21. November 2009 Sie gilt als eine der großen französischen Diven. Doch bei unserem Gespräch beim Filmfestival von Taormina wirkt Fanny Ardant völlig unkompliziert und alles andere als divenhaft. Und sie knabbert an ihren Fingernägeln.
Sie sind die Tochter eines Kavallerieoffiziers und stammen aus einer altehrwürdigen Bürgerfamilie. War Ihr Wunsch, Schauspielerin zu werden, eine Art Rebellion gegen Ihr Elternhaus?
Fanny Ardant: Nein. Ich habe meine Eltern immer geliebt. Wer sagt denn, dass alle Offiziere verknöcherte Reaktionäre sein müssen? Mein Vater entsprach überhaupt nicht diesem Klischee – im Gegenteil: Er war der freieste und unabhängigste Geist, dem ich je begegnet bin. Eine Künstlernatur, sehr großzügig, warmherzig und umfassend gebildet. Er gab mir schon Stendhal und Balzac zu lesen, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich habe eine Menge von ihm gelernt. Zum Beispiel, wie man ehrliche Leute von Lügnern, Wichtigtuern und Blendern unterscheidet – was gerade in meinem Beruf sehr wichtig ist.
Trotzdem sind Sie auf Umwegen zu diesem Beruf gekommen: Sie haben zunächst ein komplettes Politik-Studium absolviert. Warum?
Meine Eltern waren so klug zu erkennen, dass die Schauspielerei ein äußerst unsicherer und risikoreicher Broterwerb ist. Und sie hatten Angst, mein Berufswunsch könnte nur eine vorübergehende Laune sein. Also sagten sie: Studiere erst einmal etwas Anständiges. Wenn du danach immer noch Schauspielerin werden willst, hast du unsere volle Unterstützung.“ Daraufhin pickte ich mir den kürzesten aller Studiengänge heraus: Politologie in Aix-en-Provence. Ich hielt brav durch, und – hopp! – weg war ich. Der Uni-Abschluss war für mich wie ein Passierschein in die Freiheit.
Sie haben Ihre Laufbahn am Theater begonnen. Das war offenbar anfangs sehr mühselig.
Ja, es war hart, äußerst hart sogar. Oft hatte ich so wenig Geld, dass ich mir nicht einmal ein Abendessen leisten konnte. Ich habe mich buchstäblich von Racine, Claudel und Molière ernährt. Doch das hat mir nichts ausgemacht, denn ich war frei! Materielle Dinge haben mir noch nie etwas bedeutet. Schon damals wusste ich, dass Geld uns keine Freiheit verschafft, sondern in immer tiefere Abhängigkeit stürzt: Wir haben Angst, es zu verlieren; wir überlegen fieberhaft, wie wir es investieren sollen; es korrumpiert uns und verführt uns zu den entsetzlichsten Taten. Deshalb habe ich mir geschworen, nie einen Job wegen des Geldes anzunehmen.
François Truffaut hat Sie schließlich für die Leinwand entdeckt. Sie wurden seine Muse, seine Lebensgefährtin und der Star seiner letzten Filme. Würden Sie sagen, dass dies Ihre wichtigste Begegnung war?
Ja. François hat mir eine ganz neue Sicht auf das Leben geschenkt – und damit mein Dasein als Frau und als Schauspielerin völlig auf den Kopf gestellt. Manchmal passiert es eben, dass du einen Menschen triffst, ihm nur zusiehst und zuhörst und dabei plötzlich merkst, dass sich in deinem Innern etwas Entscheidendes verändert. Nach dem Tod von François habe ich zwei Jahre lang nicht gearbeitet und kaum mit jemandem gesprochen.
Seither haben Sie Ihre Filmprojekte sehr genau ausgesucht. Nach welchen Kriterien?
Ich hatte nie ein System oder gar einen Karriereplan. Entscheidend für meine Rollenwahl war meine Sympathie für die jeweilige Filmfigur. Darum denke ich oft, dass ich gar keine richtige Schauspielerin bin. Denn als Profi müsste man ja alles spielen können. Aber ich kann eine Figur nur dann verkörpern, wenn ich sie liebe. Ob die Zuschauer sie ebenfalls mögen, ist mir dabei egal. Nach meinem Film Die Auferstehung des Colonel Chabert“ sagten viele Leute erstaunt zu mir: Sie spielen ja eine Schurkin.“ Und ich erwiderte: Mag sein. Aber ich liebe diese Frau!“
Sie haben mit berühmten Regisseuren gearbeitet. Von wem haben Sie am meisten gelernt?
