Helmut Käutner zum Hundertsten

Der Meister des Wenn, Aber und Vielleicht

Von Michael Althen

20. März 2008 Der Mann hat die schönste Szene der deutschen Filmgeschichte gedreht - und auch wenn Helmut Käutner sonst nichts gemacht hätte, gebührte ihm dafür ein Platz in unserem Herzen. Der Film heißt „Unter den Brücken“, wurde 1944 gedreht und verweigert sich der Realität des Krieges, in dem er vom Wasser aus auf die Welt - und den Mädchen unter die Röcke - blickt. Käutner erzählt von zwei Männern (Carl Raddatz und Gustav Knuth), die auf ihrem Schleppkahn unterwegs sind. Dann landet eine junge Frau (Hannelore Schroth) auf ihrem Boot - und nichts ist wie zuvor.

Es gibt in dem Film eine Szene, in der Raddatz die Schroth in ihrer Berliner Wohnung besucht. Er bringt ihr Kornblumen, sie macht ihm Kartoffelpuffer, und hinterher bietet sie ihm an, seine Finger vom hartnäckigen Teer unter den Nägeln zu säubern. So beugen sie sich also gemeinsam über eine Schüssel mit Seifenlauge, und während sie ihm die Finger schrubbt, blickt er sie an und sieht, wie ihr immer wieder eine Haarlocke in die Stirn fällt. Nach einiger Zeit kann er nicht mehr an sich halten und pustet ihr die widerspenstige Locke einfach aus der Stirn. Woraufhin sie empört den unvergleichlichen Satz sagt: „Sie können mich doch nicht einfach anpusten.“ Und Raddatz antwortet: „Entschuldigen Sie. Ich musste einfach . . . die Locke . . . Ich mach's nicht mehr.“

Nicht mehr gepustet

Und dann schrubbt sie weiter, und wieder fällt die Locke in die Stirn, und Raddatz ist wieder versucht, aber kann sich noch bezähmen. Da schielt sie hinauf zu ihrer Locke und dann zu Raddatz - und nach einer kleinen Ewigkeit dieses Blickwechsels sagt Raddatz ganz kleinlaut: „Hab' nicht mehr gepustet.“ Unterdessen ist es Abend geworden, und die Kamera fährt aufs offene Fenster zu und blickt auf die Zigarrenreklame auf der gegenüberliegenden Wand und die Bahnlinie, als wollte sie unsere Gefühle mit hinaustragen in den Himmel über Berlin.

Diese wunderbare Liebesszene, deren Anzüglichkeiten - „Machen Sie Ihre Finger doch nicht so steif!“ - haarscharf an Lubitsch vorbeischrammen, aber nie die unendliche Zärtlichkeit des Moments verderben, verdankt sich ganz den leisen Tönen, auf die zu hören das Kino im Dritten Reich längst verlernt hatte. Es gibt noch eine weitere Szene, in der die Schroth Angst vor den ungewohnten nächtlichen Geräuschen auf dem Kahn hat und Raddatz ihr alle erklärt: den Wind im Schilf, das Knarren der Taue, das Glucksen des Wassers; und wie er sie alle nachmacht, das ist fast schon ein Lied. Poetischen Realismus nannte man das bei den Franzosen, und „Unter den Brücken“ muss in dieser Hinsicht keinen Vergleich scheuen.

Erst nach dem Krieg aufgeführt

Aber der Film kam nicht mehr ins Kino, sondern wurde erst nach dem Krieg aufgeführt, und auch wenn seine Meriten gesehen wurden, schien die Zeit an ihm vorbeigeeilt. Die Frage ist trotzdem, warum „Unter den Brücken“ so folgenlos geblieben ist, warum an diese Tradition des genauen Hinsehens und -hörens keiner wirklich angeknüpft hat, sondern das deutsche Kino geschlossen in den Studiomief der fünfziger Jahre marschierte, in dem um so weniger frischer Wind wehte, je tiefer es sich in den Silberwald einer zwanghaft heilen Welt hinein begab. Die viel schmerzlichere Frage ist jedoch, warum auch Käutner selbst nie wirklich an sein Meisterwerk von 1944 anknüpfen konnte. Natürlich hat er noch ein paar tolle Filme gemacht, aber so groß wie dieser war keiner mehr, und viele blieben sogar weit dahinter zurück. Käutner ist der große Regisseur des westdeutschen Kinos, aber kein Großer des Weltkinos geworden.

