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Von Daniel Haaksman

Leider auch mit Ton: Musikvideo auf Youtube

Leider auch mit Ton: Musikvideo auf Youtube

19. Mai 2006 Um die Zukunft des Musikvideos scheint es nicht gut zu stehen. Ein Vierteljahrhundert nach der ersten Ausstrahlung des visionären Buggles-Songs „Video Killed The Radio Star“ zum Sendestart von MTV hat das Medium seine einstige Faszination eingebüßt. Regisseure wie Michel Gondry, Jonathan Glazer, Spike Jonze oder David LaChapelle, die für Musikclips früher mit Millionen-Budgets jonglierten und die letzte innovative Phase des Genres prägten, sind ins Kino abgewandert. Die Musikvideoindustrie darbt. Ende der neunziger Jahre war es in Deutschland noch üblich, für ein Musikvideo im Durchschnitt rund 50000 Euro auszugeben, heute investieren die Plattenfirmen nur noch die Hälfte oder sogar noch weniger. Das liegt nicht nur daran, daß die allgemeine Krise in der Musikbranche als erstes die Etats für die ursprünglich als Werbefilme für Schallplatten eingeführten Musikvideos eingedampft hat.

„Musikvideos haben für das knapp kalkulierende Musikfernsehen an Attraktivität verloren“, sagt etwa Daniel Lieberberg von Universal Music Germany, wo er die Sparte „Domestic Rock“ betreut. Markenartikelfirmen schalten ihre Werbungen heute lieber zwischen Serien wie der Auto-Tuning-Sendung „Pimp My Ride“ auf MTV oder der „Shibuya Karaoke-Show“ auf Viva, die in der Zielgruppe der Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen derzeit das erfolgreichste Show-Format des Senders ist. Das Programm beider Sender besteht mittlerweile nur noch zu knapp dreißig Prozent aus Musikvideos. Neue Clips werden in einer Woche höchstens ein dutzendmal gespielt, meistens nachts und morgens, wenn die Einschaltquoten niedrig sind. „Wir überlegen uns inzwischen genau, ob wir ein Musikvideo produzieren - und, wenn ja, wieviel wir dafür ausgeben“, ergänzt Lieberberg: „Es ist einfach nicht mehr eines der Haupt-Marketinginstrumente.“

Qualitätsformate zumeist abgeschafft

Allein die traditionellen Hitparaden-Sendungen aus England, Amerika und Deutschland bieten dem Clip seinen gewohnten Raum. Darüber hinaus herrscht auch im Musikfernsehen die Historisierung: Videos werden vermehrt in themenorientierten Sendungen mit Titeln wie „Die besten Videos der Achtziger“ oder „Die Trash Top 100“ gezeigt, und ein immer größerer Teil des spärlichen Musikvideoprogramms besteht aus bereits etablierten Hits. Die neue Programmpolitik der Sender läßt für anspruchsvollere Produktionen keinen Platz mehr. Preisgekrönte Qualitätsformate wie die Viva-Sendung „Fast Forward“ mit Charlotte Roche wurden schon vor Jahren abgeschafft. Und dann ist da noch das Klingelton-Problem: In der Branche wird mittlerweile geunkt, daß Musikvideos heute nur noch als Unterbrechungsprogramm für die Werbesendungen von Handyklingeltönen dienen - „Ringtones killed the Videostar“.

Alle Indikatoren scheinen den Untergang einer Gattung zu bestätigen: Doch vielleicht konnte dem Musikvideo gar nichts Besseres passieren, als sich langsam aus dem Musikfernsehen verabschieden zu müssen. Denn just in dem Moment, wo das Ende der Kunstform Music-Clip beschworen wird, beginnt das Internet die Monopolstellung, die das Fernsehen auf seine Ausstrahlung hatte, zu brechen - dank der flächendeckenden Verbreitung von Hochgeschwindigkeitsmodems und Internet-Flatrates. Wie oft bei der Einführung neuer Technologien verändern sich etablierte Medienformate, und neue treten hervor. Dem Video-Clip geschieht heute das gleiche wie vor einigen Jahren der sich digitalisierenden Musik.

