Von Verena Lueken, Cannes
16. Mai 2008 Das Festival und alle, die hier feiern, lassen sich kein Jubiläum entgehen. Und so war zum Auftakt der Partys in diesem Jahr Gilles Jacob dran, geehrt zu werden, was das Zeug hält. Er ist der große alte Mann des Festivals, bestimmt seit dreißig Jahren dessen Lauf und Schicksal und hat es in die Richtung gebracht, in die es jetzt läuft. Gleich im ersten Jahr als Direktor führte er neben dem offiziellen Wettbewerb um die Goldene Palme die Caméra d'Or für den besten Debütfilm ein, er hat junge Regisseure wie Lars von Trier, die Coen-Brüder, Quentin Tarantino an die Croisette geholt, das iranische Kino mit Abbas Kiarostami, das asiatische mit Chen Kaige.
Er kümmert sich um junge Produzenten, er gibt eine exzellente Figur bei jedem gesellschaftlichen Ereignis ab, und er macht sogar Filme. Chacun son cinéma, die Kurzfilmkompilation zum sechzigsten Jubiläum im vergangenen Jahr, war sein Werk, und es heißt, er arbeite an seinem nächsten. Seit ein paar Jahren verantwortet er nicht mehr das Programm - das tut inzwischen Thierry Frémaux -, sondern ist Präsident des Festivals, begrüßt immer noch Gäste am Ende der Treppe mit rotem Teppich, vergibt Ehren-Palmen und gilt unumstritten als Cineast mit großem Sachverstand, ein Säulenheiliger des Kinos, in Cannes allemal.
Im kleinsten Kreis von dreihundertfünfzig Personen
Also schalteten die Studios, die er Ende der siebziger Jahre zurück nach Cannes holte, die Verleiher, Verkäufer und wer sonst noch reich und mächtig ist im Filmbetrieb, eine Anzeige nach der anderen in den Branchenblättern, um ihm zum dreißigsten Jahr mit dem Festival zu gratulieren, seine grenzenlose Vision zu rühmen, seinen Geschmack, seine Energie. Filmemacher lieferten artige Zitate, und am späten Abend beim Eröffnungsessen im allerkleinsten Kreis - was hier heißt: etwa dreihundertfünfzig Personen - gab es zwar keine Reden, aber in den Gesprächen jede Menge Ehrerbietung.
Dabei hätte eigentlich Frémaux ein wenig Aufmerksamkeit verdient gehabt, nachdem schon der zweite Wettbewerbsbeitrag Waltz with Bashir ein Film ist, wie ein Festival ihn sich nicht schöner wünschen kann (auch wenn er dann vielleicht nichts gewinnen wird) - innovativ in der Form, politisch brisant, unterhaltsam, schnell. Es ist ein animierter Dokumentarfilm von Ari Folman aus Israel und erzählt eigentlich die Geschichte seiner Entstehung.
Autobiographische Spurensuche
Wie ein albträumender Freund, der sich nachts von sechsundzwanzig Hunden verfolgt sieht und das in Zusammenhang mit seinem Einsatz im Libanon-Krieg 1982 bringt, sich an den Regisseur wendet, um ihre Erinnerungen zu vergleichen. Wie der Regisseur, der auch im Film Ari heißt, bestürzt feststellt, dass er an die Zeit seines Militäreinsatzes gar keine Erinnerungen hat. Und wie er dann Männer besucht, die damals mit ihm in Panzern saßen, wild um sich schossen oder einfach ihre Waffen fallen ließen und in Panik davonrannten, um von ihnen etwas über diese Zeit zu erfahren. Wie seine Erinnerung dann zurückkommt, nicht immer deckungsgleich mit der seiner Mitstreiter, vor allem, was die Rolle angeht, die ihre Truppe beim Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila in West-Beirut spielte, bei dem schätzungsweise dreitausend Menschen ermordet wurden.
Eine autobiographische Spurensuche also, ein etwas ausgeleierter Ansatz im Dokumentarfilm, aber was Ari hier macht, ist so ungewöhnlich, dass man sich scheut, seinen Film diesem Genre überhaupt zuzuordnen. Was man im Dokumentarfilm darf, ist eine müßige Frage, solange es der Wahrheitsfindung dient, und hier hat man den Eindruck, dass die surreale Kriegserfahrung eines sehr jungen Soldaten eine ästhetische Form gefunden hat, die ihr entspricht, grell und laut, voller bizarrer Bilder, schockhafter Übergänge, verwirrender Begegnungen.
Ari hat erst auf Realvideo gedreht und dann Bild für Bild zeichnen lassen - nicht übermalen, sondern tatsächlich abzeichnen, so dass wir keine Mischform zu sehen bekommen, sondern reine Animation, ein wenig grob, mit angsterregenden Riesenhunden, die sich organischer bewegen als die Menschen, und einem entsprechend cartoonartigen Soundtrack. Dass ein solcher Film um die Goldene Palme konkurriert, belegt, dass Persepolis, im vergangenen Jahr als erster animierter Film im Wettbewerb, keine Ausnahme war, sondern tatsächlich eine Öffnung hin zu neuen Formen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: image.net
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