Kino

Oktopusse in Gruftopia: „Matrix Revolutions“

Von Andreas Kilb

Kampf im Lichtschnee: Keanu Reeves und Hugo Weaving

Kampf im Lichtschnee: Keanu Reeves und Hugo Weaving

05. November 2003 Das Gesicht des australischen Schauspielers Hugo Weaving kann man sich gut als Charaktermaske in einer Shakespeare-Aufführung vorstellen: als Polonius in "Hamlet", beispielsweise, oder als Malvolio in "Was ihr wollt". In einer Nebenrolle, als Randfigur. Es hat eine Eigenschaft, dieses Gesicht, die man aus Albträumen kennt, aus alten Bildern, aus Allegorien: Es ist unheimlich geheimnislos. Es ist jedermann, irgendwer. Der Mann auf der Straße. Herr Müller oder Schmidt. Vor allem Schmidt.

In "Matrix Revolutions" spielt Hugo Weaving den Agenten Smith, den Gegenspieler des Helden. Weaving hat Smith auch schon in "Matrix" und "Matrix Reloaded" gespielt, den Vorgängerfilmen dieses Nachfolgefilms. Aber in "Revolutions" wird Smith auf einmal unheimlich wichtig. Er ist jetzt kein Agent mehr, kein Diener der herrschenden Macht, sondern ein wildgewordenes Programm. Bereits in "Reloaded" hat Smith vorgeführt, wie er jeden beliebigen Menschen in eine Smith-Kopie verwandelt, indem er einfach seine Faust in den fremden Körper rammt. In "Revolutions" zeigt er noch mehr. Er kommt jetzt nicht mehr in Banden-, sondern in Bataillonsstärke, um Keanu Reeves alias Neo zu vermöbeln. Und er kann jetzt auch in Leute hineinschlüpfen, die außerhalb der künstlichen Welt der Matrix leben. Diese selbst aber, die digitale Großstadtwelt, die in den ersten beiden Folgen der Serie noch verdächtig an Downtown Los Angeles erinnerte, hat er offenbar derart großflächig kolonisiert, daß sie nur noch nach Smith aussieht. Sie ist Schmidtstadt geworden, Smithopolis, Smithtrix. Und mit ihr der Film.

Notlüge oder Irrtum

Als Larry und Andy Wachowski vor zwei Jahren mit den Dreharbeiten zu "Matrix Reloaded" und "Matrix Revolutions" begannen, gaben sie stolz bekannt, sie hätten ihren "Matrix"-Film von 1999 von Anfang an als Eröffnung einer Trilogie konzipiert. Wenn das nicht die Notlüge des Filmjahrzehnts war, dann war es sein größter Irrtum. "Matrix" war ein Film, der alles zeigte und nichts erklärte - weder, wie man durch ein analoges Klingeltelefon aus einer digitalen Welt heraus- und wieder hineinkam, noch, wie man in diesem Digitalreich "sterben" und dann auch draußen, in der "wirklichen" Welt der Steinkavernen und Höhlenraumschiffe, richtig tot sein konnte. Noch alles andere. Und das war gut so. Denn man sah ja, wie es funktionierte, als Bild. So wie man auf barocken Deckengemälden die Engel fliegen und den Erlöser aus der Wolke leuchten sieht - und wenn es irgendwo Engel und einen Erlöser und eine Matrix und einen "Einen" gibt, dann müssen sie genauso fliegen und leuchten wie bei Michelangelo, Tiepolo und Wachowski.

Denn das war der schärfste Trick an "Matrix", der Kunstgriff, durch den der Film sich endgültig in die Hirne seiner Zuschauer einloggte: die Tatsache, daß die erlogene Welt des Matrix-Programms beruhigend vertraut, die wahre und eigentliche Realität der Kavernen dagegen höchst elend aussah. Er wisse, daß das Steak auf dem Teller vor ihm nicht echt sei, aber er beiße trotzdem gern hinein, sagte in diesem Film ein Mann namens Cipher, der den Helden später für eine Handvoll solcher Steaks mit Bordeauxwein und eine staatliche Alterssicherung verriet, und mit ungefähr derselben Haltung genoß man auch den digitalen Zauber von "Matrix", die Pistolenkugeln, die mitten im Flug stillstanden und dann als Altmetall zu Boden fielen, die schwebenden, wie in flüssiges Glas gegossenen Körper, die zitternden Wände, die splitternden Häuser, die Kapriolen der Logik und des Lichts.