Umfassendes Musikvideoarchiv

Musikvideos kann man mittlerweile nicht nur auf den Homepages von Plattenfirmen und Bands anschauen, man trifft sie zunehmend auf allen Arten von Netzseiten an. „YouTube.com“, eine erst im Herbst 2005 initiierte Website, beinhaltet heute das wohl umfassendste Musikvideoarchiv der Welt. Schätzungen sprechen von mehreren hunderttausend Musikvideos, die auf YouTube gespeichert sind, täglich werden Hunderte dazugeladen. Ähnlich wie bei Google, muß man auf YouTube nur den Namen eines Songs eingeben, und schon kann man sich das Video auf den Computerbildschirm laden - sei es „It Won't Be Long“ von den Beatles, das neueste Video des Rappers Busta Rhymes oder ein Live-Mitschnitt einer Handy-Kamera vom jüngsten „Babyshambles“-Konzert: Auf YouTube kann sich jeder Musikvideointeressierte per Mausklick ein personalisiertes Programm erstellen - und zwar ganz ohne Werbeunterbrechung.

Kosten sie unsere hausgemachten Videos

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Die Urheberrechtsfrage bei YouTube, wo auch viele aus dem Fernsehen aufgezeichnete Videos zu sehen sind, ist bereits Grundlage einiger rechtlicher Dispute geworden. In einigen Fällen führte eine Ausstrahlung bereits zu Klagen, und die Videos wurden von der Seite genommen. Doch die Wahrscheinlichkeit, daß YouTube der gleiche Weg beschert ist wie der ehemalige Gratis-Musiktauschbörse Napster, ist zu bezweifeln: Denn man kann die auf YouTube gezeigten Videos nicht auf den eigenen Computer herunterladen oder tauschen, noch sind die Dateien zu groß. Ein Anzeichen dafür, daß YouTube und ähnliche Websites Zukunft haben, ist, daß die Musikkonzerne relativ gelassen bleiben. Denn Musikvideos sind ihrem Wesen nach Werbefilme und jeder Zuschauer ein potentieller Kunde.

„Digitale Akne“ wird akzeptiert

Die niedrige Auflösung und bescheidene Bildqualität vieler Videos, die beim Laden Pixelstörungen hervorruft - unter Videoregisseuren „digitale Akne“ genannt -, scheint die wachsende Popularität solcher Seiten nicht zu beeinträchtigen, ebensowenig die Heimvideo-Anmutung einer wachsenden Anzahl von Clips, die aufgrund der notorisch knappen Budgets mit handelsüblichen DV-(„Digital Video“-)Kameras und nicht mehr auf Celluloid gedreht werden. Selbst MTV und Viva haben inzwischen die Meßlatte für die Aufnahmequalität von Musikvideos gesenkt: Früher wäre es undenkbar gewesen, ein mit einer einfachen DV-Kamera aufgenommenes Video in den Musikfernsehkanälen zu zeigen. Hinzu kommt, daß viele der im Netz kursierenden Clips gar nicht erst für das offizielle Musikfernsehen konzipiert werden. Das ermöglicht eine bislang unbekannte künstlerische Freiheit, die durch das Entfallen der Formatvorschriften und Zensurmaßnahmen des Musikfernsehens neue kreative Potentiale freisetzen dürfte.

