Stauffenberg-Film

Wir in ihren Augen

Von Frank Schirrmacher

02. September 2007 Wie viele seiner Kollegen sieht sich Bryan Singer, der zuletzt „Superman Returns“ gedreht hat, seine Filme im Kino nicht mehr an. Tom Cruise geht manchmal unbeobachtet in Filmvorführungen. Man kennt jede Szene, jede Einstellung, jedes Wort, sagt Singer, wieder und wieder. Man gibt sich solche Mühe mit Ton und Bild; und dann ist es im Kino total übersteuert, und die Leinwand vergilbt, sagt Tom Cruise.

Die Deutschen haben ihren eigenen Film. Wieder und wieder: das Dritte Reich, der Untergang, der 20. Juli. Die Deutschen haben Hitler und sein Reich als Kino im Kopf. Sie kennen jede Einstellung, jedes Wort, jede Szene. Weil das Dritte Reich sich selbst als Film begriff, läuft es ab wie in einer Endlosschleife. Ungezählte Filme, Dokumentationen und all die Wissenschaftler, aber es scheint immer wieder von vorne zu beginnen. Man gibt sich solche Mühe, und dann ist die Leinwand vergilbt.

Original und Fälschung

Drei immer noch relativ junge Männer namens Bryan Singer, Jahrgang 1965, Tom Cruise, Jahrgang 1962, Christopher McQuarrie, Jahrgang 1968, die sich in diesem Augenblick in Babelsberg befinden - dort, wo Goebbels das Dritte Reich in unseren Köpfen erfand -, waren in diesem System nicht vorgesehen. Jetzt verändern sie das System. Zwei Finger an Tom Cruise' linker Hand sind von einer schwarzen, gummiartigen Substanz überzogen. Wenn er beim Essen gestikuliert, wirken sie wie ein geheimer Code für geheime Eingeweihte. Allerdings kein Code für den Verfassungsschutz. Es sind die Markierungen, an denen der Regisseur später die Finger abschneiden wird. Stauffenberg fehlten zwei Finger der linken Hand. Im Film werden sie Tom Cruise durch Bildbearbeitung amputiert.

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Original und Fälschung: Finden Sie die Fehler, die sich im rechten Bild versteckt haben. Jeder kennt diese Bilderrätsel. So ungeheuer ähnlich ist der amerikanische Schauspieler Tom Cruise dem historischen Bildnis Stauffenbergs, dass es einzig diese schwarze Markierungen sind, die sein Äußeres vom Original unterscheiden. Wir sind mit der Ikone Stauffenberg groß geworden. In fast jedem Geschichtsbuch gab es immer wieder die zwei gleichen Fotos: Stauffenberg im Profil und das berühmte Foto vom 15. Juli 1944, das einzige, das Stauffenberg und Hitler zusammen zeigt. „Schauen Sie sich an, wie er dasteht“, sagt Tom Cruise, als läge das Foto vor uns auf dem Tisch, „Stauffenberg steht extrem aufrecht, leicht nach rechts gewendet, aber wirklich auffällig aufrecht. Und er trägt die Aktentasche, in der fünf Tage später die Bombe hochgeht.“

Wer ihn auf dem Set beobachtet, kann keinen Zweifel haben, dass Tom Cruise dieses Foto bis in alle Details der Körpersprache studiert hat. Er ist für ein paar unwirkliche Momente Stauffenberg, aber er ist auch Tom Cruise. Auch Cruise ist eine Ikone und ohne Zweifel einer der berühmtesten Menschen der Gegenwart. Wenn Ruhm, diese einst militärisch-ästhetische Kategorie, eine aktuelle Entsprechung hat, dann in ihm. Und es streift einen eine Ahnung von der möglichen Wirkung dieses Films, wenn einem diese Ikone der Gegenwart nicht nur in der Uniform eines deutschen Wehrmachtsoffiziers, sondern auch noch mit der Maske Stauffenbergs begegnet, um, während eines langen Nachmittags, über Hitler und Roosevelt, über Albert Speer und Major Remer und die stillstehende Zeit zwischen 1945 und 1989 zu sprechen.

