08. Dezember 2004 Auch das Fernsehen beschreibt die seltsamsten Karrieren. Zu Beginn der Saison in diesem Herbst, als die Sender ihre neuen Shows und Serien dutzendweise ins Programm setzten, hätte kaum jemand darauf gewettet, daß RTL mit dem häuslichsten Format von allen Erfolg beschieden wäre. Doch so ist es gekommen, die "Super-Nanny" ist der einzige Nicht-Flop weit und breit, und dafür gibt es ausnahmsweise ein paar gute Gründe und nicht jene, die Zuschauer veranlassen, sich das Dschungelcamp anzusehen. Oder ist es auch hier die pure Schaulust, sich häusliche Szenen anzusehen, die eher kriegerischer denn herzlicher Natur sind?
Wenn man im Internet in Elternforen und also nachguckt, was die Zielgruppe denkt, kommt man zu anderen Einsichten, Erschrecken über die Szenen en famille mischt sich hier mit Empathie - vor allem für die Eltern. Denn für diese und für solche, die vielleicht mal welche werden wollen, ist "Super-Nanny" gemacht. Und für die Kinder, die, anders als der Kinderschutzbund in einer Philippika meint, hier nicht um ihre Rechte betrogen, sondern aus einer Lage befreit werden - können -, die unerträglich ist. Dabei ist all das zunächst selbstverständlich: Fernsehen. Das weiß niemand besser als jene Frau, welche die aus England stammende Show populär gemacht hat. Denn es hängt zuvörderst von ihr ab, ob den Familien geholfen werden kann und - ob die Sendung funktioniert.
Überraschende Berühmtheit
Eine Anzeige in der Zeitung brachte Katharina Saalfrank auf die Idee, sich mit "Super-Nanny" zu befassen. Einen Augenblick habe sie überlegt, sagt sie, ob so etwas überhaupt und für sie sinnvoll sei, sagt Katharina Saalfrank. Zuerst habe sie erwartet, es werde jemand gesucht, der hinter der Kamera berate, doch machte das Casting in Köln der Diplompädagogin und Musiktherapeutin schnell klar, daß sie ins Rampenlicht sollte, was ihr inzwischen - nach Auftritten bei Jauch und Kerner - zu einer Berühmtheit verholfen hat, die über die warholschen fünfzehn Minuten hinaus- und für einen kleinen Auflauf auf dem Weihnachtsmarkt durchaus reicht. Als sie zuletzt mit einer "ihrer" Familien im Advent unterwegs war, seien die Leute ganz aus dem Häuschen gewesen, erzählt Katharina Saalfrank und wundert sich, wie viele Menschen ihre Sendung inzwischen gesehen haben.
Wundern kann sie sich auch noch über sich selbst und die "Super-Nanny", wenn sie sich die Filme im Fernsehen anschaut. Wie vergessen scheint da nämlich, was gerade bei dieser Sendung von großer Bedeutung ist - die Kamera. Diese scheinen die Eltern, die Kinder und ab und an auch die alles kontrollierende "Super-Nanny" nicht mehr zu bemerken, denn das, was wir hier sehen, ist nicht gespielt, wird nicht für die Kamera inszeniert, sondern ist dramatisch echt. Wobei selbstverständlich die Frage ist, ob im Fernsehen laufen sollte, wie Menschen in ihrem privatesten Bereich, der Familie, derart außer sich geraten.
Diese Familien sind in Not
Katharina Saalfrank hat über all das nachgedacht. Und sie hat Antworten gefunden, die auch erklären, daß sie ihre Stelle als Musiktherapeutin auf einer Intensivstation nicht der Oberflächenreize wegen zuerst suspendiert und dann gekündigt hat. "Diese Familien", sagt sie, "sind in Not." Von entsprechenden Beratungsstellen vermochten die Eltern nicht zu profitieren, "manche waren wirklich verzweifelt", sagt Katharina Saalfrank, die selbst vier Söhne im Alter zwischen fünf und zehn Jahren hat. "Da ist die ,Super-Nanny' der letzte Ausweg." Was sie binnen drei Wochen unternimmt, betrachtet Katharina Saalfrank als "Grundsteinlegung". Sie eröffne "Trampelpfade in einem verworrenen Beziehungsgeflecht". Die Eltern wüßten zwar, daß etwas schiefläuft, wüßten aber nicht, wie sie sich verhalten sollten. "Es geht darum, die erlernte Hilflosigkeit zu durchbrechen", meint Katharina Saalfrank. Hundert Stunden haben sie und die Familien dafür Zeit, hundert Stunden, in denen es um die Kinder geht, in denen aber zunächst deren Eltern lernen müssen. "Ich mache nichts mit den Kindern, sondern mit den Eltern, die eigentliche Aufgabe haben sie zu bewältigen."
