15. Juli 2005 Er ist ein Komödiant mit dem Kopf eines Satans, ein Charakterdarsteller wie kaum ein anderer, einsetzbar in Thrillern, Liebes-, Piloten- und Kriegsfilmen, in politischen Dramen ebenso wie im Horrorgenre.
Was macht Hollywood mit so einem Mann? Es setzt ihn in all diesen Rollen ein, er wird berühmt, aber zu einem richtigen Star taugt er dort nicht. Er ist zu groß und war lange zu dünn, wahrscheinlich zu häßlich, auf jeden Fall zu vielseitig. Und doch ist Donald Sutherland eines der markantesten Gesichter nicht nur des amerikanischen Films seit Robert Altmans M.A.S.H. aus dem Jahr 1970.
Er hat in über hundert Filmen gespielt, unter Regisseuren, ohne die es keine nennenswerte Filmgeschichte der letzten vierzig Jahre gäbe, unter Bertolucci und Fellini, John Schlesinger, Alan Pakula und Nicolas Roeg, Louis Malle, Robert Aldrich, Clint Eastwood und anderen, weniger bedeutenden.
Casanova und einsamer Detektiv
Wir verbinden sein langgezogenes Gesicht mit den großen Zähnen und stechenden Augen mit Casanova, den er für Fellini spielte, mit dem wahnsinnigen Faschisten, den er in Bertoluccis 1900 idealtypisch porträtierte, mit dem einsamen Detektiv in einer Welt nach Philip Marlowe, der er in Klute war, und so könnte man die Liste fortschreiben und bei der Liebesszene in Wenn die Gondeln Trauer tragen von Nicolas Roeg eine Pause machen, jener Szene, an der sich seitdem alle Liebesszenen, in denen ein Mann, eine Frau und ein Bett eine Rolle spielen, messen lassen müssen.
Doch trotz dieser vielen großen Parts kämen wir immer wieder zu demselben Ergebnis - daß nämlich Donald Sutherland, dem wir so zahlreiche verschiedene Figuren glauben, selbst in unserem eigenen Gedächtnis ein bißchen die zweite Geige spielt. Der Grund für diese inkonsequente Wahrnehmung ist gerade die Wandlungsfähigkeit, die wir so bewundern. Wer in Buffy - The Vampire Slayer ebenso eine Rolle spielt wie in Rebecca Horns Buster's Bedroom, ist so etwas wie ein charakterloser Charakterschauspieler, dem wir gern und oft auch mit offenem Mund zuschauen, wenn er in einem Film auftaucht, an den wir aber nicht denken, wenn er fehlt.
Eine bewußte Entscheidung
Das ist, wenn man seinen eigenen Aussagen glauben kann, das Ergebnis einer bewußten Entscheidung, die Sutherland schon früh in seiner Laufbahn getroffen hat: Sich seinen Regisseuren nämlich völlig zu überantworten, in einer Selbstaufgabe, die dem Wesen eines Stars, der immer vor allem auch er selber bleibt, fremd sein muß. Daß der Kanadier heute noch in Quebec lebt und nicht auf der anderen Seite des Kontinents in Rufweite Hollywoods, mag ein übriges getan haben, daß heute, wenn die Rede auf Sutherland kommt, viele an Kiefer denken, Donald Sutherlands Sohn.
Vielleicht aber wird der Vater uns noch überraschen. Er arbeitet viel, allein für die Jahre 2005/2006 sind acht Produktionen angekündigt, in denen er mitwirkt oder mitgewirkt hat. Eine davon ist etwas Neues in der langen Karriere von Donald Sutherland, eine Fernsehserie nämlich, die unter dem Titel Commander-in-Chief Geena Davis in der Rolle des ersten weiblichen Präsidenten der Vereinigten Staaten zeigt. Sein Part wird unter den ersten zehn Rollen genannt, wieder einmal nicht ganz oben. Am 17. Juli feiert Donald Sutherland seinen siebzigsten Geburtstag.
Text: F.A.Z. vom 16. Juli 2005
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa