich einen Oscar und einen Golden Globe, für die zweite, den Part des rachsüchtigen Don Logan in Jonathan Glazers schwarzer Komödie "Sexy Beast" (2000), dann beinahe alle anderen Preise, die jedes Jahr von Kritikern und Filmakademien rings um den Globus vergeben werden. Und tatsächlich sind Kingsleys Gangster - der Cosmo aus Phil Alden Robinsons "Sneakers", der Doktor Roberto Miranda aus Roman Polanskis " Tod und das Mädchen", der Meyer Lansky aus Barry Levinsons "Bugsy" - allesamt Weiterentwicklungen seines Gandhi: derselbe Furor, dieselbe unbedingte Entschlossenheit. Dieselbe Gravitas. Und dieselbe schneidende Kälte, wenn es darum geht, zu tun, was unvermeidlich ist.

Sir Ben Kingsley, der eigentlich Krishna Bhanji heißt und als Sohn eines indischen Arztes und einer britischen Schauspielerin in Yorkshire geboren wurde, ist, wie man hört, ein glühender Anhänger des englischen Landlebens. Nicht nur darin gleicht er Stanley Kubrick, der keine Autostunde von Kingsleys Herrenhaus in Oxfordshire entfernt gelebt und einen ganz ähnlichen Begriff von Präzision und Ernsthaftigkeit im Kino vertreten hat wie er. Schade nur, daß die beiden nie einen Film zusammen gedreht haben. Vielleicht wäre es Kubrick ja sogar gelungen, Sir Ben jünger aussehen zu lassen, als er ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2003, Nr. 303
Bildmaterial: dpa Pool, obs, Senator, Super RTL, WPA ROTA POOL, Zentralbild

 
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