Fernsehen

Abschalten: Peter Lustig hört auf

Von Michael Hanfeld

Unersetzlich: Peter Lustig

Unersetzlich: Peter Lustig

24. März 2005 Jetzt geht wirklich eine Fernsehära zu Ende. Intendanten, Moderatoren und Showgrößen kommen, gehen und fallen irgendwann der Vergessenheit anheim, zu Klassikern aber, die bleiben, auch wenn sie gegangen sind, werden sie nicht.

Das ist bei Peter Lustig anders. Er macht seit fünfundzwanzig Jahren beim ZDF „Löwenzahn“, eine der wichtigsten Sendungen des deutschen Kinderfernsehens, von Rang und Reife nur mit der „Sendung mit der Maus“ in der ARD zu vergleichen. Und nun hört er im Alter von 67 Jahren auf. Die Sendung mit dem Bauwagen selbst aber soll weitergehen. Nur fragen wir uns: Wie?

Dinge, die bleiben

Peter Lustig ist „Löwenzahn“. Ob es der Sendung jetzt so ergeht wie „Siebenstein“, dem anderen ZDF-Kinderklassiker, der seit dem Abgang der Schauspielerin Adelheid Arndt nicht mehr ist, was er war? Es gibt Dinge, die bleiben, auch wenn sich die „Zielgruppe“, also die Kinder, ständig verändert. Das ist bei dem unübertroffenen Schriftsteller Ottfried Preußler so und das ist bei Peter Lustig als Fernsehfigur nicht anders. Da kann es nur einen und niemand anderes geben.

Was man spätestens leicht erkennt, wenn man jetzt „Löwenzahn“ einschaltet und - das läuft auf dem Kika im dauernden Wechsel - zufällig eine uralte oder eine brandneue Folge erwischt. Sie unterscheiden sich nur in Nuancen, sind ansonsten aber so zeit- und alterslos wie Peter Lustig selbst. Es handelt sich hier keinesfalls um eines jener Nostalgiephänomene, bei dem Erwachsene feuchte Augen bekommen („weißt du noch, damals“, schnief), die längst keine Kinder mehr sind und die Sendung seit Jahren nicht mehr kennen. „Löwenzahn“ ist und bleibt Avantgarde, seiner Zeit voraus.

Ein frühes Wissensmagazin

Da gab es vor zwanzig Jahren schon einfache, witzige Tricktechnik zu sehen, die auch bei den Wiederholungen, die heute laufen, nicht steinzeitlich wirkt. Und wie die „Sendung mit der Maus“ war „Löwenzahn“ ein Wissensmagazin, lange bevor es den Begriff gab. Zudem ökologisch, naturverbunden, die großen Zukunftsthemen aufnehmend, ohne je schlechtgelaunte Jutesackträger heranziehen und moralinsauer belehren zu wollen.

Moritaten nach menschlichem Maß mit stets gutem Ausgang werden hier erzählt, in noch sieben neuen Folgen mit Peter Lustig, einem Spielfilm („Die Reise ins Abenteuer“) und einem Jubiläumswochenende im ZDF am 15. und 16. Oktober. Im Herbst könnte es dann auch, wie die zuständige Abteilungsleiterin Barbara Biermann sagt, bei „Löwenzahn“ mit einem Nachfolger von Peter Lustig weitergehen. Wobei wir uns, wie gesagt, immer noch fragen: wie?

Beginn als Tontechniker

Wie Peter Lustig zu seiner Aufgabe kam, ist oft erzählt worden, aber so undenkbar, daß man es immer wieder gern hört: Er war Tontechniker und dirigierte eine Sprechprobe am Mikrophon, die so überzeugend war, weil er so ausdauernd erklärte, was der Sprecher tun sollte, daß er selbst als Darsteller, später auch als Autor verpflichtet wurde. Das war 1979. Im Mai 1980 lief die erste „Löwenzahn“-Folge „Peter zieht um“.

Jetzt will Peter Lustig, der sich als Beatles- und Mozartfan ausweist und auch privat gern Latzhose trägt, „weil sie so bequem ist und in den Taschen viel Platz ist für Bastelkram“, seinen Bauwagen in Bärstadt einem anderen überlassen, der, wie Barbara Biermann sagt, „wie er die Kinder ernst nimmt und der das Format durch seine Persönlichkeit so unverwechselbar wie bisher gestalten wird“.

Tja, können wir da nur sagen, die Unverwechselbarkeit schließt eine nahtlose Nachfolge nun einmal aus, das Unkraut „Löwenzahn“ mag nicht vergehen, doch wird es ganz andere Blüten treiben müssen als Peter Lustig sie züchtete. Der zum Schluß seiner Sendung einen Einwortsatz sagte, der ihn wirklich zum Tabubrecher, unverwechselbar und unbezahlbar machte: Abschalten!

Text: F.A.Z. vom 24. März 2005
Bildmaterial: ZDF / Christiane Pausch

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