Von Roman Polanski. Er hat mir zum Beispiel klargemacht, dass die Schauspielerei letztlich eine sehr pragmatische Angelegenheit ist. Man muss nicht monatelang die Gewohnheiten der Hausmädchen studiert haben, um ein Hausmädchen spielen zu können. Wer die Rolle eines Killers übernimmt, kommt ja auch nicht auf die Idee, erst mal eine Zeitlang als Killer zu arbeiten. Genauso wenig muss ich jemanden lieben, um zu spielen, dass ich in ihn verliebt bin. Was ich – abgesehen von solchen praktischen Tipps – an Regisseuren am meisten schätze, ist Enthusiasmus. Am Set erwarte ich von einem Filmemacher, dass er voller Energie steckt und mit Leidenschaft bei der Sache ist. Ob er ein Debütant oder ein alter Hase ist und ob ich im Nachhinein das Resultat gelungen finde oder nicht, ist mir prinzipiell schnurz.
Kürzlich haben Sie selbst Ihr Regiedebüt präsentiert: das archaische Rachedrama Asche und Blut“, zu dem Sie auch das Drehbuch verfasst haben. Wie kam es dazu?
Schon als Kind war ich fasziniert von griechischen Tragödien. Ein Buch über albanische Bestrafungsriten und Ehrenkodizes hat mich schließlich zu meinem Vergeltungsdrama inspiriert. Und als ich bei einem Theaterengagement vor einigen Jahren jeden Nachmittag frei hatte, fing ich an, die Geschichte niederzuschreiben. Ich habe das fertige Drehbuch einer Filmförderungskommission vorgelegt – und tatsächlich Fördermittel bekommen. Trotzdem wollte lange Zeit niemand den Film produzieren. Ständig bekam ich zu hören: Warum schreiben Sie nicht ein nettes Drehbuch über Ihre eigenen Erfahrungen als Schauspielerin?“ Ganz einfach: Weil mich das furchtbar anöden würde! Ich finde es viel interessanter, unbekanntes Terrain zu erforschen.
Es ist ein sehr düsterer Film geworden. Sind Sie eine Pessimistin?
Ja, bereits seit meiner Geburt, glaube ich. Mein Weltbild ist ziemlich finster. Dennoch bin ich ein sehr energiegeladener Mensch. Sozusagen eine aktive Pessimistin!
Sie haben drei Töchter von drei verschiedenen Männern, waren aber nie verheiratet. Würden Sie Ihr Leben gern gegen eine traditionelle Familie tauschen?
Nein. Ich denke, für so ein Nest bin ich einfach nicht geschaffen. Das fängt schon damit an, dass mir herkömmliche Moralvorstellungen fremd sind. Ich war noch nie eifersüchtig. Ich verabscheue Heuchelei. Und während die meisten Leute Untreue für eine Sünde halten, die reihenweise Ehen zerstört, fand ich schon immer, dass ein Seitensprung auch eine Art Vitaminspritze für eine Beziehung sein kann. Im Prinzip habe ich nichts gegen die Ehe. Ich liebe es, glücklichen Paaren im Restaurant zuzusehen – ich bestaune sie wie ein Kunstwerk. Meine Eltern waren auch so ein Paar.
Was haben Ihre Eltern denn zu Ihrem Lebenswandel gesagt?
Nun ja, sie hätten sich natürlich gewünscht, ich wäre einen anderen Weg gegangen. Dabei habe ich mich nie bewusst gegen sie aufgelehnt, mich mit ihnen verkracht oder gar den Kontakt abgebrochen. Ich passte bloß nicht in die althergebrachten Schubladen und fühlte mich stark genug, meine Kinder alleine großzuziehen. Ich wollte mich im Leben nie vereinnahmen lassen – weder von einer politischen Partei noch von beruflichen oder sozialen Verpflichtungen. Ich wollte frei sein.
Meinen Sie, dass ein Freigeist wie Sie manchen Männern Angst macht?
Vielleicht, wer weiß? Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass viele Männer sich vor unabhängigen Frauen fürchten. Warum das so sein mag, habe ich nie begriffen. Denn die Freiheit ist doch keine Waffe – im Gegenteil: Ein wahrhaft freier Mensch kennt keine Vorurteile und ist offen für alles. Ich bewundere solche Leute sehr. Denn ich weiß, dass man sich seine Freiheit stets teuer erkaufen muss.
Haben Sie für Ihre Freiheit bezahlt?
Ich besitze nichts. Kein Haus, kein Boot, kein Auto. Meine Freiheit ist quasi mein einziger Luxus. Andere haben sich zum Sklaven ihres Eigentums gemacht: Sie müssen irgendwelche Schrottfilme drehen, weil sie ihre Steuern bezahlen, ihr Dach reparieren oder ihren Wagen in die Werkstatt bringen müssen. Ich hingegen kann jederzeit nein sagen. Auf diese Weise habe ich mir auch die Liebe zu meinem Beruf erhalten – und das Theater und das Kino haben mir buchstäblich das Leben gerettet. Wissen Sie, als Frau lieben Sie vielleicht Ihre Kinder, Ihren Mann und Ihren Job. Aber die Kinder verabschieden sich garantiert irgendwann, und der Mann kann ebenso schnell verschwunden sein – und dann sitzen Sie mit Ihrem Job alleine da. Deshalb habe ich immer zu meinen Töchtern gesagt: Sucht euch unbedingt einen Beruf, den ihr liebt!