Cruise: „Ich traue Speer nicht“

„Das Deutschland des Jahre 1944 war nicht auf einem anderen Planeten, es war nur weit von Amerika entfernt“, sagt Tom Cruise, während sein Jugendfreund, der die Küche betreut, eine wirklich unfassbare und unvergessliche Torte serviert. „Er hat mir versprochen, mich mitzuziehen, wenn er Karriere macht“, sagt Cruise über den Koch, und der fühlt sich bemüßigt, zurückzukommen und vertraulich zu erklären: „Glauben Sie Tom nicht. Kein Wort wahr. Es war umgekehrt. Tom hat die Karriere gemacht, und ich bin seit dreißig Jahren dabei. Ich bin jetzt weit über sechzig. Immerhin ist Tom genauso alt wie ich.“

Tom Cruise und Bryan Singer - geboren in New York und ein Mann, der seit seinem Film „Die üblichen Verdächtigen“ zu Recht als einer der klügsten Regisseure Hollywoods gilt - wissen nicht nur, wovon sie reden, sie wissen mehr davon als der Großteil der deutschen Öffentlichkeit. „Ich traue Speer nicht“, sagt Cruise, „er war am Abend des 20. Juli am Bendler-Block aber sein Bericht wirkt so künstlich.“ Beim Verwandeln nackter Daten und Fakten in den Film werden Wahrscheinlichkeiten neu sortiert, bestimmte Behauptungen stellen sich als unlogisch oder gar unmöglich heraus, und dazu zählt auch Speers Behauptung, am 20. Juli trotz der Nachricht vom Attentat bis zum frühen Nachmittag normal weitergearbeitet zu haben. Singer rekapituliert, aus dem Kopf, die selbst für Eingeweihte komplizierten Beziehungsstrukturen zwischen militärischem und zivilem Widerstand.

Vergnügungs- und partysüchtige Amerikaner?

Sähe man den Regisseur irgendwo in Berlin-Mitte, man würde ihn für den Szenekritiker des deutschen „Vanity Fair“ halten können, der sich im „Grill Royal“ über die Editorials seines Chefs beschwert. Tut er aber nicht und ist er auch nicht: Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht. Es wäre jetzt, September 2007, an der Zeit, endlich anzuerkennen, was das Ausland, was neunundneunzig Prozent der Zuschauer auf der Welt denken: dass bis 1945 jeder einzelne Deutsche an Adolf Hitler glaubte, ihn verehrte, seine Taten billigte und die Ermordung der europäischen Juden guthieß.

Selbst diejenigen, die wie der geniale Drehbuchschreiber Christopher McQuarrie von Widerstand und Attentat wussten, übernahmen die bis heute im Ausland gängige Lesart, die von Winston Churchill stammt. Als die Meldung vom Attentat bekannt wurde, sagte Churchill, es handle sich um „Ausrottungskämpfe innerhalb der deutschen Führung“, die britische und amerikanische Presse vermutete in einer ebenfalls bis heute allgemein akzeptierten Deutung des Geschehens, die „Junker“ hätten „einen verzweifelten Versuch unternommen, sich selbst und ihre Privilegien zu retten“.

In der deutschen Öffentlichkeit ist, befeuert vom Leiter der Gedenkstätte 20. Juli, der Eindruck entstanden, irgendwo in Potsdam hätten sich ein paar vergnügungs- und partysüchtige Amerikaner versammelt, um aus dem 20. Juli eine Art Hollywood-Thriller zu machen. Das ist nicht nur im höchsten Maße ungerecht, es ist ein in seiner Anmaßung geradezu verhängnisvoller Irrtum. Christopher McQuarrie, der Autor von „Valkyrie“, hatte 2002 die Ausstellung im Bendler-Block besucht, weil er gehört hatte, dies sei der einzige Ort, der deutschen Helden gewidmet sei. Sofort ahnte er die Story. Den Namen Stauffenberg hatte er noch nie gehört, er wusste nur, ein Soldat mit Augenklappe sei ein Held gewesen. Jetzt sah er, mit den Augen des Filmemachers im Bendler-Block stehend, was sich hier einst abgespielt hatte. Fast drei Jahre lang, seit Frühjahr 2004, hat er zusammen mit Nathan Alexander an dem Buch geschrieben.

