Harvey Keitel zum Siebzigsten

Bad Lieutenant

Von Michael Althen

Spielt seit über vierzig Jahren helldunkle Männerfiguren: Harvey Keitel

Spielt seit über vierzig Jahren helldunkle Männerfiguren: Harvey Keitel

13. Mai 2009 Als Harvey Keitel bei den Marines war, ist seine Einheit eines Nachts im Dunkeln ausgesetzt worden, und ihr Vorgesetzter hat ihnen gesagt: „Ihr habt Angst vor dem Dunkeln, weil ihr vor allem Angst habt, was ihr nicht kennt. Ich werde euch die Dunkelheit lehren, damit ihr keine Angst mehr davor habt.“ Das sei seine Einführung in Philosophie gewesen, sagte Keitel später - und er habe es auf seine Rollen angewandt. Immer wieder Männer, die vor der heraneilenden Dunkelheit fliehen, bis sie erkennen, dass sie sich ihr stellen müssen, versuchen müssen, sie zu begreifen - um jeden Preis, auch um den des eigenen Untergangs.

Als er 1959 die Armee verließ, heuerte er als Gerichtsstenograph an und hat stumm aufgezeichnet, wie sich die Abgründe der Stadt New York offenbarten. Er hat sich später nie über diese Zeit geäußert, aber es gehört nicht viel dazu, sich vorzustellen, dass die Erfahrungen vor Gericht in die Gestaltung der finsteren Gestalten eingeflossen sind, die er oft verkörperte. In den glatzköpfigen Gangster Mickey Cohen in „Bugsy“, für den er 1992 seine einzige Oscar-Nominierung erhielt; in den fiesen, langhaarigen Zuhälter im Unterhemd in „Taxi Driver“; und vielleicht sogar in den Judas in „Die letzte Versuchung Christi“. Natürlich stand er genauso oft auf der anderen Seite des Gesetzes, spielte Polizisten, wie sie im Buche stehen, hart gegen die anderen wie gegen sich selbst. Und weil er auf beiden Seiten des Gesetzes gleichermaßen zu Hause ist, ist es auch kein Wunder, dass seine größte Rolle ein Polizist war, der beides in sich vereint: „Bad Lieutenant“. Zu den kuriosesten Meldungen der letzten Zeit gehört jene, dass Werner Herzog ausgerechnet davon gerade ein Remake mit Nicolas Cage in der Titelrolle gedreht hat. Denn der Bad Lieutenant ist eine jener Rollen, die so untrennbar mit der Präsenz ihres Darstellers verschmolzen ist, dass eine Neubesetzung so absurd anmutet, als würde jemand versuchen, Marlon Brando im „Paten“ zu ersetzen.

Blut und Reinheit

Man muss Abel Ferraras böses kleines Meisterwerk gesehen haben, muss Keitel erlebt haben, wie er diesen Höllensturz eines durch und durch korrupten, drogensüchtigen Cops verkörpert, um zu wissen, dass auch ein Nicolas Cage in der Form von „Leaving Las Vegas“ nicht konkurrieren kann. Die Szene, wenn Keitel zwei Mädchen im Auto anhält und mit ihnen wie die Katze mit zwei Mäusen in der Falle spielt, während er gegen die Wagentür masturbiert, ist mit einer so quälenden Lust an Machtmissbrauch und Selbstentblößung gespielt, dass davor sogar der hypernervöse Pianist verblasst, den er in „Fingers“ gespielt hatte.

„Bad Lieutenant“ ist eines jener verkannten Meisterwerke, die nur abseits des Mainstream existieren können, und lange sah es auch so aus, als sei für Keitel ohnehin nur Platz an den Rändern des Filmgeschäfts, nachdem er bei „Apocalypse Now“ durch Martin Sheen ersetzt worden war. Er schlug sich in europäischen Filmen bei Tavernier, Scola und Lina Wertmüller durch, ehe er dann in den Neunzigern doch noch mal größer herauskam, in Filmen wie „Das Piano“, „Rising Sun“, „Thelma & Louise“, vor allem aber als Mr. White in Tarantinos „Reservoir Dogs“, dem er selbst auf die Sprünge geholfen hatte.

Tarantino bedankte sich, indem er Keitel in „Pulp Fiction“ die Rolle des Mr. Wolf auf den Leib schneiderte, die so haarscharf auf dem Grat zwischen Blut und Reinheit, Schuld und Vergebung angesiedelt war, dass es die reinste Freude war. Mit dem Gartenschlauch spritzte er vergnügt die blutverschmierten Kollegen John Travolta und Samuel L. Jackson ab - hoffentlich hat er an seinem siebzigsten Geburtstag am Mittwoch genauso viel Spaß.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Allstar

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Mit Robert de Niro (r.) in Martin Scorseses „Taxi Driver” (1975)Auf beiden Seiten des Gesetzes: in Abel Ferraras „Bad Lieutenant” (1992)Ein Blume für Romy Schneider in „Death Watch” von Bertrand Tavernier (1979/1980)“Blue in the Face“ (1995) von und mit Jim JarmuschIn Quentin Tarantinos “Reservoir Dogs“ mit Steve Buscemi (1992) Für seine Rolle als Gangster in Barry Levinsons „Bugsy” (1991) wurde Harvey Keitel für den Oscar nominiertIn „Fingers” von James Toback (1978)An der Seite von Robert de Niro und Sylvester Stallone in “Copland“ von James Mangold (1997)In „Das Piano” von Jane Campion (1993)Mit Samuel L. Jackson und John Travolta in “Pulp Fiction“ (1993)