11. Juni 2004 Hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, wir wüßten weniger über den Jubilar. Seinen zweiten Vornamen "Fauntleroy" etwa konnte man nur dem Musterungsbescheid entnehmen, der Donald Duck im Frühjahr 1942 zugestellt wurde. Amerika stand seit Dezember im Krieg, die Disney-Studios wurden ihrer Nachbarschaft zu einem Flugzeughersteller wegen militärisch schwer bewacht (manche würden sagen: besetzt), und Walt Disney schickte seine Stars in die Schlacht, allen voran den mittlerweile populärsten: eben Donald Duck.
"Donald Gets Drafted" war der erste eines runden Dutzend Disney-Kurzfilme, die den Entenhausener Star sowie Goofy und Pluto in die Armee verpflanzten, wo sie mehr oder minder skurrile Abenteuer erlebten (nur Duck kam auch zu einem echten Kampfeinsatz: Im letzten dieser Filme, "Commando Duck" von 1944, zerstörte er einen japanischen Flugplatz). Mit dem Eintritt der Disney-Stars galt für das Image des Militärs die Botschaft des Lieds, das Donald Duck in "Fall Out, Fall In" trällerte: "The Army's Not the Army Anymore."
Gestern Gegner, heute Kunden
Nach dem Sieg verschwanden die Propagandawerke in den Archiven, weil Disney fürchtete, daß die nun zu Verbündeten und vor allem Kunden gewandelten Gegner von einst ihm die nationalen Stereotype verübeln könnten, an denen die Filme so reich waren. Doch vor einem Monat ist nun in Amerika eine DVD-Kassette mit den Kriegs-Cartoons des Disney-Studios herausgekommen, und ein schöneres Jubiläumsgeschenk hätte man Donald Duck zum heutigen siebzigsten Jahrestag der Premiere seines ersten Films, "The Wise Little Hen", kaum machen können.
Denn just die Kriegszeit sollte im Kino seine erfolgreichste werden. Konnte man dem Werbefilm für "The New Spirit", den Disney 1942 für das amerikanische Schatzamt herstellte, das die Einkommensteuer zur Finanzierung der Kriegskosten neu geregelt hatte, noch entnehmen, daß Duck im Jahr 1941 lediglich 2501 Dollar verdient hatte, so beförderte ihn der Oscar für "The Führer's Face" zwei Jahre später zum Superstar. In dem Kurzfilm sieht sich Duck im Traum nach "Nutzi-Land" versetzt, wo er unter steter Beschallung mit Blasmusik im Akkord Granaten montieren muß. Dieser Oscar sollte der einzige bleiben, den Duck in seiner Karriere gewann, und der prämierte Film war bis jetzt genauso unter Verschluß geblieben wie die anderen Propagandawerke der Epoche.
Duck und Madame XX
In einem gar nicht erst realisierten Film, "Madame XX" hätte er heißen sollen, wäre Duck mit einer schönen Nazi-Spionin zusammengebracht worden, deren Äußeres trotz ihrer schnäbligen Schönheit eine gewisse Nähe zu Marlene Dietrich nicht leugnen kann. Eine wilde Verfolgungsjagd sollte im Mittelpunkt stehen, doch das Projekt kam 1942 nicht über die Planung hinaus.
Neun Jahre später erzählte der wichtigste Duck-Zeichner, Carl Barks, in "Gefährliches Spiel" eine ähnliche Geschichte um die Agentin "Madame Triple-X". Barks war bis November 1942 in den Disney-Studios für die Story-Entwicklung in den Duck-Filmen zuständig gewesen, und man kann ihm wohl auch die Idee zu "Madame XX" zuschreiben; die Zeichnung der femme fatale läßt jedenfalls bereits an seine Gundel Gaukeley denken. So hält die Kriegszeit immer noch manches Neue zur Biographie einer Berühmtheit wie Donald Duck parat, die an diesem Mittwoch ihren siebzigsten Geburtstag feiert.
Text: apl / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2004, Nr. 132 / Seite 51
Bildmaterial: AP, Disney, dpa/dpaweb/Disney, obs, Super RTL, Walt Disney