Manoel de Oliveira zum Hundertsten

Besonderheiten eines alten Meisters

Von Walter Haubrich

Das Drehen des anderen: Manuel de Oliveira bei der Arbeit an seinem neuen Film

Das Drehen des anderen: Manuel de Oliveira bei der Arbeit an seinem neuen Film

11. Dezember 2008 Im Dezember vor zwei Jahren lud mich eine portugiesische Kollegin zu einem Abendessen mit Manoel de Oliveira ein. Da die Wohnung der Kollegin sich im zweiten Stock eines Hauses ohne Aufzug befand und Oliveira damals schon achtundneunzig Jahre alt war, planten wir, ihn am Hauseingang abzuholen. Doch früher als erwartet schellte es an der Wohnungstür: Der Filmregisseur war ohne fremde Hilfe die steilen Treppen hochgestiegen. Nach dem Essen, bei dem er viel über das Entstehen seiner Filme erzählte, bestand Oliveira darauf, allein durch die frische Winterluft Lissabons nach Hause zu laufen.

Einige Tage vor seinem hundertsten Geburtstag an diesem Donnerstag kündigte er in Madrid, wo die spanische Filmothek die meisten seiner Filme zeigte, sein neues Vorhaben an. „Besonderheiten eines blonden Mädchens“ soll dieser Film heißen, der sich auf eine Erzählung von Eça de Queiros gründet. Oliveira findet es nicht gut, wenn die Idee und das Drehbuch eines Films von dem Regisseur selbst stammen. Er hat sich die Themen seiner meisten Filme aus der portugiesischen und aus der Weltliteratur geholt, so von Paul Claudel für den Sieben-Stunden-Film „Der seidene Schuh“ und von Dante „Die Göttliche Komödie“. Mit den Dreharbeiten für den nächsten Film werde er bald beginnen. „Beim Drehen der Filme ruhe ich mich aus“, sagte Oliveira, der in Madrid zugab, sich manchmal müde zu fühlen. „In meinem Alter verwandeln sich die früheren Sicherheiten und Überzeugungen in Zweifel. Ich denke, es ist das Gleiche, an Gott zu glauben wie an die Wissenschaft und an die Intelligenz.“

Stummfilm, Tonfilm, Farbfilm - und dazwischen Weinbau

Manoel de Oliveira wurde am 11. Dezember 1908 als Sohn eines erfolgreichen Unternehmers in Porto geboren. Sein Vater nahm ihn mit in die Kinos, um Filme von Chaplin und Max Linder zu sehen. Die Familie schickte ihn auf eine Jesuitenschule in der spanischen Grenzstadt La Guardia. Mit zwanzig Jahren immatrikulierte sich Oliveira in einer Schule für Filmschauspieler. Er hätte gerne komische Rollen übernommen, bekam aber wegen seines Aussehens immer die des Galans angeboten. Am stärksten beeinflusste ihn Walter Ruttmanns „Berlin: Sinfonie der Großstadt“ (1927) bei der Vorbereitung seines ersten eigenen Dokumentarfilms, „Douro, faina fluvial“ (Arbeit am Fluss Douro), ein Werk über das Leben am großen Fluss seiner Heimatregion, der zunächst als Stummfilm, dann als Tonfilm gezeigt wurde und vor allem in Frankreich hervorragende Kritiken erhielt.

Die portugiesischen Kritiker, die sich noch jahrzehntelang mit ihrem bedeutendsten Filmregisseur schwertaten, hielten Oliveira auch bei späteren Filmen Handlungsarmut und das Insistieren auf Details vor. 1942 dreht er seinen ersten Spielfilm: „Aniki-Bóbó“. Schwierigkeiten, Geld für die Produktionskosten zu bekommen, und auch das der künstlerischen Kreativität nicht gerade günstige intellektuelle Klima während der portugiesischen Rechtsdiktatur ließen Oliveira die Filmarbeit für fünfzehn Jahre unterbrechen. Er wurde Winzer und kümmerte sich um die Erzeugung von Portwein aus den Reben der Weinberge seiner Familie am Douro-Fluss. Zwischendurch nahm er an einem Farbfilmkurs bei einer deutschen Fotofirma in Leverkusen teil.

