Von Regina Schilling
19. Dezember 2004 Es war, als hätte der Wind Mary Poppins ans Gartentor geweht, dann gewartet, bis sie es geöffnet hatte, um sie dann hochzuheben und mitsamt der Reisetasche und allem übrigen vor die Haustür zu schleudern. Die Kinder hörten ein furchtbares Plumpsen. Das ganze Haus zitterte, als die Gestalt vor der Tür landete.
Parallelen von der Kinderbuchfigur Mary Poppins zum neuen RTL-Star Die Super Nanny liegen auf der Hand, sind im RTL-Trailer auch angelegt. Mary Poppins wie die Super Nanny brechen ins Leben der von ihnen zu betreuenden Kinder ein wie eine Naturgewalt, genauso abrupt verschwinden sie wieder. Mary Poppins ist ebenso streng wie die Super Nanny, stellt ihre eigenen Regeln auf, schüttelt den Kopf und rümpft die Nase über die Zustände im Haus der Familie, die sie heimsucht. Doch da hören die Gemeinsamkeiten schon auf. Die Super Nanny kann weder mit ihrem Schirm durch die Gegend fliegen, noch springt sie mit ihren Schützlingen in ein Gemälde und läßt dieses dann lebendig werden.
Sie mag keine Kinder
Der größte Unterschied zu Mary Poppins: Die Super Nanny mag keine Kinder, sie tut nur so. Würde sie sonst Kameras an Kinderzimmerdecken installieren lassen, damit fünf Millionen Zuschauer zwischen Faszination und Entsetzen den kleinen Max dabei beobachten können, wie er tobt, weint, schreit, sich gegen die Tür schmeißt und irgendwann vor Verzweiflung aufgibt? Würde sie sich mit der Mutter verkabeln lassen und dieser Kommandos ins Ohr soufflieren?
Damit eins klar ist: ich war ein Fan der ersten Big-Brother-Staffel, ich finde Dschungel-TV nicht menschenverachtend, sondern unterhaltsam. Unvergessen Costa Cordalis, wie er Gitarre spielend auf der Hängebrücke aus dem Camp auszog. Bei diesen Formaten haben erwachsene Menschen eine Entscheidung getroffen, die zumindest halbwegs wissen, worauf sie sich einlassen. Sie wollen Geld, Ruhm, einen Egotrip, Abenteuer. Bitte, sollen sie haben, und ich darf mich auf ihre Kosten amüsieren.
Sie sind nicht gefragt worden
Aber diese kleinen Kinder, wissen die, worauf sie sich einlassen? Sie sind ja nicht einmal gefragt worden. Wohl niemand will dabei gefilmt werden, wie er in einer von der Super Nanny so deklarierten Wuthöhle sitzt und vor sich hin heult, und die ganze Zeit läuft die Kamera (natürlich wieder mit diesem voyeuristischen Grünlicht der Nachtsichtkamera, ansonsten bevorzugt im Einsatz bei Dokumentationen über Fledermäuse und Ratten). Das schlimme daran: keiner regt sich auf - bis auf den Kinderschutzbund, der eine sieben Seiten lange Stellungnahme an die Presse gab, die aber, mit zweimonatiger Verspätung, in den Medien eher milde belächelt wird. Was gibt es zu belächeln, wenn man die Würde des Kindes einfordert?
Was passiert, ist das Gegenteil. Endlich werde wieder darüber diskutiert, daß Kinder Regeln brauchen, daß Eltern Autoritätspersonen sein müssen, lese ich. Eltern heute hätten ihre Intuition für Erziehung verloren. Wann, bitte, haben sie die je gehabt? In Zeiten der schwarzen Pädagogik etwa, um die Jahrhundertwende?
Sie werden vorgeführt
Kann sich niemand mit den Kindern identifizieren, sondern nur mit den Eltern? Fällt niemandem auf, wie das randalierende Kind die Kamera haßt? Wie viele Einstellungen sind wohl in der Festplatte des Schnittcomputers begraben, die zeigen würden, wie sich die Kinder gegen die Kamera wehren? Haben alle vergessen, wie sich das anfühlte, wenn man im Kindergarten, in der Schule, zu Hause vor Freunden der Eltern vorgeführt wurde? Und jetzt gleich vor einem kompletten Filmteam, also mindestens Kameramann/-frau, Ton, Assistenten und so weiter, und am Ende vor fünf Millionen Zuschauern.
Wie kann ein Günther Jauch, der vermutlich sofort Klage einreicht, wenn seine Kinder nur von hinten fotografiert werden, Woche für Woche in Stern-TV die Quoten für die Serie in die Höhe treiben, indem er die Super Nanny einlädt, Beiträge produziert, die pseudodokumentarisch das Idyll der von der Super Nanny Heimgesuchten behaupten?
Dem Fernsehen zum Fraß vorgeworfen
Womit wir bei der Rolle der Eltern wären: Gibt es da vielleicht einen kausalen Zusammenhang zwischen der Tatsache, daß die Eltern extrem verhaltensgestörte Kinder haben, und der Tatsache, daß sie ihre Kinder dieser Dokusoap zum Fraß vorwerfen?
Was ich sehe, sind komplett überforderte Eltern, die mir fast - aber auch nur fast - so leid tun wie die Kinder. Denn die Eltern machen mich auch wütend. Ihnen scheint eine Fähigkeit abzugehen, die die Teilnahme an einer solchen Sendung verhindern würde: Empathie. Wen man verantwortlich machen muß, ist der Sender RTL. Ach, käme doch nur Mary Poppins mit ihrem Regenschirm, befreite die Kinder aus den Klauen der Super Nanny und flöge mit ihnen über die Dächer dieser verkommenen Welt.
Die Autorin ist Jugendbuchautorin und Dokumentarfilmerin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.12.2004, Nr. 51 / Seite 29
Bildmaterial: RTL