Die Gerechtigkeit Hollywoods

„Es geht immer weiter“, sagt Tom Cruise, „das Netz des Wissens wird immer enger.“ Und dann sagt Cruise, was alle sagen, die mit diesem Film zu tun haben: „It began as a movie, but it turned out to become something different - Es begann als Film, aber es wurde etwas anderes.“ Das sagen nicht nur diese drei. Das sagt Paula Wagner, die Chefin von United Artist, und es sagt Gilbert Adler, einer der Mitproduzenten des Films. Gilbert Adler ist froh, dass seine Frau mit nach Berlin gekommen ist. Er hätte als jüdisches Kind im Dritten Reich keine Chance gehabt. Vor ein paar Tagen sei er in Berlin-Mitte über die im Pflaster eingelassenen Gedenksteine gestolpert. Drei Namen von Ermordeten, die Eltern und ihr Kind. „Das zwölfjährige Kind“, sagt Gilbert Adler, „wurde drei Monate vor den Eltern deportiert.“ Auch Adler sagt, dass dies mehr ist als ein Film. Es ist die für uns womöglich in ihrer absoluten Verblüfftheit schmerzhafte, aber nichtsdestoweniger bedeutsame Entdeckung Hollywoods, dass es Menschen im Dritten Reich gab, die Hitler töten wollten.

Der jüdisch-amerikanische Regisseur Bryan Singer rühmt die Unterstützung, die er von Deutschland erhält, auch als seine Mutter anruft und ihn fragt, ob er aus Deutschland ausgewiesen worden sei. Die Nachricht über das Drehverbot im Bendler-Block wird immer monokausaler, je länger sie unterwegs ist: Am Ende klingt es so - und das wäre noch eine harmlose Variante -, dass Deutschland keinen Film über Leute wolle, die Hitler töten wollten.

Florian Henckel von Donnersmarck hat darauf hingewiesen, was es weltweit bedeutet, wenn ein Mann wie Tom Cruise Stauffenberg spielt. Die von einigen sofort verhöhnte Kategorie des Ruhms ist hier die einzig relevante. Helden gibt es im Kino. Ein Held der Gegenwart spielt in der moralisch düstersten Zeit deutscher Geschichte einen Deutschen, um dessen heldenhaftes Tun verständlich zu machen. Das geschieht ohne Zweifel auch mit den Mitteln des großen Kinos: Nina Stauffenberg, der so oft Vergessenen, wird in diesem Film, wenn nicht alle Zeichen trügen, die Gerechtigkeit Hollywoods widerfahren.

Vielleicht ein Missverständnis

Wer Cruise sieht, wie er Stauffenberg spielt, wie er die Behinderung verinnerlicht, wer die ganz alltäglichen und dabei doch brillanten Dialoge hört („Du machst einen guten Bürokraten, Stauffenberg“ - „Das ist der einzige Moment, wo ich mich erholen kann“), kann eine Wette eingehen: Dieser Film wird uns nicht nur eine Saison beschäftigen, er wird das Bild Stauffenbergs für Jahrzehnte und das historische Bild Deutschlands in vielen Ländern prägen. „Wir wollen im Bendler-Block einen Schnitt zwischen dem Berlin von heute und dem Berlin von gestern machen“, sagt Singer. „Das kann man am Computer nicht simulieren.“

Deutschland tut auf sonderbare Weise so, als gäbe es keinen Bendler-Block mehr. Wir schneiden ihn buchstäblich aus diesem ehrenwerten Film heraus. Es ist nicht richtig, nach den religiösen Überzeugungen eines Schauspielers zu fragen, wie sonderbar sie uns auch scheinen mögen. Es ist auch nicht richtig zu erklären, die Amerikaner wären dem Stoff nicht gewachsen. Hier ging vieles durcheinander. Vielleicht ein Missverständnis. Aber dieser Film hat das Missverständnis nicht verdient. Es könne sonst, wenn der Film lebt und Wirklichkeit geworden ist, zu einem Missverständnis über uns selber werden. Indem wir Cruise und Singer nicht im Bendler-Block drehen lassen, verweigern wir ihnen nicht nur den historischen Ort, sondern die Wirklichkeit.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, CINETEXT, dpa, picture-alliance/ dpa

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