„Borat“-Film

Guten Abend, Herren und Huren

Von Claudia Bröll, London

Die Premiere einer Filmparodie als Parodie einer Filmpremiere: Cohen als Bora...

Die Premiere einer Filmparodie als Parodie einer Filmpremiere: Cohen als Borat in London

27. Oktober 2006 Es passiert nicht häufig, daß ein Fernsehreporter vor einer Filmpremiere von einem Star laut schmatzend auf beide Wangen geküßt wird. Doch der britische Komiker Sacha Baron Cohen alias Borat ist kein normaler Star und der britische Start seines Films „Borat - Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen“ keine normale Premiere, sondern ein einziges Schauspiel: Angeführt von Prostituierten in knapper Bekleidung, schiebt sich ein Trupp grimmig dreinblickender kasachischer Bauern, schwer beladen mit Brennholz und Fässern „gegorenen Pferdeurins“, über den roten Teppich auf Londons Leicester Square. Aus den Lautsprechern dröhnen folkloristische Weisen. Borat thront in quietschgelber Kunstlederjacke auf einem Holzwagen.

Cohen mimt im Film den kasachischen Fernsehreporter Borat Sagdiyev. Der Schnauzbartträger macht sich nach Amerika auf, um Pamela Anderson zu heiraten, eckt dort aber mit seinen juden-, frauen-, schwulenfeindlichen Sprüchen überall an.

Selten hat ein Film schon vor dem Start für derartigen Wirbel auf höchster diplomatischer Ebene gesorgt. Die Regierung von Kasachstan zeigte sich zutiefst beleidigt, daß ihr Volk als Ansammlung von Hinterwäldlern dargestellt wird, die aus Menschenmilch Käse produziert, sich im Spülklosett wäscht und stolz darauf ist, daß „Frauen mittlerweile in Bussen fahren dürfen, Homosexuelle keine blauen Hüte mehr tragen müssen und das heiratsfähige Alter auf zwölf Jahre heraufgesetzt wurde“. Die Regierung schaltete eine vierseitige Anzeige in der „New York Times“, um das Bild des Landes geradezurücken.

„Wir schießen vom Fenster aus auf Hunde

Wie bei all seinen Auftritten ist es nicht Cohen, der zur Londoner Filmpremiere angereist ist, sondern die Filmfigur, in diesem Fall Borat. „Good evening, gentlemans and prostitutes“, begrüßt er seine Fans. „Ich mag euch, und ich mag Sex. Anschließend müßt ihr in meinem Hotel in King's Cross vorbeikommen. Wir betrinken uns, raufen ohne Kleider und schießen vom Fenster aus auf Hunde.“

Mit seiner Entourage stimmt er die vermeintliche Nationalhymne Kasachstans an: „Kasachstan, Kasachstan, großartigstes Land der Erde. Alle anderen Länder werden von kleinen Mädchen geführt.“ Später erklärt er dem geküßten Reporter, die ganze Aufregung um den Film sei von den Usbeken inszeniert worden - ganz üble Burschen.

Dümmliche Fragen an Prominente

Cohen, in der englischsprachigen Welt längst eine Berühmtheit, wurde bekannt als „Ali G“, ein goldkettenbehängter Rapper, der so englisch spricht wie Erkan und Stefan deutsch. In der gleichnamigen Sendung des britischen Channel 4 lockte er Prominente mit dümmlichen Fragen aus der Reserve. Legendär wurde das Gespräch mit dem früheren UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali, den Ali G ernsthaft fragte, weshalb Disneyland nicht zu den Vereinten Nationen gehört.

Cohen versteht es meisterhaft, sein Alter ego außerhalb der Fernseh- und Filmstudios weiterzuspielen. Der preisgekrönte Komiker stammt aus einer jüdisch-iranisch-britischen Mittelklasse-Familie und wuchs im gutbürgerlichen Hampstead im Norden Londons auf, besuchte dort eine Privatschule, studierte in Cambridge Geschichte.

„Schwein von einem Mann“

Seine Abschlußarbeit widmete sich der Rolle der Juden im amerikanischen Bürgerkrieg. Später gründete er mit seinem Bruder einen Comedy-Club. Freunde sagen, der Fünfunddreißigjährige sei überraschend normal und warmherzig.

Der kasachische Botschafter in London, Erlan Idrissov, sah das bis vor kurzem ganz anders. Als „Schwein von einem Mann“ bezeichnete er Cohen Anfang des Monats in einem Brief an den „Guardian“. Nach einer privaten Vorführung des Films jedoch lenkte er ein. Als die kasachische Nationalhymne in Borats Version anklang, konnte auch der Diplomat sich Lachen nicht verkneifen.



Text: F.A.Z., 27.10.2006, Nr. 250 / Seite 37
Bildmaterial: 20th Century Fox/Cinetext, AFP, Fox, REUTERS

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