Von Monika Osberghaus
09. April 2006 Sorgfältig setzt die Maus einen Schritt vor den anderen, und manch einer kennt das Klack-Klack ihrer stämmigen Füße nun seit fünfunddreißig Jahren. Wenn sie sich etwas anschaut, hält sie inne, klappt die Augendeckel in aller Ruhe zu, dann wieder auf, und auch dieses gemächliche Klick-Klick ist uns vertraut.
Außerdem ist die Maus eine Querdenkerin: Sie findet stets ungewöhnliche Lösungen, nimmt sich Freiheiten heraus, auf die ihre Zuschauer nicht kommen würden, und geht genauso sachlich wie zielstrebig an die Dinge heran, die sie interessieren. Ihre Zugangsweise ist von logischer Direktheit und daher oft überraschend. Sie ist das Urviech unter den Kinderfernsehfiguren unseres Landes, nicht wegzudenken aus dem Programm. Das galt vor der Etablierung des Kinderkanals, und es gilt heute erst recht, obwohl sie soviel Konkurrenz hat wie nie.
Kleine, feste Schritte
Armin Maiwald ist ihr erstaunlich ähnlich. Zwar klackert und klickert es nicht, wenn er geht und guckt, und seine Augen sind deutlich kleiner als ihre. Aber auch er nähert sich mit kleinen und festen Schritten seinem Ziel, jede Woche neu, und wie sie faßt er eine Sache in aller Ruhe genau ins Auge, bevor er sie begreifbar macht. Dabei kann er sich Freiheiten herausnehmen, die oft Überraschendes zutage fördern. Und genausowenig, wie die Maus aus dem Kinderfernsehen wegzudenken ist, ist er es aus ihrer Sendung. Mit sich selbst in der Hauptrolle produziert er die Herzstücke der Sendung mit der Maus, kurze Wissensfilme, mit denen er Kinderfragen beantwortet. Ein Urgestein des Kinderprogramms ist Maiwald, einer der prägenden Köpfe der ersten Stunden für die kleinen Zuschauer der sechziger Jahre, die vor ihm fast nur Basteltanten kannten. Und für ihre Kinder, deren Medienhorizont beängstigend weit geworden ist, ist er immer noch eine feste Größe.
Eigentlich müßte es albern wirken: In diesem auf Jugend getrimmten, ins Kindliche verliebten Medium ist ausgerechnet eine Sendung am beliebtesten und langlebigsten, in der zwei nicht mehr ganz junge Herren herumturnen, Sachen ausprobieren, Fragen stellen, auf die kein vernünftiger Mensch kommt, und nicht ruhen, bis sie die richtige Antwort haben. Aber es ist nicht albern. Das liegt daran, daß beide Herren, Armin Maiwald und Christoph Biemann, alles mögliche sind, nur nicht onkelhaft. Zum Beispiel neugierig bis zum Gehtnichtmehr. Wir recherchieren, bis der Arzt kommt, ist Maiwalds Antwort auf die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis seiner Filme, die trotz vieler Nachahmungsversuche immer noch die besten ihrer Art sind. Die Kinder lieben sie, weil sie spüren, daß der Armin die Antworten ebenso genau wissen will wie sie selbst, oder sogar noch genauer - ob es nun um die Frage geht, warum der Himmel blau ist oder darum, wie eine Dose Ravioli verschlossen und später wieder geöffnet wird.
Oft langwierige Vorbereitung
Armin Maiwald, inzwischen sechsundsechzig Jahre alt, ist nicht im geringsten kindlich, genausowenig wie er ein Opa-Typ ist. Das Zauberwort heißt Authentizität. Kindern tut es gut, statt der sich seltsam gebärdenden Berufsjugendlichen auf dem Bildschirm einmal einen unauffälligen erwachsenen Mann in Jeans, mit grauen Haaren und Brille zu sehen, der sich völlig selbstverständlich vor der Kamera bewegt und auch ganz normal spricht. Diese eingesprochenen Texte sind inzwischen berühmt. Sie werden gerne einfach genannt, sind aber vor allem genau und damit das Ergebnis einer oft langwierigen Vorarbeit. Wenn überhaupt etwas kindlich ist an ihm, dann seine Neugierde und die Begeisterung über Antwort-Fundstücke. Aber diese Grundhaltung sollte sich eigentlich jeder Mensch aus der Kindheit hinüberretten, meint Maiwald. Deshalb wundert er sich auch nicht über die vielen Erwachsenen, die seine Sendungen schauen. Infantilismus ist für ihn etwas anderes: Wie kann sich einer hinsetzen und so was wie ,Dschungel Camp' angucken? fragt er kopfschüttelnd.
