29. Mai 2006 Wenn man Ken Loach trifft, wundert man sich als erstes darüber, wie wenig er dem Bild gleicht, das man sich von ihm gemacht hat. Loach, der mit ruhiger, etwas brüchiger Stimme und vorsichtiger Gestik spricht, ist das, was man einen Gentleman nennt, ganz anders als die bulligen, in breitem Cockney kauderwelschenden Hauptfiguren seines Kinos. Das Milieu der britischen Arbeiterklasse, das Loach in Riff-Raff, Ladybird, Ladybird, Sweet Sixteen und anderen Filmen mit leidenschaftlicher Genauigkeit erkundet, ist also mitnichten autobiographisches Terrain, sondern ein Produkt der Kunst. Seiner Kunst.
Ken Loach, vor knapp siebzig Jahren im englischen Nuneaton in Warwickshire geboren, ist der große Neorealist des zeitgenössischen Kinos. Und weil der Neorealismus eine Stilform der Vergangenheit ist, haben auch Loachs Filme etwas grundsätzlich Konservatives. Sie kommen ohne Spezialeffekte aus, ohne aufgemotzte Verfolgungsjagden, ohne voyeuristische Mätzchen, ohne pubertäre Witze, ohne cineastische Anspielungen, ohne Videoklamauk. Das gefällt nicht jedem, und es gibt Kritiker, für die Loach ein rotes Tuch ist. Aber das erwachsene Publikum der Programmkinos weiß den Wirklichkeitsgehalt seiner Filme zu schätzen, und auch Festivaljurys sind offenbar dafür empfänglich, wie die Goldene Palme von Cannes beweist, die dem Regisseur am Sonntagabend für sein neues Werk The Wind that Shakes the Barley verliehen wurde.
Führt Geschichten auf den Kern zurück
The Wind that Shakes the Barley erzählt, wie die meisten Filme von Loach seit seinem Kinodebüt mit Poor Cow (1967), eine Familiengeschichte, diesmal vor dem Hintergrund des irischen Unabhängigkeitskampfes Anfang der zwanziger Jahre. Hier sind es zwei Brüder, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, aber es können auch, wie in Raining Stones und The Navigators, ein paar Arbeitskollegen mit ihren Frauen und Kindern sein oder, wie zuletzt in Ae Fond Kiss, ein Pakistani, seine Eltern und seine englische Freundin. Bei Loach wird das, was in den Fernsehnachrichten Geschichte heißt, auf seinen Kern zurückgeführt, auf Konflikte zwischen Leuten, die sich nahestehen, und auf den Haß zwischen Menschen, die sich nicht kennen.
Dabei läßt der englische Regisseur kein Mittel unversucht, um der Realität ihr Geheimnis abzuluchsen. Berühmt ist die Anekdote von den Dreharbeiten zu Raining Stones, in der ein nackt in der Badewanne liegender Schauspieler dreimal um Wiederholung der Szene gebeten wird, bis er sich beim vierten Take unverhofft einer Gruppe verschleierter Araberfrauen gegenübersieht. Die Einstellung ist im Film zu sehen, und das Erstaunen auf dem Gesicht des Mannes ist echt, ebenso wie die Trauer des jungen Billy um seinen toten Falken in Kes (1969), vielleicht dem besten Film, den Ken Loach je gedreht hat. Seither kämpft er mit einer Beharrlichkeit, die sich auch durch kommerzielle Rückschläge nicht beeindrucken läßt, um das Abbild der Wirklichkeit im Kino. Die Goldene Palme hat er sich damit schon lange verdient.
Text: F.A.Z., 30. Mai 2006
Bildmaterial: Cinetext/Mona Filz