Als Handreichung gibt es die Nanny-Regeln, die Katharina Saalfrank aus ihrem eigenen Familienleben abgeleitet hat: Kinder müssen auf die Eltern hören, sie bleiben beim Essen am Tisch sitzen, es gibt kein Fernsehen beim Essen, die Kinderzimmer werden aufgeräumt, ohne Rücksprache verläßt kein Kind das Haus, die Kinder gehen brav ins Bett und bleiben dort, jedes Kind hat seinen eigenen Bereich. Es gibt keine Kämpfe, kein Schlagen, kein Treten, kein Boxen, Spielzeug wird nicht kaputtgemacht oder geworfen, was gesagt wird, wird befolgt, Tiere dürfen nicht gequält werden. Die Eltern wiederum dürfen ihre Kinder nicht schlagen, Vater und Mutter müssen zusammenarbeiten, sie nehmen sich Zeit für jedes Kind, müssen sich um die Kinder kümmern, diese werden angehört und ernst genommen, die Eltern nehmen sich aber auch Zeit für sich selber und - jeder hat sich an die Regeln zu halten.
Selbst der totale Familienmensch
Wie anstrengend das ist, kann man bei "Super-Nanny" sehen, aber auch aus eigener Erfahrung wissen. Was Katharina Saalfrank auf keinen Fall bewirken will, ist der Reflex, der da lauten könnte, daß man ohne Kinder noch am besten dran ist. "Ich bin selber der totale Familienmensch", sagt sie, und: "Kinder werfen uns auf uns selbst zurück, und das ist in der Regel nun einmal anstrengend." Anstrengend, aber nicht aussichtlos, sondern lohnend, das soll "Super-Nanny" vermitteln, deren Ausstrahlung aber auch etwas damit zu tun haben dürfte, daß hinter der zunächst etwas übertrieben inszenierten Rolle der gestrengen Erzieherin eine Frau steckt, die weiß und es genießt, "daß ich Kinder magisch anziehe".
Mit denen hat sie am Ende dann doch mehr zu tun, als es profesionell unbedingt zu Gebote stünde. Was man eben auch nicht alles sieht und was die Bedenken des Kinderschutzbundes vielleicht etwas mildern könnte, der in seiner absoluten Verdammung der "Super-Nanny" sicher über das Ziel hinausschießt, da man sich dort eben auch nur an die äußeren Daten halten kann, und die bestimmt nun einmal das Fernsehen, das mit einem Kameramann, einen Tontechniker und eben der "Super-Nanny" ins Haus. Was selbstverständlich auch schiefgehen kann, wie sich bei Dreharbeiten zu den von der Firma Constantin Entertainment produzierten "Supermamas" von RTL 2 gezeigt hat, bei denen ein Familienvater mit dem Aufnahmeteam in Händel geriet und man sich schließlich gegenseitig mit Anzeigen überzog.
Ein Thema in Deutschland
"Wir ziehen uns sofort zurück, wenn die Familien sich belästigt fühlen", sagt Holger Rettler, der Produzent der Firma Tresor TV, welche die "Super-Nanny" für RTL dreht. "Die Familien können jederzeit abbrechen, wir gestalten die Dreharbeiten so sicher, wie es geht." Fünfzig bis sechzig Familien haben sich darum beworben, von der "Super-Nanny" Besuch zu bekommen, eine Diplompädagogin und eine Erzieherin hätten sich die einzelnen Fälle angesehen. Dabei habe es auch derart problematische Konstellationen gegeben, erzählt Holger Rettler, daß man sie dem Jugendamt gemeldet habe.
Probleme in der Familie sind ein Thema in Deutschland, sagt Rettler, nach anfänglicher Skepsis erfahre man nun mehr und mehr Zustimmung auch von Pädagogen, die in gewisser Weise ihre eigene Arbeit gewürdigt sähen. "Wir haben ein Thema an die Öffentlichkeit gebracht, das seit Jahren schwelte, aber unter der Decke blieb, das nach den Auseinandersetzungen um autoritäre und antiautoritäre Erziehung in einem Vakuum steckte", meint der Produzent, der selbst auch Kinder hat. Der Effekt für die betroffenen Eltern, sagt er, sei beachtlich, so habe eine besonders geprüfte Mutter nach den Dreharbeiten eine Selbsthilfegruppe gegründet und den entscheidenden Anstoß bekommen, um die Dinge in den Griff zu bekommen.
Im Januar in doppelter Besetzung
Die "Super-Nanny" kann nur Erfolg haben, wenn sich alle Beteiligten der Risiken bewußt sind. Für die zweitausend Euro, welche die Sender den Familien zahlen, lohnt sich die Sache nicht. Am Ende, erzählt Katharina Saalfrank, seien es die Kinder, die herzlich auf sie zukämen. Und dann wisse sie, daß die Familienberatung - nicht Therapie - etwas gebracht habe, und zwar nicht nur für RTL.
Doch ist das nur ein Anfang. Danach sind wieder die Kollegen von Frau Saalfrank gefragt, die ohne Kamera unterwegs sind. Bei RTL wird die "Super-Nanny" derweil im Januar schon und dann mit doppelter Besetzung fortgesetzt. Die zweite im Bunde heißt Nadja Lydssan und ist Diplompädagogin in Bonn. Katharina Saalfrank aber ist und bleibt die "Super-Nanny" von RTL.
Mittwochs um 20.15 Uhr bei RTL.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2004, Nr. 287 / Seite 42
Bildmaterial: RTL