Deutschland im Dokumentarfilm

Szenen aus einem exotischen Land

Von Peter Körte

Krach und Betrug: Deutschland im Dokumentarfilm (Szene aus “Full Metal Village“)

Krach und Betrug: Deutschland im Dokumentarfilm (Szene aus "Full Metal Village")

20. April 2007 Seit die Ölreserven knapp werden und wir der Erderwärmung auf dem Außenthermometer zuschauen können, werden wir periodisch ermahnt, doch lieber im schönen Deutschland Urlaub zu machen, um den umweltschädlichen Flugverkehr zu reduzieren. Vielleicht kann man damit schon mal probeweise im Kino anfangen und sich, statt über Dokumentationen aus fernen Regionen zu staunen, einfach umsehen, was es in der Heimat für fremde Welten gibt. Und wer mit dem Blick des Ethnologen durch die Republik reist, dem kommt am Ende dieses Deutschland womöglich auch viel exotischer vor als, sagen wir mal, die Malediven.

Ganz einfach sind solche Reiseziele nicht zu finden, denn es kommen ja nur wenige Dokumentarfilme überhaupt ins Kino. Das Fernsehen strahlt sogenannte Reportagen aus, in denen sonore Stimmen den Zuschauer zutexten und unbedingt mehr erzählen wollen, als zu sehen ist, weil verdiente Auslandskorrespondenten beim Versuch, ihr Berichtsgebiet zu erforschen, meist gefällige Folklore produzieren. Ansonsten - was ist da schon? Da war Michael Moores Agitprop, das Tierepos „Die Reise der Pinguine“, das weniger dokumentarisch als erbaulich war; Sönke Wortmanns Fußballermärchen natürlich, Filme wie „Unser täglich Brot“ oder „We Feed the World“, die einem mit Recht den Appetit verderben, weil sie zeigen, was wir essen. Aber immerhin, jetzt kommen gleich zwei deutsche Dokumentationen in den regulären Kinobetrieb, und wenn das auch kein Trend ist, so lässt es doch hoffen.

Geschäftssinn und ungläubiges Staunen

Auch Dokumentarfilme sind natürlich Kinoerzählungen, sie enthalten Elemente der Inszenierung und füllen nicht einfach das Leben, wie es ist, in Filmdosen ab, um es im Kino vorzuführen. Eher bilden sie eine Versuchsanordnung, in der sichtbar wird, wofür sich einer interessiert, und die Kamera und das Team werden selber zum Teil der Welt, die sie darstellen. Sung-Hyung Cho weiß das auch, sie tritt selber ins Bild, man hört ihre Fragen, und es ist ihre vorgebliche Naivität, welche die Menschen ins Plaudern geraten lässt.

Die 40-jährige Koreanerin, die seit 17 Jahren in Deutschland lebt und hier studiert hat, ist in einen Ort namens Wacken in der Nähe von Itzehoe aufgebrochen, den außer den 1800 Einwohnern und Heavy-Metal-Fans auf der ganzen Welt keiner kennt. Und sie hat für ihren Film „Full Metal Village“ den Max-Ophüls-Preis bekommen. Es war das erste Mal, dass beim Saarbrücker Nachwuchsfestival ein Dokumentarfilm den Hauptpreis gewann.

Sung-Hyung Cho nutzt ihre besondere Perspektive. Sie ist vertraut genug mit Deutschland, um es zu verstehen, aber auch fremd genug, um einen Blick darauf zu werfen, der Deutschen nicht gelingen kann. Und deshalb sagt sie auch, ihren nächsten Film werde sie in Korea drehen, weil ihr ihre Heimat inzwischen so fern gerückt sei, dass sie Korea mit dem Blick der Fremdgewordenen anschauen könne. Für Heavy Metal hat sie nicht viel übrig, aber die Konstellation in der Provinz hat sie fasziniert, als sie davon las. Sie hat den Bauern besucht, der seine Wiesen für das Festival vermietet, und den Motorradschrauber, der das Festival vor vielen Jahren mit ein paar Kumpels erfunden und sich längst zurückgezogen hat. Ein alter Milchbauer erklärt ihr, dass jede Kuh am individuellen Verlauf der Adern auf dem Euter zu erkennen ist, alte Damen ängstigen sich, weil sie hartnäckig glauben, auf dem Festival würden satanische Messen gefeiert, und der trockene norddeutsche Humor der Einwohner sorgt für die Balance zwischen Toleranz, Geschäftssinn und ungläubigem Staunen, wen man sich da vor die Hoftür geholt hat.

Betrug und Fiktion

Und wenn man sich neunzig Minuten in diesem „Full Metal Village“ umgeschaut hat, den die Regisseurin einen „Heimatfilm“ nennt, kommt einem das Ganze fast vor wie ein Märchen: die sturen Holsteiner und die schwarzgekleideten Hartmetaller, die zur Blasmusik der einheimischen Kapelle mitschunkeln, bevor sie sich wilderer Ware zuwenden. Ein Märchen, das auch ein Lügenmärchen sein könnte, eine clevere Geschäftsidee - wie sie auch die vier Protagonisten in Alexander Adolphs Dokumentarfilm „Die Hochstapler“ haben.