Ursprünglich hatte ihn das Kino gar nicht sonderlich interessiert. Der am 25. März 1908 in Düsseldorf geborene Käutner war schon zu Schulzeiten ins Theater vernarrt; in den dreißiger Jahren gelang ihm mit dem literarischen Kabarett der „Vier Nachrichter“ eine beachtliche Karriere. Zum Film kam er erst Ende der Dreißiger übers Drehbuchschreiben. Aber seine Kabarettistenvergangenheit scheint in manchen seiner Filme aus den fünfziger Jahren immer wieder durch. Mehr als viele andere deutsche Regisseure gefiel er sich darin, als allwissender Erzähler sein Publikum an die Hand zu nehmen. Am Ende von „Monpti“ (1957) sitzt er gar höchstselbst in einem Pariser Straßencafé und deutet Romy Schneiders tragisches Geschick ins unverbindlich Philosophische. Aber auch sonst spricht er gerne zu uns, sei es als Stimme des Automobils, dessen Weg durchs Dritte Reich er mit „In jenen Tagen“ nachzeichnet, sei es in „Himmel ohne Sterne“, wo er anfangs versichert, diese Liebesgeschichte an der Grenze von West und Ost sei nicht authentisch, aber sie könnte sich so zugetragen haben.

Geschichten mit beschränkter Haftung

Nichts gegen Erzähler im Film - aber bei Käutner wirkt es wie eine Kabarettisten-Idee, die erst mal Distanz zwischen den Zuschauer und das Geschehen legt. So als seien die Geschichten nur mit beschränkter Haftung zu sehen. Und irgendwie scheint das symptomatisch für die Art und Weise, mit der sich das deutsche Kino nach dem Krieg der Wirklichkeit näherte: Immer ein Wenn, Aber und Vielleicht in der Hinterhand, als habe man aus der Vergangenheit den Schluss ziehen müssen, dass der Realität nicht zu trauen ist. Als seien es eben die Umstände und nicht das eigene Handeln oder Nichthandeln gewesen, die das Land ins Unglück führten.

Aber womöglich sollte zu Käutners Jubiläum nicht die Frage im Vordergrund stehen, was sein Kino alles nicht geleistet hat, sondern was seine Filme dann doch vor anderen auszeichnet. Warum etwa François Truffaut Curd Jürgens in „Des Teufels General“ unerträglich fand, ist noch heute unbegreiflich. Denn der Film besticht ja nicht nur durch seine phänomenale Choreografie, mit der er die nächtliche Feier der Fliegerstaffel bis ins Morgengrauen verfolgt, sondern auch durch die Art, mit der Curd Jürgens ein deutsches Mannsbild in geradezu John-Wayne-hafter Manier verkörpert. Er hat genau jene Präsenz, die sich nicht im Poltern genügt, sondern auch Abgründe der Lebensmüdigkeit abbildet.

Für zwei Filme nach Amerika

Kein Wunder, dass Hollywood Käutner danach für zwei Filme nach Amerika holte. Er habe, sagte er später, dort zu sehr versucht, „a good boy of the company“ zu sein, und er ging zurück, als man ihm einen Western-Stoff anbot. Dieser Hochmut reute ihn später, denn dass Western große Volkskunst sein können, sei ihm damals noch nicht klar gewesen. Genau dieses Missverständnis erklärt womöglich, warum aus den deutschen Heimatfilmen nie Western werden konnten - es war eben nicht nur die „frontier“, die ihnen fehlte.

