Von Verena Lueken
15. Februar 2005 Was ist ein politischer Film? Quer durch die verschiedenen Programmschienen des Festivals lassen sich unterschiedliche Antworten auf diese Frage finden.
Jedenfalls muß man sich nicht damit zufriedengeben, nach einer entsprechenden Geschichte Ausschau zu halten, denn es gibt sowieso kaum einen Film, der ohne politische Implikationen auskäme, die französischen Intimdramen nicht und auch nicht die amerikanischen Gesellschaftskomödien oder die europäischen Episodenfilme - nach One Day in Europe wurde außer Konkurrenz Tickets vorgestellt, in dem Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach einige Menschen mit dem Zug quer durch Europa nach Rom schicken, darunter einen Professor, eine albanische Flüchtlingsfamilie und ein paar Fußballfans aus Schottland. Politisch aber in dem Sinn, daß sie eine Situation vor Augen führten, zu welcher der Zuschauer eine Haltung einnehmen muß, sind diese Filme nicht. Sie erzählen einfach Geschichten, die die Welt um sie herum nicht ignorieren.
Staunenswerte Dokumentationen
Gut aufgehoben ist die Politik traditionell im Dokumentarfilm, dem jenseits des Wettbewerbs in diesem Jahr großer Raum gegeben wird. Eine ganze Reihe staunenswerter Dokumentationen führen in Länder und zu Menschen, die gemeinhin jenseits des Wirklichkeitsausschnitts liegen, den wir wahrnehmen, nach Tschetschenien, Ruanda, in den Libanon.
So ist Lost Children von Ali Samadi Ahadi und Oliver Scholz, in dem ehemalige Kindersoldaten aus dem Bürgerkrieg in Uganda erzählen, wie sie getötet haben, natürlich ein immens politischer Film. Denn er enthält etwas, das im täglichen Nachrichtengeschäft nicht entstehen kann und in den auf Aktualität im Minutentakt reduzierten Medien kein Interesse findet: Nachrichten aus dem von Politik beschädigten Leben. Spielfilme hingegen, die keine Propagandafilme sein wollen, haben es schwer mit der Politik. Hotel Rwanda etwa (Das Leiden anderer verfilmen), der eine Geschichte aus der Zeit des Völkermords der Hutu an den Tutsi erzählt, ist, obwohl er es sein will, keineswegs ein politischer Film, denn er zeigt uns nichts, was wir nicht längst gesehen hätten, außer einem Happy-End nach dem Genozid, an das wir nicht glauben.
Überaus dicht erzählt
Anders der Wettbewerbsbeitrag Paradise Now, der zu der Gruppe gelungener Spielfilme zählt, die politisch Position beziehen, ohne daß sie eine Lösung anzubieten sich anmaßten, und die gleichzeitig deutlich machen, daß sie Fiktion sind, mit Wahrheitsanspruch. In dem überaus dicht erzählten Paradise Now geht es um die Geschichte zweier Selbstmordattentäter, ihren Alltag, ihre Familien.
Said und Khaled sind seit ihrer Kindheit befreundet, Saids Vater wurde wegen Kollaboration mit den Israelis hingerichtet, als Said zehn war, Khaled verliert gerade seinen Job, beides keine außergewöhnlichen Schicksale in Nablus. Said ist dabei, sich in die Tochter eines berühmten Selbstmordattentäters zu verlieben, die Gewalt ablehnt und in einer Menschenrechtsorganisation arbeitet, was irgendwann beiläufig erwähnt wird. Eines Tages werden die Dinge besser sein, sagt sie zum Fahrer eines Sammeltaxis. Sie sind wohl nicht von hier, ist seine Antwort.
Kein moralisches Gleichgewicht
Der israelisch-palästinensische Konflikt, davon ist der Regisseur Hany Abu-Assad überzeugt, der als Palästinenser in Israel lebt mit einem israelischen Produzenten gearbeitet hat, liegt längst jenseits jeder Moralität. Es gibt kein moralisches Gleichgewicht beim Töten, soll das heißen, und auch wenn der Film nah an seinen Figuren und deren Motiven bleibt, hält er zu ihrer Entscheidung, sich selbst und möglichst viele israelische Soldaten und Zivilisten in den Tod zu sprengen, gehörigen Abstand.
Aber er beurteilt sie nicht. Wir sehen das Reinigungsritual, bevor sie als menschliche Bomben verkabelt werden, wie sie sich frisch rasiert und gewaschen zum Essen setzen in einer Anordnung, die nicht zufällig aussieht wie das letzte Abendmahl. Bei der Aufnahme des Märtyrervideos versagt die Kamera zweimal, während der Lehrer, der die beiden rekrutiert hat, ein Pitabrot ißt. Sterben und Töten als alltägliches Geschäft. Wie es auf der anderen Seite aussieht, zeigt Paradise Now nicht, ganz anders wird es nicht sein.
Hany Abu-Assad hat diese palästinensisch-deutsch-französisch-niederländische Koproduktion zum Teil in Nablus auf der Westbank, zum Teil in Nazareth gedreht. Kein Blick weist in eine Welt jenseits der Baracken und zerschossenen Häuserzeilen, des großen Zauns, der Straßensperren. Nur einmal verläßt der Film dieses eingeschlossene Gebiet und begleitet die beiden Freunde nach Tel Aviv. Khaled wird im letzten Moment aus der Aktion aussteigen und nach Hause fahren. Said aber wird die Bombe zünden, die ihm um die Brust gebunden wurde. Die Explosion sehen wir nicht. Wenn die Leinwand weiß wird, ist der Film vorbei.
Text: F.A.Z., 15.02.2005, Nr. 38 / Seite 37
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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