Als einer des großartigsten Clips des letzten Jahres gilt etwa das Video „Coming Out Of The Closet“ von R Kelly, das aus sechs Kapiteln mit insgesamt zwanzig Minuten Länge besteht und deswegen im Musikfernsehen nur wenige Male komplett ausgestrahlt wurde. Auf R Kellys Website konnte man sich das Episoden-Werk dagegen einige Wochen lang per Mausklick in Ruhe anschauen - jetzt gibt es das Video auf DVD zu kaufen, die als ein weiteres wichtiges neues Trägermedium für Musikvideos gilt. Aber es sind nicht nur überlange, obskure oder avantgardistische Videos, die exklusiv auf dem Netz zu sehen sind. Eine neue Gattung sind die „Director's Cut“-Versionen von Musikvideos, die wegen ihrer kommerziellen Nichtverwertbarkeit von Plattenfirmen abgelehnt wurden und nun von den Regisseuren selbst ins Internet gestellt werden - etwa in den Videoblog „Antville“ (videos.antville.org/), der unter den Regisseuren als eines der wichtigsten Branchenforen gilt.

Industrie reagiert mit kostenpflichtiger Qualität

Die neue Vielzahl dieser Formate und ihre ständige Verfügbarkeit führt dazu, daß die Anzahl an „Views“, die die Ausstrahlungsfrequenz der einzelnen Musikvideos beispielsweise auf YouTube zählt, rasant ansteigt. Die Industrie hat in Teilen darauf bereits reagiert - mit Internet-Portalen, in denen man Musikvideos in guter Qualität gegen Bezahlung herunterladen kann. Seitdem Apple mit dem „Video IPod“ ein tragbares Abspielgerät veröffentlicht hat, kann man sich zum Beispiel online seine Lieblingsmusikvideos kostenpflichtig herunterladen und unterwegs anschauen. Auch die Mobilfunkindustrie nutzt die neue räumliche Unabhängigkeit des Mediums. Der letzte Schrei bei Klingeltönen sind Videotones, bei denen die Töne mit Musikvideos verbunden werden.

Die Marketingmanager der Musikindustrie frohlocken bereits angesichts der neuen digitalen Möglichkeiten. Das neuste Konzept ist etwa das „virale Marketing“, das darauf basiert, daß sich gelangweilte Internet-Nutzer unterhaltsame Videos per Mail zusenden und diese sich so virenförmig - wie ein Gerücht - verbreiten. Die wohl bisher erfolgreichste Viral-Geschichte im deutschsprachigen Raum ist das in Heimarbeit produzierte Video „Mein Sonnenlicht“ der „Grup Tekkan“, einem Amateur-Rapper-Trio aus Germersheim. Ihr Song schaffte es im März dank viraler Video-Zirkulation auf dem Internet sogar bis in die deutsche Hitparade. „Mein Sonnenlicht“ veranlaßte darüber hinaus zahlreiche Remakes, die wiederum ausschließlich im Internet zu sehen sind. Aufgrund des Preisverfalls von Videokameras sowie leicht zugänglicher Schnittsoftware für den Heim-PC kann praktisch jeder zum Regisseur werden. Der Begriff des „Citizen Journalist“, der mit dem Aufkommen der Internet-Blogs entstand und eine partizipative Form des Journalismus definierte, ließe sich hier in abgewandelter Form zum Begriff des „Citizen Directors“ erweitern. Für die Plattenfirmen seien die illegitimen Parallelversionen ein willkommener Multiplikator, so Lieberberg: „Ob Live-Mitschnitt, Antwort-Version oder Collagen mit anderen Videos - solange diese Clips online gestreamt werden und unsere Künstler damit im Gespräch gehalten werden, ist dies ein Zeichen guter PR.“

Das Musikvideo ist also keineswegs reif für den Friedhof der Mediengeschichte. Verabschieden muß man sich wohl nur von jener Sorte Videos, die mit Hollywood-Budgets gedreht werden. Dafür differenziert sich die Gattung in verschiedenste Formate und Spielformen aus: „Video skills the radio star.“

Der Autor lebt als DJ und Produzent in Berlin



Text: F.A.Z., 18.05.2006, Nr. 115 / Seite 42
Bildmaterial: youtube

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