Überlegene Gelassenheit und völlige Harmonie von Bild, Musik und Text

Von den siebziger Jahren an und vor allem nach der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 konnte er endlich kontinuierlich in Portugal Filme drehen, die dann auch bei den großen internationalen Festspielen zu Erfolgen wurden.

Zunächst entstand seine Tetralogie über die gescheiterte Liebe („Vergangenheit und Gegenwart“, „Benilde, Jungfrau und Mutter“, „Das Verhängnis der Liebe“ und „Francisca“). 1988 wurde bei dem Festspielen in Cannes „Os Canibais“ (Die Kannibalen) gezeigt, eine Art komische Oper und eine Parodie auf die sentimentale Gebrauchsliteratur. „Vale Abraão“ (1993) kam unter dem Titel „Am Ufer des Flusses“ auch in die deutschen Kinos. Oliveira kehrte anhand eines Romans von Agustina Bessa Luís in seine Heimat am Douro zurück, in ein enges Flusstal, in dem eine schöne junge Frau – in Anlehnung an Flauberts Madame Bovary Ema mit Vornamen – den Weg der Madame Bovary geht, sich die Freiheiten der Männer nimmt, doch ihre Eroberungen genießt und tragisch endet. Der Film enthüllt die Heuchelei der wohlhabenden Bourgeoisie Nordportugals, parodiert die Nutznießer der Diktatur und die dumm-dreisten jungen Verächter der Revolution. Doch Oliveira geht es vorwiegend um das Erzählen einer Geschichte, und er erzählt diese mit überlegener Gelassenheit und einer völligen Harmonie von Bild, Musik und Text, der teilweise von einer Stimme aus dem Off kommt.

Lieber langsam als mit den Auflagen der Filmindustrie

Bekannte Schauspieler wie Marcello Mastroianni, Catherine Deneuve, Irene Papas, Michel Piccoli, John Malkovich arbeiten gern mit Oliveira und äußern ihre Freude, die es ihnen bereitet, bei Filmen, die wirkliche Kunst sind, Rollen zu übernehmen. Mastroiannis letzte Rolle vor seinem Tod war die des Regisseurs Oliveira in dessen autobiografischem Film „Reise an den Anfang der Welt“ (1997). Davor hatte Oliveira den bei dem Festival von Venedig vielgelobten Film „Party“, eine differenzierte Studie über die weiblichen und männlichen Eigenschaften und ihre Zusammenstöße, gedreht. Eine Art Hommage an den von ihm sehr bewunderten Luis Buñuel ist „Belle toujours“ (2006). In „Das Rätsel Christoph Kolumbus“ (2007), in dem die These aufgenommen wird, der Entdecker Amerikas sei portugiesischer Herkunft gewesen, haben Oliveira und seine Frau wichtige Rollen übernommen.

Manoel de Oliveira hat nie Auflagen der Filmindustrie akzeptiert. Lieber arbeitet er mit weniger Geld oder verzögerte die Realisierung seiner Projekte. Gegen die kommerzielle Filmindustrie hat er aber grundsätzlich nichts einzuwenden. Sie habe zwar wenig mit seiner Arbeit zu tun, doch habe sie für den gesamten Film zumindest technologisch neue Wege eröffnet. Oliveira sagt das mit der Autorität des einzigen noch arbeitenden Regisseurs, der in der Stummfilmzeit begann.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Mona Filz, REUTERS

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Mitte Mai dieses Jahres bei den Filmfestspielen in CannesMichel Piccoli in “Belle toujours“ (2006)Szene aus “O Principio da Incerteza“ (2002)De Oliveira und Piccoli bei den DreharbeitenMit Chiara Mastroianni bei den Dreharbeiten zu “Der Brief“Mit Leonor Silveira und Diogo Doria drehte de Oliveira 1998 den Film “Inquietude“Leonor Silveira und Diogo Doria in de Oliveiras “Os Canibais“ (1988) Der gelegentlich distinguiert wirkende Herr hat auch seine unbekümmerte Seite: am selben Tag vor FotografenLuis Miguel Cintra, Filipa de Almeida und Leonor Silveira in “Um Filme Falado“ (2003)Sylvie Testud und Michel Piccoli in de Oliveiras “Ich geh' nach Hause“ (2001)... und mit John MalkovichSzene aus “Der Brief“ (1999)1991 adaptierte der portugiesische Regisseur Dantes “Göttliche Kommödie“ - mit Mario Viegas und Luis Miguel Cintra