Sind Sie eine strenge Mutter?
Ja, manchmal. Kinder brauchen das. Sie sagen beispielsweise: Mama, ich mag kein Buch lesen, ich will fernsehen.“ Oder sie wollen, anstatt Chopin auf dem Klavier zu üben, lieber grässliche Musik im Radio hören. Denn Chopin und Tolstoi verlangen harte Arbeit, während das Fernsehen gar nichts verlangt. Da muss man als Mutter eben ab und zu Druck ausüben. Das meiste lernen die Kinder ja sowieso von alleine. Aber ich wollte meinen Töchtern unbedingt zwei Dinge nahebringen: die Literatur und das Klavierspiel.
Sind das auch Ihre beiden Hobbys?
Ja, am liebsten verbringe ich meine Abende am Piano oder mit einem guten Buch. Schon als Kind war ich eine Einzelgängerin. Bücher waren meine einzigen Freunde. Sie haben mir alles über die Liebe beigebracht. Vor allem Schundromane: Geschichten von attraktiven, arroganten Männern und armen, bescheidenen Frauen, die diamantene Tränen weinen. Auch heute macht es mir im Gegensatz zu den meisten Leuten nichts aus, allein zu sein und mich mit mir selbst zu beschäftigen. Ich schätze die Einsamkeit sehr.
Treffen Sie sich auch nie mit Kollegen?
Kaum. Sogar mit Gérard Depardieu, mit dem ich mehrfach gemeinsam vor der Kamera und auf der Theaterbühne stand, treffe ich mich nicht privat. Man hat mich oft dafür kritisiert, dass ich keine freundschaftlichen Beziehungen zu Arbeitskollegen pflege. Aber was soll ich machen? Wenn ich Leute zum Essen zu mir einlade, mündet der Abend todsicher in einer Katastrophe. Ich bin eine hundsmiserable Köchin und dementsprechend nervöser als vor jeder Kostümprobe. Aus lauter Angst vor der hämischen Reaktion der Gäste habe ich mich sogar schon mal einen ganzen Abend lang in meinem Schlafzimmer eingeschlossen.
Zeitungen haben von einer Affäre zwischen Ihnen und Gérard Depardieu berichtet.
Ja, aber das ist Unsinn. Ich habe mich mit Gérard immer gut verstanden, doch wir waren nie ein Paar. Manche Journalisten sind offenbar hoffnungslose Romantiker.
Sie etwa nicht?
Doch, ich auch!
Welche Eigenschaften müsste denn Ihr Traummann besitzen?
Bestimmt wäre er kein Schönling – solche Typen stoßen mich eher ab. Er müsste klug und gebildet sein und hervorragend mit Worten umgehen können, denn ich liebe es, mich ausführlich über Literatur oder Musik oder Theateraufführungen zu unterhalten. Esprit, Schlagfertigkeit und Sinn für Humor wären mir ebenfalls sehr wichtig.
Und eine romantische Ader?
Nein. Ich bin selbst dermaßen romantisch veranlagt – das reicht wirklich für zwei Leute!
Zur Person
-Fanny Ardant wird am 22. März 1949 in Saumur an der Loire geboren. Nach einem abgeschlossenen Politologiestudium beginnt sie eine Theaterlaufbahn und ergattert einige Fernsehrollen. Weltberühmt wird sie schließlich mit zwei Kinofilmen von François Truffaut: Die Frau nebenan (1981) und Auf Liebe und Tod (1983). Fanny Ardant bleibt Truffauts Lebensgefährtin bis zu dessen Tod im Jahr 1984.
-In der Folgezeit spielt sie unter anderem in Filmen von Alain Resnais, Michelangelo Antonioni, Volker Schlöndorff, Patrice Leconte, Ettore Scola und Margarethe von Trotta. Für Auch Männer mögen's heiß wird sie 1997 mit dem César als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, für 8 Frauen gewinnt sie 2002 den Europäischen Filmpreis. Im September 2009 kam ihr Regiedebüt Asche und Blut in die französischen Kinos.
-Fanny Ardant hat jeweils eine Tochter aus ihren Beziehungen zu François Truffaut, dem Schauspieler Dominique Leverd und dem Kameramann Fabio Conversi.
Das Gespräch führte Marco Schmidt
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Burkhard Neie, CINETEXT, Cinetext/Constantin Film
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