Das ungeheuer Ungefähre

Am Ende von "Matrix" flog Keanu Reeves, zum Angelus digitalis geworden, durch den künstlichen Himmel des großen Simulakrums ins ungeheuer Ungefähre. Dort war er gut aufgehoben; aber es gibt keine Zuflucht vor dem Erfolg. "Matrix" spielte, im Kino, auf Video und DVD, eine Milliarde Dollar ein, und auf diese Zahl mußten die Wachowski-Brüder reagieren. Sie hätten ein neues, ganz anderes Projekt entwickeln können; aber sie blieben bei "Matrix". Und so, wie die Matrix die Simulation einer Welt ist, wurde "Matrix", Teil eins bis drei, die Simulation einer Filmserie.

Denn die erzählerische Logik, der auch diese Geschichte nicht entkommt, verstrickt unseren Helden Neo immer tiefer in die Geschicke jener Menschheitsfestung Zion, in der man, selbst bei Steak und Rotwein, doch keinen Tag lang leben möchte. Es ist eine Art "Enterprise", nur unterirdisch und von Krupp: Gestänge, Kugellager, Rauch und Rostfraß überall. Die trübsinnigen, in sandfarbenes Sackleinen gewandeten Verantwortungsethiker, die dieses Gruftopia bevölkern, haben wir in "Matrix Reloaded" kennengelernt, in "Revolutions" werden sie auf die Probe gestellt. Die feindliche Maschinenarmee, bestehend aus elefantösen "Bohrern" und oktopusartigen "Wächtern", ist nach Zion durchgedrungen; nun trifft Stahl auf Stahl. Man könnte dieses mechanische Ballett vielleicht sogar genießen, wenn man sich nicht dauernd fragte, welcher Sinn eigentlich darin liegt, mit der Computertechnologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Industriehöllen des neunzehnten zu rekonstruieren. Wen kümmert es, ob die Menschheit in diesem Zwinger verblutet oder überlebt?

Ein Haufen Lichtschnee

Auf die Menschenhöhle antwortet ikonografisch die oberirdische Maschinenstadt, zu der Neo in "Matrix Revolutions" vorstößt. Deren Ästhetik scheint eher von Bosch - Hieronymus, nicht Robert - geprägt, aber genau läßt sich das nicht sagen, denn erstens ist es finster, und zweitens hat unser Held nach einem Duell sein Augenlicht verloren. Das ist eine zwingende Metapher für die Blindwütigkeit, mit der die Wachowskis ihre Erlösergeschichte ins hanebüchene Finale treiben, aber für die Leinwand ist es Gift, denn es nimmt dem Blick ins Herz des antihumanen Imperiums jede visuelle Plausibilität. Ein Haufen Lichtschnee, ein Mund aus quellendem Metall, mehr ist es nicht, was man von dem Maschinengott sieht, der Neo in seine Kreise zieht: zu kurz, zu spät, zuwenig.

Und die Matrix selbst? Sie taucht an den Bruchstellen des Films gelegentlich auf, mal als leerer U-Bahnhof, dann als Massendisco, in welcher der Merowinger (Lambert Wilson) seine dekadenten Feste feiert, aber eigentlich sind diese Szenarien nur noch Zwischenspeicher, in denen die Wachowskis jene Einfälle ablegen, die noch einen Schimmer des Surrealen und Abenteuerlichen in sich tragen. Das waren einmal ihre besten: Hochhauslabyrinthe, Wände, hinter denen immer neue Wände liegen, Straßen und Plätze wie aus einem Traum, Gesichter wie das des Agenten Smith. In "Revolutions" ist von alledem fast nur noch Smith übrig, aber dafür tritt er in Massen auf. Er hat sich industrialisiert, wie die Wachowskis selbst - auf "Matrix" eins bis drei antwortet Smith eins bis tausend. Daß Keanu Reeves diesen Mann zur Strecke bringen muß, ist insofern nicht konsequent. Aber alles, was einen Anfang hat, muß ein Ende haben, Neo, Smith und endlich auch dieser Film. Wir wollen seinesgleichen nicht mehr sehen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2003, Nr. 257 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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