Käutner hat sich der deutschen Vergangenheit („Die letzte Brücke“) wie der Gegenwart („Himmel ohne Sterne“) gestellt; er konnte dem Affen Zucker geben („Der Hauptmann von Köpenick“) und verhob sich auch mal an Großprojekten („Ludwig II.“). Und er war insofern immer ein wenig der „good boy of the company“, als er nie müde wurde, Konfektion und Ambition zu versöhnen.

Gefangen in ihren Körpern

In seinem letzten Kinofilm ist ihm das nach damaliger Kritikermeinung am spektakulärsten misslungen. „Die Rote“ ist eine Alfred-Andersch-Verfilmung, in der Ruth Leuwerik eine liebesmüde Frau spielt, die vor ihren beiden Liebhabern nach Venedig flieht. Andersch, der am Drehbuch mitgeschrieben und sich mit Käutner nach der Premiere zerstritten hatte, war immer schon ein Fan von Antonioni gewesen. Und so musste sich dieser Film aus dem Jahr 1962 ungerechterweise mit dem gleichzeitig entstandenen „L'Eclisse“ messen.

Aber „Die Rote“ ist nicht halb so misslungen, wie man damals glaubte, auch wenn der innere Monolog der Frau hier wieder einmal zu verhindern scheint, dass sich der Film richtig auf seine Geschichte einlässt. Und irgendwie kann Ruth Leuwerik, die hier endlich mal die Chance gehabt hätte, auch nie richtig aus ihrer Haut; als Gestrandete im winterlichen Venedig wirkt sie weniger mysteriös als mürrisch. Aber gerade darin ist „Die Rote“ auch wieder interessant: als Zeitbild nicht nur gesellschaftlicher Neurosen, sondern einer ganz konkreten Art, sich durch die Welt zu bewegen. Man kann in Käutners Film deutlich sehen, wie gefangen die Deutschen in ihren Körpern waren, wie unfrei sie sich bewegt haben. Man muss sich nur mal vor Augen halten, dass damals Käutner und Antonioni, Ruth Leuwerik und Monica Vitti womöglich in derselben Stadt gedreht haben, um die physische Unmöglichkeit mit Händen greifen zu können, dass der Deutsche es dem Italiener hätte gleichtun können.

Aber für einen Platz im Herzen reicht es eben doch, wenn man auch nur einen wirklich großen Film gemacht hat. Und den kann Käutner keiner mehr streitig machen.



Text: F.A.Z., 20.03.2008, Nr. 68 / Seite 42
Bildmaterial: CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/ Sammlung Richter, Cinetext/LB, Cinetext/Sammlung Beyl

 
Käutners größtes Werk: “Unter den Brücken“ (1944) mit Hannelore Schroth und G... Ruth Leuwerik in “Die Rote“ (1962) Curd Jürgens als “Des Teufels General“ (1955) Heinz Rühmann als “Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) Helmut Käutner 1974 Hannelore Schroth in “Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) “Frau nach Maß“ (1940) mit Leny Marenbach und Hans Söhnker “Die Feuerzangenbowle“ (1970) mit Uschi Glas und Walter Giller “In jenen Tagen“ (1947) mit Ida Ehre Helmut Käutner mit Erika Pluhar in “Tatort: Der Richter in Weiß“ (1971) Mit Romy Schneider und Horst Buchholz während der Dreharbeiten zu “Monpti“ (1... Käutner in Hollywood - 1957 mit Erich Maria Remarque Käutner als “Karl May“ (1974) “Himmel ohne Sterne“ (1955) mit Erich Ponto und Eva Kotthaus “Ludwig II. - Glanz und Ende eines Königs“ (1954), mit Klaus Kinski (l.) und ... Gustaf Gründgens in “Das Glas Wasser“ (1960) “Die Zürcher Verlobung“ (1957) mit Liselotte Pulver, Bernhard Wicki, Maria Se... “Der Traum von Lieschen Müller“ mit Cornelia Froboess (1961) Ilse Werner in “Große Freiheit Nr. 7“ (1943/44) Helmut Käutner, 1908 - 1980