Er selbst hatte keine Zeit, lange in der Kindheit zu verharren. Mit vierzehn Jahren fing er an zu arbeiten. Die Eltern starben früh, und Abitur, Dramaturgie-Studium, Lebensunterhalt für die junge Familie - alles mußte finanziert werden. Etwa zwanzig Jobs müssen es gewesen sein, vom Anstreicher bis zur Aushilfe in einer Stacheldrahtfabrik. Der besorgten Mutter zuliebe studierte er auch Germanistik und Philosophie auf Lehramt, aber wenn man einen Wunsch hat, dann muß man dem folgen. Seiner führte ihn zum Fernsehen. Er lernte mit Gert K. Müntefering einen der ersten - und letzten - Querköpfe unter den Kinderfernsehredakteuren kennen und erfand mit ihm die Lach- und Sachgeschichten, aus denen ein paar Jahre später Die Sendung mit der Maus wurde. Seitdem hat er nie darüber nachgedacht, einmal etwas anderes zu machen.
Wie entsteht Krieg?
Daß er dazu auch keinen Grund hat, merkt man, wenn man ihn in seiner Filmproduktionsfirma Flash besucht und hinterher um einiges klüger wieder herausgeht: Geschenkband kräuselt sich aufgrund der Oberflächenverschiebung. Die Angaben der Autohersteller für den Benzinverbrauch sind oft lächerlich untertrieben. Eine Million Euro-Stücke passen in einen mittelgroßen Pappkarton. Die Begeisterung über kleine Erkenntnisschritte ist bei jedem neuen Thema frisch, so kommt keine Müdigkeit auf. Derzeit brütet er über den Zugang zur Antwort auf die Frage: Wie entsteht Krieg? Eine Schwerpunktsendung wird es auf jeden Fall.
An diesem Wochenende wird der Geburtstag der Sendung mit der Maus wieder einmal groß gefeiert, mit Sondersendung, Trubel und Trara. Alle möglichen Medienpreise hat das ernsthafte orangefarbene Tier eingeheimst, und Armin Maiwald ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. All das geschieht der Sendung mit der Maus recht. Doch für die jungen Zuschauer ist es nicht gut, wenn sie auf einen Sockel gestellt wird. Denn was in dieser halben Stunde an jedem Sonntag geschieht, sollte selbstverständlich sein: daß Kinder ernst genommen werden (wozu eine bestimmte Haltung gehört), daß sie solide informiert werden (was teuer ist), daß sie auf ihrem eigenen Niveau unterhalten werden (was schwierig ist) und daß jemand ganz normal zu ihnen spricht über genau das, was sie interessiert (was dasselbe ist wie sie ernst zu nehmen).
Ohne ernsthafte Konkurrenz
Die gute Nachricht ist natürlich, daß es Die Maus in dieser Form noch gibt. Aber die Programmstrategen in den Sendern sollten sich fragen, warum das Tier ohne ernsthafte Konkurrenz so alt werden konnte. Und wenn sie all die Maus-Verwandten und -Mutanten unter den neueren Wissensmagazinen für Kinder abziehen: Was gab es seit der Erfindung der Lach- und Sachgeschichten Neues mit einer ähnlichen Prägekraft?
Daß die Maus ein solch mächtiges Leittier werden würde, wußten ihre Erfinder natürlich nicht vom ersten Tag an. Aber sie hatten Zeit, sie zu päppeln. Wenn sie heute ins Programm käme, würde die Maus keine drei Monate überleben, meint Armin Maiwald. Was er den jüngeren Fernsehredakteuren vor allem wünscht, ist Mut. Etwa den Mut, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der die Sache anders angeht. Heute ginge es dagegen nur darum, etwas Erfolgreiches nachzuahmen.
Armin Maiwald gehört zu jenen, die das Kinderfernsehen in seiner Entstehungszeit mitprägen konnten. Wahrscheinlich ist er der einzige, der es seitdem durchgängig tut. Nachfolger haben es ungleich schwerer, denn die Prioritäten haben sich inzwischen verschoben: Bestimmte Formate sind wichtiger als prägende Persönlichkeiten, und die bleiben dann diesem Umfeld lieber fern. Der große Erfolg der Sendung mit der Maus zeigt aber, wie breit der Holzweg ist, auf den diese Haltung führt. Am besten, man geht zusammen mit der Maus zurück: langsam, präzise, mit offenen Augen und sehr zielstrebig.
Frag doch mal die Maus heißt die Jubiläumssendung, in der sich prominente Erwachsene den Kinderfragen an die Maus stellen. Quizmaster ist Jörg Pilawa. An diesem Samstag um 20.15 Uhr im Ersten.
Text: F.A.Z., 07.04.2006, Nr. 83 / Seite 42
Bildmaterial: WDR, WDR/Bettina FŸrst-FastrŽ, WDR/Grafik Streich, WDR/Grafik: Walter Moers, WDR/Monika Herbrich, WDR/Schmitt Menzel/Streich