Die Linie zwischen Betrug und dem Handel mit Fiktionen ist oft nur dünn - nicht juristisch, aber im Kino oder in der Literatur, wo es um Scheinproduktion geht. Von Felix Krulls Bekenntnissen bis zu Leonardo DiCaprio in „Catch Me If You Can“ sind da immer auch Charme und List und Überredungskunst, Tricks und Rollenspiele, die eine Welt erschaffen, welche es gar nicht gibt; eine Welt, in der Topmanager so danach gieren, zum Millennium auf den Mond zu fliegen, dass sie bereit sind, dem Mann, der ihnen diesen Wunsch zu erfüllen verspricht, fünf Millionen Mark zu zahlen.

Das Reich der Hochstapler ist eine Kunstwelt, eine Fiktion, in der die Strippenzieher wie Schauspieler die Rolle ihres Lebens spielen, bis die letzte Klappe fällt und sich das Gefängnistor hinter ihnen schließt. Adolph hat vier Spitzenkräfte ihres Gewerbes für seinen Film aufgetrieben. Der 41-Jährige hat Jura studiert, bevor er anfing, Drehbücher zu schreiben, und natürlich kennt er die Trennlinie zwischen Betrug und Schein so genau, dass er sie immer wieder spielerisch verwischen kann.

Psychologisiert wird nicht

Formal ist in seinem Film nichts, was von den Erzählungen der Protagonisten ablenkte. Das ist ein gutes Konzept - und auch aus dem Zwang geboren, dass drei der vier Hochstapler noch immer im Knast sitzen. Jenes lächerliche Nachstellen von Situationen, in dem sich Fernsehmagazine wie „Aktenzeichen XY“ gefallen, würde die Sache nur verwässern. Alexander Adolph lässt die vier Männer von sich und ihren Opfern reden - und das ist zugleich eine Art Test für den Zuschauer, weil man auf diese Weise auch der Suggestionskraft ausgesetzt wird, mit welcher die Betrüger die Betrogenen umgarnten.

Es ist oft schwer vorstellbar, was sie berichten, aber es ist wahr, die Geschichte mit dem Mondflug oder die von Torsten S., der sich als amerikanischer Major ausgab und in einem kleinen ostdeutschen Ort vorgab, eine Nato-Konferenz veranstalten zu wollen: Man gab ihm, was er brauchte, woraufhin der Mann die beweglichen Dinge weiterverschenkte. Jürgen H., der Mondfahrer, wollte noch höher hinaus. Er vollzog gigantische Transaktionen, immer weiter, und er hat manchmal selbst kaum begriffen, wie das funktionieren konnte - um irgendwann zu spüren, dass er sich selbst abhandenkam in seiner erfundenen Welt.

Alexander Adolph psychologisiert nicht. Er lässt reden. Es kommen die Eltern eines Delinquenten zu Wort, auch eines der Opfer, die Protagonisten berichten aus ihrer Kindheit, und so entsteht ein unvollständiges Puzzle, wie einer zum Betrüger wird, weil die Intelligenz, die dazu erforderlich war, auch in die Selbstdarstellung und -analyse eingeht. Zwischendurch gibt es ein paar musikuntermalte kleine Idyllen, fiktive Kindheitsbilder, in denen ein Traum vom Glück steckt.

Der ganz eigene Illusionismus des Kinos

Ansonsten nimmt der Film die Aussagen zu Protokoll, weil eben auch keine Notwendigkeit darin liegt, dass aus einem Kind, das den „Wachturm“ anpreisen musste und kurzgehalten wurde, ein Trickbetrüger wird. Und dann hört man wieder zu, nicht ohne dabei auch amüsiert zu sein, wenn Mark Z. erzählt, wie er mit einem Freund ein Haus auf Mallorca gemietet, ein Schild „Zu verkaufen“ angebracht und dieses Haus dann an sehr, sehr arglose Menschen verkauft hat.

Dass die Welt betrogen werden will, das ist die Weltanschauung dieser Hochstapler, die sich selbst mit einer Mischung aus Anmaßung und Demut als Werkzeuge verstehen, welche der Gier ihrer Opfer einen Weg bahnen. So gehen Betrug und Selbstbetrug fast nahtlos ineinander über, weil die vier irgendwann an ihre eigenen Lügen zu glauben begannen - und man begreift, dass jede überzeugende Lüge auch einen wie immer minimalen Wahrheitskern haben muss.

Und wenn man all diesen Menschen aus dem so genannten wirklichen Leben zuschaut, dann verblassen eine Weile lang auch all die fabelhaften Zaubereien mit Spezialeffekten, die Karibikpiraten und die verschiedenen Supermänner, die Dinge tun, welche es nur im Märchen gibt. Oder im Kino. Dann kommt einem der Verkauf eines Flugtickets zum Mond wie ein toller Spielfilmplot vor und das kleine Wacken wie ein Ort, den sich Außerirdische in einer Science-Fiction-Komödie als Landeplatz aussuchen würden. Und dass ein paar Bruchstücke bundesdeutscher Wirklichkeit wie ein Stück gut erfundener Fiktion erscheinen können, ist ja nicht die schlechteste Erfahrung, mit der man ein Kino verlassen kann. Das ist auch weder Hochstapelei noch Betrug; das ist der ganz eigene Illusionismus des Kinos.

„Full Metal Village“ kommt am 19. April ins Kino, „Die Hochstapler“ folgen am 26. April.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 26
Bildmaterial: Christian Burkert, ddp, dpa

 
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